Die Sekretärin des Teufels: Diese Frau tippte für Joseph Goebbels
Brunhilde Pomsel im Alter von 103 Jahren, als sie über ihre Arbeit für Goebbels sprach.
Er sei ein „anständiger Mann“ gewesen. Man will nicht glauben, dass Brunhilde Pomsel mit diesen Worten ihren ehemaligen Chef beschrieben hat, der zu den größten Verbrechern der Geschichte zählt. Frau Pomsel arbeitete drei Jahre als Sekretärin für Joseph Goebbels, der durch seine antisemitische Propaganda zu einem Wegbereiter des Holocausts und durch seine fanatischen Hasstiraden zum übelsten Kriegshetzer des Naziregimes wurde. Frau Pomsel nahm Diktate auf und schrieb die Lügen und Diffamierungen nieder, die dann durch Goebbels’ Gebrüll und in gleichgeschalteten Medien verbreitet wurden.
Die Arbeit im Ministerium
Sie war 103 Jahre alt, als sie im Jahr 2014 über ihr Leben und ihre Arbeit im Propagandaministerium sprach. Ihr insgesamt 30-stündiges Interview diente als Grundlage für ein Buch, einen Dokumentarfilm und für ein Theaterstück, das am 18. Dezember im Wiener Theater in der Josefstadt Premiere hat.
„Ein deutsches Leben“: Von Christopher Hampton. Deutsche Fassung: Sabine Pribil. Premiere: 18. Dezember, Theater in der Josefstadt. Mit Lore Stefanek in der Rolle der Brunhilde Pomsel. Regie: Andrea Breth.
Brunhilde Pomsel war 1911 in Berlin zur Welt gekommen und in mehreren Firmen als Sekretärin tätig gewesen, in denen zwei ihrer Chefs Juden waren. Wie auch ihre Freundin Eva Löwenthal, die 1945 in Auschwitz ermordet wurde.
Dennoch trat Frau Pomsel wenige Wochen nach Hitlers Machtergreifung 1933 der NSDAP bei, um beim Reichsrundfunk eine wesentlich besser bezahlte Anstellung zu erhalten. 1942 wurde sie dann als Sekretärin und Stenotypistin ins Propagandaministerium geholt, in dem sie bis zum letzten Tag des „Tausendjährigen Reichs“ blieb. Sie tippte für Goebbels persönlich und für diverse Abteilungen seines Ministeriums.
Nichts gewusst
Trotz ihrer exponierten Stellung wollte Brunhilde Pomsel vom Holocaust, den Goebbels mitzuverantworten hatte, nichts gewusst haben. „Dass es Konzentrationslager gab“, sagte sie, „das wusste ich seit ewigen Zeiten, aber dass sie Menschen dort vergast und verbrannt haben – niemals.“ Sie selbst sei immer „ein unpolitisches Mädchen“ gewesen.
Übelster Kriegshetzer: Propagandaminister Joseph Goebbels.
Für den deutschen Autor Thore D. Hansen, der ein Buch über Brunhilde Pomsel geschrieben hat, ist es „sehr schwer vorstellbar, dass eine Schreibkraft auf oberster Ebene von den Inhalten nichts mitbekommen hat. Sie hat einem Mann gedient, der ein ganzes Volk verführt, manipuliert und in den Abgrund getrieben hat.“
Goebbels nahm seine Sekretärinnen so gut wie nicht zur Kenntnis, er behandelte sie wie Luft, sprach mit ihnen kein Wort, das über die Arbeit hinausging. Als Frau Pomsel einmal bei einer Theateraufführung neben ihm saß, begrüßte er sie kaum. Dennoch achtete sie ihn als ihren Chef.
Das änderte sich – wenn auch nur vorübergehend – am 18. Februar 1943, an dem sie Zeugin seiner berühmten Hassrede im Berliner Sportpalast wurde, in der Goebbels vor 10.000 Zuhörern mit kreischender Stimme die perfide Frage stellte: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Da hätte Brunhilde Pomsel ihn als „Angst machend“ und als „tobenden Zwerg“ empfunden, der im völligen Kontrast zum „harmlosen Büroalltag“ stand. „Aber ich habe es dann auch wieder verdrängt.“
„Ein feiner Kerl“
Brunhilde Pomsel erlebte das Ende des NS-Regims zusammen mit anderen Beamten im Luftschutzkeller des Propagandaministeriums. Am 30. April 1945 kam Goebbels’ Adjutant Günther Schwägermann, „ein feiner, ein netter Kerl“ (©Pomsel), vom nahen Führerbunker herüber und teilte den Anwesenden mit, dass Hitler Selbstmord begangen hat. „Da wusste jeder, was das zu bedeuten hatte. Krieg zu Ende und verloren.“
Stunden später kam der Adjutant wieder und erklärte, dass sich nun auch Goebbels das Leben genommen hätte. „Seine Frau auch? Ja, und die Kinder? Die Kinder auch.“ Heute weiß man, dass der Propagandaminister und seine Frau Magda sich selbst und ihre sechs Kinder im Führerbunker vergiftet haben.
Brunhilde Pomsel hat fast bis zuletzt an den prophezeiten „Endsieg“ geglaubt und als pflichtbewusste Schreibkraft auch im Luftschutzkeller weitergetippt. Als Berlin bereits hoffnungslos in Trümmern lag, erhielt sie von einem Goebbels-Stellvertreter den Auftrag, eine weiße Fahne als Zeichen der Kapitulation zu nähen. So haben die Sowjets praktisch durch Frau Pomsels Schneiderarbeit erfahren, dass sich der Krieg seinem Ende zuneigte.
Lebensbeichte
„Das alles war ein Riesenverbrechen, darüber sind sich nachher alle klar gewesen“, gestand Frau Pomsel in ihrer Lebensbeichte, in der sie auch die rhetorische Frage stellte, ob man nicht etwas dagegen hätte tun können. Und zu dem Schluss kam: „Das war nicht möglich.“ Der geringste Widerstand hätte den eigenen Tod bedeutet.
Brunhilde Pomsel war eine Mitläuferin, aber eine, die nur wenige Schritte vom Teufel entfernt mitlief. Sie gab an, nicht an Gott, aber an den Teufel zu glauben. Verständlich, ist sie doch drei Jahre lang in seinem Nebenzimmer gesessen.
Fünf Jahre Haft
Die Sowjets nahmen Brunhilde Pomsel nicht ab, die Verbrechen der Nazis nicht mitbekommen zu haben, weshalb sie nach dem Krieg zu fünfjähriger Haft verurteilt wurde. Zu Unrecht, wie sie meinte, „weil ich ja nichts getan hatte, als bei Herrn Goebbels zu tippen“.
Nach ihrer Freilassung im Jahr 1950 tippte Brunhilde Pomsel, die nie verheiratet war, wieder in verschiedenen Büros, zuletzt bis zu ihrer Pensionierung 1971 als Chefsekretärin in der ARD-Programmdirektion.
Sie starb am 27. Juni 2017 im Alter von 106 Jahren in München.
Kommentare