Chronik
04.03.2018

Handy-Lüge: „Bei mir hat das Hirn ausgesetzt“

Franz R. behauptete, die Caritas verschenke Handys an Flüchtlinge. Diese klagte erfolgreich. Statt einer Strafe half er in einem Flüchtlingsquartier mit.

Zwei kleine Buben lassen Papierflieger steigen. Dalal (40) aus dem Irak schaut mit seiner Frau Meryem und den Töchtern Janaa und Zuzu Mickey Mouse im Fernsehen. Und Franz R. (Name von der Redaktion geändert, Anm.) macht kurz Pause in der Kaffeeküche im Haus Damaris, einem Asylquartier der Wiener Caritas in der Bachofengasse im 19. Bezirk. Gemeinsam mit Mahdi aus dem Irak hat der 60-Jährige soeben Lebensmittelspenden vom nahegelegenen Supermarkt geholt – mit einem Transportwagerl. "Darum beneid’ ich ihn nicht. Das ist mühsam mit dem Rollsplit auf dem Gehsteig."

Dass Franz R. danach auch bei der Ausgabe der Lebensmittel an die Flüchtlinge hilft, geschieht nicht aus purer Nächstenliebe. R. hat sich dazu verpflichtet, Freiwilligenarbeit in einem Asylquartier der Caritas zu leisten, nachdem diese ihn erfolgreich geklagt hat. R. hatte behauptet, dass die Caritas Handys an Flüchtlinge verschenke.

Scham

In ein Gespräch mit dem KURIER willigt Franz R. ein. Ein Foto von sich will er aber keinesfalls in der Zeitung sehen. Auch nicht, wenn er unkenntlich gemacht wird. Dass er gegen Flüchtlinge Stimmung gemacht hat, wisse nur seine Frau. Vor Bekannten hält er die Sache geheim. Nicht einmal seine drei erwachsenen Kinder wissen davon. Zu groß ist seine Scham über den 2. September des Vorjahres.

Schuld war der "EU-Bauer" aus dem Villacher Fasching. Manfred Tisal, der die Rolle bis 2017 spielte, wetterte auf Facebook über "die Asylanten", die "mit Smartphone und nagelneuen Bikes" an seinem Balkon vorbeigingen. Medien berichteten darüber. Als Franz R. das las, stieg in ihm der Grant auf.

R. ist kein Kampfposter. Er ist nicht auf Facebook aktiv, hat kein Smartphone (sondern ein Nokia 6210, weil ihm das ständige Gepiepse auf die Nerven gehe). Unter diesen einen Artikel im Online-Forum eines österreichischen Mediums postete er dann doch einen Kommentar. Seinen "ersten und letzten", wie R. sagt. "Ohne mit der Wimper zu zucken" würde die Caritas "Euro 1.500,-- für Handys auf den Tisch" legen – das habe er selbst gesehen (siehe Faksimile). Dass das schlicht gelogen ist, erklärt die Caritas zwar laufend, weil sich das Gerücht aber seit zwei Jahren hält, reichte die Hilfsorganisation – wie berichtet – mehrere Klagen ein. In zwei Fällen war sie schon erfolgreich: Eine Person, die behauptete, die Caritas würde für straffällig gewordene Asylwerber die Kaution bei einer Entlassung aus dem Gefängnis übernehmen, musste eine Gegendarstellung veröffentlichen. Mit Franz R. einigte man sich auf den Freiwilligendienst im Asylquartier. "Vorurteile können am besten durch Begegnung abgebaut werden", sagt Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien.

Zu dieser Begegnung kam es am Freitag. In der Nacht zuvor schlief der 60-Jährige, der in Wien-Donaustadt lebt, nicht gut. "Mir setzt das alles sehr zu", sagt er. Im Asylquartier hat er dann aber "einen positiven Vormittag".

Wie in Hurghada

R. plaudert mit zwei irakischen Familien und erkennt, dass sie sich selbst versorgen. "Ich hab’ geglaubt, die leben wie im Hotel, haben ‚All inclusive’ wie in Hurghada."

Heute wisse er, dass er "einer falschen Information aufgesessen" ist. "Bei mir hat das Hirn ausgesetzt." Ein Bekannter habe ihm erzählt, dass die Caritas Handys verschenke. Als sich der "EU-Bauer" über Asylwerber beschwerte, habe er halt dazu gepostet. "Dafür übernehme ich die Verantwortung", sagt R. Er sagt aber auch, dass er schlechte Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht habe. Einmal sei er mit vollbepackten Einkaufstaschen in sein Wohnhaus gekommen, in der auch eine Flüchtlingsfamilie lebe. "Die Frau geht einen Meter vor mir und hält mir nicht die Tür auf." Gute Erziehung, wie er sie genossen habe, gebe es heutzutage nicht mehr. "So etwas ist für mich ein Gradmesser", sagt R. Und er meint: "Wer in Österreich was verdient, wird zur Kasse gebeten. Unsereiner wartet monatelang auf einen Arzt-Termin, andere kommen und kriegen sofort eine Untersuchung." Ob das nicht auch wieder so ein Gerücht sein könnte, wie das mit dem Handy? Nein, das habe er selbst erlebt.

Was also nimmt Franz R. mit von Klage und Freiwilligendienst? "Man soll sich immer beide Seiten anhören. Das ist der Grundsatz, den ich mir auferlegt habe."