© Kettinger

Chronik | Burgenland
01/07/2019

Retter einer blinden Dohle

Herz für Tiere. Erich Kettinger pflegt den Vogel seit eineinhalb Jahren bei sich zuhause

„Louis“ lässt sich nicht locken. Der schwarze Vogel weigert sich beharrlich, seinen Platz auf einem Ast im hinteren Bereich der Voliere zu verlassen, um für den Fotografen besser sichtbar zu sein – hier ist er sicher, das scheint er zu spüren. Diese Sicherheit, ja mehr noch, das Leben, verdankt die Dohle einer Familie aus Siegendorf.

Erich Kettinger hat das schwer verletzte und blinde Tier im Spätwinter 2017 im Garten gefunden. Ob der Vogel angefahren wurde oder von einem anderen Tier so übel zugerichtet worden ist, wissen er und seine Frau Andrea nicht. Kettingers Tierärztin in Eisenstadt (die Familie besitzt auch zwei Katzen) begutachtete die Verletzungen – ausgehacktes Auge, eitrige Mundhöhle, zum Teil verfaulte Zunge – und begann mit der Therapie. Aber behalten konnte sie den gefiederten Patienten ebenso wenig wie andere Veterinäre, bei denen Kettinger nachfragte.

Ein Haus gebaut

Als auch die Greifvogelstation Haringsee ob der Blindheit der Dohle abwinkte und eine „Erlösung“ empfahl, protestierte der Siegendorfer vehement: „Sicher nicht, dann hole ich das Tier wieder zu mir und probiere, wie wir zurechtkommen“.

Aus der Probezeit ist ein Dauerzustand geworden, der Beamte hat am Rande seines Gartens zunächst einen kleinen Käfig und bald darauf ein mannshohes Vogelhaus gebaut, in dem Louis seine Tage verbringt. „Einen Tischler würde es vielleicht zusammenkrampfen, aber ich hab‘s so gut gemacht, wie ich konnte – und Louis sieht den Käfig eh nicht“, gibt Kettinger eine Kostprobe seines trockenen Humors. Übrigens: Die Voliere ist tadellos gefertigt.

„Ich bin kein militanter Tierschützer, aber wenn im eigenen Garten ein verletztes Tier liegt, muss man sich doch kümmern“, will der 53-jährige Beamte nichts Besonderes in seinem Tun erkennen. „Ich hätte es nie übers Herz gebracht, Louis seinem Schicksal zu überlassen“.

Die Dohle werde ein Wildtier bleiben, weiß Kettinger, aber ganz fremd seien einander Tier und Mensch nicht mehr. Louis wende den Kopf in seine Richtung, wenn er mit ihm spreche und die Panik der Dohle bei der Annäherung an das Vogelhaus und beim Füttern sei mittlerweile verflogen.

Um dem blinden Vogel die Orientierung zu erleichtern, stehen Tränke und Futter immer an derselben Stelle. Und ein klein wenig ist der Retter schon zum Forscher geworden. Manchmal pecke Louis so lange herum, bis er wieder einen vertrauten Platz finde, hat Kettinger beobachtet. Natürlich würde er dem Wildtier ein anderes Leben wünschen, inmitten seiner Artgenossen, sagt Kettinger, aber Louis würde die Freiheit nicht lange überleben. Er kommuniziere aber mit anderen Dohlen, manchmal lasse sich gar ein Artgenosse auf dem Dach des Vogelhauses nieder.

Wie lange Dohlen leben? Im Londoner Zoo sind zwei Exemplare fast 30 Jahre alt geworden. Für Kettinger steht fest, dass Louis ein Bleiberecht auf Lebenszeit in seinem Garten hat. „Kann sein, dass er morgen tot im Käfig liegt, oder wir Louis noch 25 Jahre pflegen“, nimmt es Kettinger, wie es kommt.