Herbert von Karajan, fremdnazifiziertes NSDAP-Mitglied

Der Dirigent sei bloß ein Opportunist gewesen, meint Michael Wolffsohn. Im Auftrag des Eliette und Herbert von Karajan Instituts ...
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Im Jänner 2022 kam der deutsche Historiker Peter Hoeres zum Schluss, dass Helmut Horten in der NS-Zeit keine Notsituation für jüdische Geschäftsleute herbeigeführt oder diese verschärft hätte. Aber natürlich: Ohne die Repressionen des NS-Regimes, die im Genozid mündeten, wäre es dem Herrenmodenverkäufer nicht gelungen, ab 1936 mehrere Kaufhäuser zu übernehmen. Dieses entlastende Gutachten war von der Helmut Horten Stiftung in Auftrag gegeben worden, die der Multimillionär 1971, nach dem Rückzug ins Privatleben, in der Schweiz gegründet hat.

Nun liegt wieder eine Studie vor – über den Dirigenten Herbert von Karajan im Nationalsozialismus. Der Historiker Michael Wolffsohn, geboren 1947 in Tel Aviv, entlastet ihn: „Die Quellen zeigen Herbert von Karajan als einen Künstler, der sich in einem diktatorischen System formal anpasste, ohne dessen Ideologie zu internalisieren. Er war kein Täter und kein Gesinnungsnationalsozialist, sondern ein politisch desinteressierter, auf seine Musik fixierter Opportunist.“

Karajans Handeln sei primär von künstlerischem Erfolg geprägt gewesen, nicht von politischem Engagement: „Seine Briefe zeigen keinen ideologischen Eifer, aber eine deutliche Karriereorientierung.“ In Auftrag gegeben wurde die Studie vom Eliette und Herbert von Karajan Institut.

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Michael Wolffsohn: „Genie und Gewissen. Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“ Herder, 26 Euro.

In seinem Buch „Genie und Gewissen“ führt Wolffsohn aus, dass Herbert von Karajan nicht 1933, unmittelbar nach der Machtübergabe an Adolf Hitler in Deutschland, Mitglied der NSDAP geworden sei (es blieb beim Versuch), sondern erst 1935 (um in Aachen Generalmusikdirektor werden zu können). Macht das wirklich einen gravierenden Unterschied? Für den Autor schon: Er kontert immer wieder seinen Wiener Kollegen Oliver Rathkolb, der den Dirigenten deutlich kritischer beurteilt hat. Für Wolffsohn ist Herbert von Karajan quasi erst nach dem Untergang des Dritten Reichs zum festen Nazi gemacht worden – im Kalten Krieg. Er spricht ausführlich von „Fremdnazifizierung“.

Und er braucht auch insgesamt sehr viele Seiten (samt Anmerkungen deren 360): Wolffsohn ufert geradezu aus. Bezeichnend für seine Interpretationsfreude ist eine Begebenheit, die er nur vom Hörensagen kennt. Sie habe sich 1986 zugetragen, als sich Kurt Waldheim weigerte, offen und ehrlich mit seiner NS-Zeit umzugehen. Damals soll der Sohn Salzburgs Kardinal Franz König und dessen damaligen Sekretär Johannes Huber mit dem Privatjet in Wien abgeholt haben: „Der Chef und leidenschaftliche Pilot höchstpersönlich steuerte das Flugzeug. Man wollte nach St. Moritz, um dort in der Karajan’schen Villa einige Tage zu verbringen.“ Man unternahm eine „Wanderung“, bei der Karajan mit dem Kardinal über den „Opportunismus in seinem früheren Leben“ gesprochen haben soll. Im „Inneren“ des Dirigenten hätte es rumort: „Habe ich mir doch etwas vorzuwerfen?“ Aber nein, so die erteilte Absolution. Wenn doch auch Günter Grass „lange log und (ver)schwieg“.

Falls man noch mehr wissen will: Die Buchpräsentation findet am 19. Februar um 16.30 Uhr in der Staatsoper statt.

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