© - / First Look / picturedesk.com/First Look/picturedesk.com

Zeitgeschichte
05/17/2020

Kabarett: Das Lachen darf nicht untergehen

Österreichs Kleinkunst mit ihrer Jahrzehnte alten Tradition hat es in Zeiten wie diesen besonders schwer. Aber sie muss überleben.

von Georg Markus

Viktor Gernot sagt, dass die freischaffenden Künstler „hart auf den Boden der Realität prallen“. Lukas Resetarits wittert „eine Missachtung der gesamten Branche“. Und Michael Niavarani erklärt, dass „das Sinnliche am Theater mit all den geplanten Einschränkungen verloren“ ginge.

Die Situation ist ernst – auch wenn die Angehörigen der Kleinkunst in der Hoffnung auf ein neues Staatssekretariat etwas optimistischer gestimmt sind. Jedenfalls ist’s nicht das erste Mal, dass Österreichs Humoristen das Lachen zu vergehen droht.

Der Urvater des Kabaretts im heutigen Sinn hieß Heinrich Eisenbach und leitete ab Ende des 19. Jahrhunderts auf der Praterstraße das Etablissement „Budapester Orpheum“, wo er Hans Moser und Karl Farkas entdeckte. Eisenbachs Witz war vom jüdischen Humor geprägt, wie dieser Conférence-Ausschnitt zeigt:

Der alte Abeles schickt seinen Sohn nach Paris in die Schule, damit er perfekt Französisch lerne. Nach einem Jahr schreibt er ihm: „Sprichst Du schon Französisch?“ Sein Sohn antwortet: „Französisch sprech ich nicht, aber die ganze Klass jüdelt!“

Kabaretts schossen damals wie Pilze aus dem Boden, doch die meisten brachten nur seichte Nummernprogramme zweitrangiger Komiker und sperrten so schnell wieder zu wie sie eröffnet hatten. Es waren Fritz Grünbaum und Karl Farkas, die im „Simpl“ das Kabarett revolutionierten. 1912 als heute ältestes Kabarett der Welt gegründet, sprachen sich ihre Pointen schnell herum. Weitere Stars des Unterhaltungskabaretts der Zwischenkriegszeit waren Anton Kuh, Egon Friedell, Roda Roda, Armin Berg und Hermann Leopoldi, der mit dem Lied „In einem kleinen Café in Hernals“ die Hitparaden stürmte.

Grünbaum und Farkas faszinierten durch ihre geistreichen Conférencen. „Die guten Bücher“ sagte Karl Farkas, „sollte man verbieten, damit sie auch gelesen werden.“

Gemeinsam brachten sie die Doppelconférence nach Wien:

FARKAS: Fritz, kannst du Rätsel lösen?

GRÜNBAUM: Sehr gut sogar.

FARKAS: Also hör zu. Du gibst es mir heute, und ich geb’s dir nächste Woche zurück. Was ist das?

GRÜNBAUM: Nicht ein Schilling.

Neben dem Unterhaltungskabarett etablierten sich in den 1930er-Jahren politisch-literarische Kleinkunstbühnen wie „Der liebe Augustin“, „Die Literatur am Naschmarkt“ und das Kabarett „ABC“, für die später berühmte Schauspieler und Schriftsteller wie Fritz Eckhardt, Fritz Muliar, Gusti Wolf, Hans Weigel und Peter Hammerschlag tätig waren. Der junge Autor Jura Soyfer, über den Karl Kraus sagte, er verbreite „Humor, der keinen Spaß versteht“, fasste auf der Kabarettbühne den damals befürchteten Weltuntergang auf Wienerisch zusammen:

Geh ma halt ein bisserl unter
Mit Tsching-tsching in Viererreihn.
Immer lustig, fesch und munter,
Gar so arg kann’s ja net sein.
Erstens kann uns eh nix g’schehen,
Zweitens ist das Untergehen
’s einzige, was der kleine Mann
Heutzutag sich leisten kann.
Drum gehn ma halt a bisserl unter,
’s is riskant, aber fein!

Cissy Kraner und Hugo Wiener

Farkas: Bilanz der Saison

Qualtinger, Helmut - Schauspieler, Portrait

Bronner spielt Klavier, Peter Wehle steht daneben ...

Fritz Grünbaum

Am 12. März 1938 ist’s mit dem vorwiegend von jüdischen Künstlern verbreiteten Humor vorbei. Am Vorabend des „Anschlusses“ beginnt Fritz Grünbaum seine Conférence auf der völlig abgedunkelten „Simpl“-Bühne mit den Worten:

„Ich sehe nichts. Absolut gar nichts. Da muss ich mich in die nationalsozialistische Kultur verirrt haben.“

Grünbaum wird von den Nazis ebenso ermordet wie seine Kabarett-Kollegen Paul Morgan, Jura Soyfer, Peter Hammerschlag, Fritz Löhner-Beda und Egon Friedell. Auf der Flucht sind Karl Farkas, Anton Kuh, Hermann Leopoldi, Armin Berg, Roda Roda und Hans Weigel.

In Wien wird indes in der Nazizeit das Kabarett „Wiener Werkel“ gegründet, dessen Überleben einem Wunder gleich kommt, zumal sich die Autoren und Schauspieler – zu denen Josef Meinrad und Hugo Gottschlich zählen – mit den hier aufgeführten Texten auf dünnem Eis bewegen. Fritz Eckhardt, in der Diktion der Nationalsozialisten „Halbjude“, schreibt einen Großteil der Sketches – im Untergrund und unter falschem Namen. Eine Nummer wird von Joseph Goebbels persönlich abgesetzt. Über das „Wiener Werkel“ soll der Propagandaminister gesagt haben: „Das ist keine Kleinkunstbühne, das ist ein KZ auf Urlaub.“

„Es blüht nur in besonders schlechten Zeiten“

Nach dem Krieg wird das Unterhaltungskabarett wieder von Karl Farkas beherrscht, wobei er für die Doppelconférencen Ernst Waldbrunn an den „Simpl“ holt. Weitere Stars sind Maxi Böhm, Fritz Muliar, Fritz Imhoff, Heinz Conrads, Ossy Kolmann und das Ehepaar Cissy Kraner-Hugo Wiener („Der Nowak lässt mich nicht verkommen“). Farkas besticht wieder mit seinen pointierten Conférencen:

„Wenn Politiker eitel wären, würden sie sich nicht so oft im Fernsehen zeigen.“

Und einmal mehr entsteht neben dem Unterhaltungskabarett eine kritische Form der Kleinkunst. Ihre Protagonisten sind Gerhard Bronner, Peter Wehle, Louise Martini, Georg Kreisler und Carl Merz. Bronner schreibt für Helmut Qualtinger Lieder, die heute, 60 Jahre später, Klassiker sind: „Der Papa wird’s schon richten“, „Der Bundesbahnblues“, „Der g’schupfte Ferdl“. Qualtinger verlässt das Kabarett 1961, um sich als „Herr Karl“ in die Unsterblichkeit zu spielen.

Peter Wehle gab dem Kabarett nur wenig Zukunft. „Es blüht nur in besonders schlechten Zeiten“, meinte er. „Sollten wieder einmal, was Gott verhindern möge, besonders schlechte Zeiten kommen, dann wird auch das Kabarett wieder kommen.“

Nun, die Zeiten sind nicht gerade rosig, und im Kabarett gibt es auch heute viele junge Begabungen. Wenn man sie nur bald wieder unter vernünftigen Bedingungen auftreten und damit überleben lässt!

Der Witz freilich ist auch in Zeiten wie diesen nicht ausgestorben:

Heut war ich auf der Bank, um Geld abzuheben. Da kamen drei maskierte Leute herein. Zum Glück war es nur ein Überfall. Ich dachte schon, es hätte etwas mit Corona zu tun.