Der andere Gottschalk: Die tödliche Tragödie einer Familie

Joachim Gottschalk war einer der beliebtesten Filmstars seiner Zeit. Doch die Liebe zu seiner jüdischen Frau wurde ihm zum Verhängnis.
Ein Mann, ein Kind und eine Frau sitzen eng beieinander und lächeln gemeinsam in die Kamera.

Nein, die beiden Gottschalks haben nichts miteinander zu tun, es gibt keine verwandtschaftlichen Beziehungen. Der eine bleibt auch nach seinem Rückzug vom Samstagabend einer der populärsten Entertainer. Doch der andere ist so gut wie vergessen, obwohl auch er einer der größten Publikumslieblinge seiner Zeit war. Wenn man sich heute noch des Film- und Theaterstars Joachim Gottschalk erinnert, dann ist es die Tragödie, die sein Leben und das seiner Familie beendete.

Abschiedsbriefe

„Wenn Sie dies lesen, sind wir erlöst“, steht in einem der Abschiedsbriefe, die Joachim Gottschalk hinterlassen hat. Er schrieb diese Zeilen am 5. November 1941 in seiner Berliner Wohnung. Am nächsten Tag gab er sich, seiner Frau und seinem achtjährigen Sohn Schlaftabletten, drehte den Gashahn auf, und alle drei starben.

Hintergrund der Tat war der „Befehl“ des Nazi-Propagandaministers Joseph Goebbels an den Schauspieler, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen, was Gottschalk kategorisch ablehnte, da er sie über alles liebte.

Die deutsche Historikerin Rosemarie Killius schildert in ihrem Buch Die tödliche Freiheit des Schauspielers Joachim Gottschalk die glänzende Karriere und das tragische Ende des Stars und seiner Familie.

Drei Wochen nach Hitler

Gottschalk war 1904 in Brandenburg zur Welt gekommen und zunächst auf kleineren Bühnen aufgetreten. In Stuttgart lernte er seine Kollegin Meta Wolff kennen, verliebte sich und heiratete sie 1930. Am 19. Februar 1933 wurde der gemeinsame Sohn Michael geboren.

Was nach Idylle klingt, führte geradewegs in die Katastrophe, denn drei Wochen vor Michaels Geburt war Hitler in Berlin an die Macht gekommen. Und Meta Wolff war Jüdin.

Sie wurde sofort mit Berufsverbot belegt, Gottschalk konnte bei einem Theaterengagement in Frankfurt vorerst noch verheimlichen, mit einer „Nicht-Arierin“ verheiratet zu sein. Gleichzeitig nahm seine Karriere Fahrt auf: Große Rollen kamen auf ihn zu, in Klassikern wie in Lustspielen, das Publikum jubelte, sobald er die Bühne betrat.

Andere jüdische oder „jüdisch versippte“ Schauspieler erkannten die Lebensbedrohung und flohen ins damals noch nazifreie Österreich oder in andere Länder. Gottschalk erhielt sogar ein Angebot von Metro-Goldwyn-Mayer nach Hollywood zu gehen, hat jedoch „die politische Gefahr für seine Familie nicht verstanden“, schreibt Rosemarie Killius, die dem hochgebildeten und intelligenten Schauspieler eine diesbezügliche Naivität attestiert. Er dachte wohl, dass ihm aufgrund seiner Popularität nichts passieren könnte.

Ein Paar in Hüten und Kleidung der 1930er Jahre geht mit einem Koffer auf der Straße.

Frauenschwarm Joachim Gottschalk in dem 1940 mit Paula Wessely in Wien gedrehten Film „Ein Leben lang“.

1938 in Nazi-Deutschland für das Kino entdeckt, drehte Joachim Gottschalk bis zu seinem Tod 1941 sieben Filme, alle als Hauptdarsteller. Der bekannteste ist „Ein Leben lang“, in dem er und Paula Wessely als Liebespaar brillieren. Dieser, 1940 von der Wien-Film in Wien und in der Steiermark gedrehte Film, war der größte deutsche Kassenerfolg des Jahres und lief in in- und ausländischen Kinos. In den Medien war Gottschalk jetzt „der populärste deutsche Schauspieler“.

Doch auf Dauer ließ sich nicht geheimhalten, dass seine Frau Jüdin war. Also erteilten ihm die NS-Behörden, da er als Publikumsliebling und Frauenschwarm für Film und Theater unverzichtbar war, eine „Sondererlaubnis“. Er befand sich damit in einer ähnlichen Situation wie Hans Moser, Theo Lingen, Heinz Rühmann und Hans Albers, die ebenfalls mit Jüdinnen verheiratet oder liiert waren. Nur Rühmann willigte einer Scheidung ein. Die Letztentscheidung, ob ein „belasteter“ Schauspieler seinen Beruf ausüben durfte, behielt sich Hitler vor, der seine Einwilligung nur in Ausnahmefällen erteilte.

Als lokale Parteibonzen in Frankfurt Gottschalk infolge seiner Ehe für „untragbar“ hielten, übersiedelte er samt Familie nach Berlin, spielte dort Theater und drehte Filme.

Der Eklat mit Goebbels

Bis es zum Eklat kam: Joachim Gottschalk nahm seine Frau – um jedes Risiko zu vermeiden – nie zu den Premieren seiner Filme mit. Am 9. April 1941 begleitete sie ihn jedoch ausnahmsweise zur Uraufführung des Films Die schwedische Nachtigall, in dem er den Dichter Hans Christian Andersen spielt. Gottschalk wusste nicht, dass an diesem Abend Goebbels anwesend sein würde. Der ging auf Meta Gottschalk zu, küsste ihr die Hand und unterhielt sich mit ihr angeregt. Danach fragte er jemanden aus seiner Umgebung, wer diese nette und kluge Dame sei. Man antwortete ihm, dies sei die jüdische Frau von Joachim Gottschalk.

Kein Ausweg

Goebbels schäumte vor Wut, vor allem weil er einer Jüdin die Hand geküsst hatte. Und er vermutete in seinem Verfolgungswahn, dass man ihm eine Falle gestellt hätte. Nach diesem Vorfall übte Goebbels immer massiveren Druck aus: Sollte Gottschalk sich nicht ehebaldigst scheiden lassen, würde er aus der Reichstheaterkammer ausgeschlossen, damit automatisch als Schauspieler gesperrt und zur Wehrmacht einberufen. Seine jüdische Frau und der „halbjüdische“ Sohn waren bereits für den Transport ins Ghetto Theresienstadt vorgesehen, von wo aus verfolgte Menschen oft nach Auschwitz deportiert wurden. In dieser Situation sah Joachim Gottschalk keinen anderen Ausweg als mit Frau und Kind aus dem Leben zu scheiden.

Freunde und Kollegen waren, als sie vom Tod der beliebten Familie erfuhren, erschüttert und fassungslos.

Doch Goebbels erließ ein Verbot, die Tragödie in Rundfunk, Zeitungen und Wochenschau zu melden, Gottschalk sollte nicht nur tot, sondern auch totgeschwiegen sein. Das Drama verbreitete sich im Deutschen Reich dennoch wie ein Lauffeuer.

In seinen Abschiedsbriefen findet sich auch ein Satz, mit dem Joachim Gottschalk den Dichter Heinrich von Kleist zitiert (der ebenfalls den Freitod gewählt hatte): „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“

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