Chronik | Burgenland
21.04.2018

Spurensuche in einer dunklen Zeit: Die NS-Zeit im Burgenland

Norbert Pingitzer beleuchtet in seinem neuen Buch die NS-Zeit in den Dörfern des Burgenlandes

von Claudia KoglbauerFür Geschichte, insbesondere jene in seiner Heimat, dem Burgenland, habe er sich schon immer interessiert. Themen, wie der Entwicklung der Motorisierung Pannoniens hat sich der ehemalige Unternehmer Norbert Pingitzer bereits erfolgreich angenommen. Nun widmete sich der Burgenländer einem dunklem Kapitel in seiner Heimat. Sein neuer, rund 170-seitiger Band trägt den bezeichnenden Namen „Der Anschluss“.

Weil Pingitzer im Burgenland bekannt ist wie der sprichwörtlich „bunte Hund“ und man im Land um seine Leidenschaft für historische Ereignisse weiß, habe sich bei seinen Recherchen für das Buch eine „Eigendynamik entwickelt“. „Viele Burgenländer haben in ihren privaten Fotoalben Bilder aus der Zeit rund um das Jahr 1938“, schildert der Kobersdorfer. Immer wieder sei er kontaktiert worden, ob er nicht einen Blick auf die papierenen Zeitzeugen werfen möchte. Und er wollte. „Ich bin von Pontius zu Pilatus, von Kalch bis Kittsee unterwegs gewesen. Die Leute haben nicht nur ihr Fotoalben, sondern auch ihre Herzen geöffnet.“ So sei es ihm gelungen, mit Zeitzeugen über das Jahr 1938 zu sprechen.

Bilder aus US-Archiv

Weil sich das Spritgeld für die dafür zurückgelegten Kilometer dermaßen summierte, stieg Pingitzer zeitweilig sogar auf Elektroautos um. Viel Geld habe er auch für 40 Fotos ausgegeben, die er aus Amerika angekauft hat. Aus dem US-Archiv in Washington stammt ein Album zum Besuch des Reichsinnenministers Wilhelm Frick im Burgenland (siehe Zusatzbericht).

Gratis, aber keinesfalls umsonst, waren hingegen die sehr wertvollen Interviews mit Zeitzeugen. „Viele faszinierende Persönlichkeiten“ habe er im Rahmen seiner Recherchen kennengelernt. Eine, die sich noch gut an das Jahr 1938 erinnert, ist Elisabeth Pacher Theinburg aus Lutzmannsburg. Sie wurde 1918 geboren, ihr Vater war Besitzer einer Ziegelfabrik. 1937 hatte er die Fabrik an einen Unternehmer in Ödenburg (Sopron) vermietet. „Der Papa hat immer gesagt ‚ich will nicht politisieren, ich will nicht‘“, erinnert sich die 100-Jährige. Doch die Nazis hätten die Maschinen aus seiner Fabrik anderswo hinbringen wollen, weil der Pächter ein Jude war. Elisabeth Pachers Vater ist es dann schließlich gelungen, dass die Maschinen in Lutzmannsburg blieben.

Auch den 1921 geborene Karl Schießl aus Sieggraben konnte Pingitzer als Interviewpartner gewinnen. Schießl zählt zu den wenigen noch lebenden Burgenländern, die bei der Machtergreifung der NS am 11. März 1938 vor dem Landhaus in Eisenstadt waren.

Eingeflossen in das Buch ist auch ein Gespräch, das der Autor mit dem einstigen Nationalsozialisten Tobias Portschy in den 1980er Jahren führte. Portschy, der 1905 in Unterschützen geboren worden war, war Gauleiter im Burgenland.

Um seinen Lesern ein besseres Bild von den Geschehnissen zu verschaffen, hat Pingitzer Hunderte Fotos aus verschiedenen Ortschaften sowie Zitate, Zeitungsausschnitte und Briefe gesammelt und abdrucken lassen.

Als Autor sieht Pingitzer es als seine Aufgabe, eine „beobachtende Stellung“ einzunehmen. „Ich will eine Publikation vorlegen, die nicht kommentiert, keinen eigenen Befindlichkeiten transportiert.“ Auch wenn 80 Jahre danach die Emotionen zu m Thema Nationalsozialismus hochgehen: „Ich habe versucht, mich möglichst objektiv an den historischen Fakten zu orientieren. “

 

Jahr 1938 auf 168 Seiten mit 400 Bildern

Mit seinem Buch „Motorräder im Burgenland“ hat Autor Norbert Pingitzer in der Kategorie „Sachbuch“ bereits den 2. Platz belegt. Zum  Gedenkjahr hat er sein neues Werk „1938 – Der Anschluss“ herausgegeben. Auf  168 Seiten und mit über 400 Bildern wird die Zeit vom 11. März bis 10. April 1938 dargestellt.  Pingitzer ist bei den Recherchen auf ein  Fotoalbum gestoßen, das seit Kriegsende in der Library of Congress in Washington verwahrt wird. Es trägt den Titel „Burgenland – Marsch ins Dritte Reich“.

Info: norbipingi@a1.net