An dieser Stelle wurde am Donnerstag nach dem Massengrab jüdischer Zwangsarbeiter gesucht.

© Roland Pittner

Chronik Burgenland
03/07/2019

Rechnitz: Grabungen bringen kein Ergebnis, aber Suche geht weiter

Suche nach dem Massengrab bisher erfolglos, Grabungen werden fortgesetzt. Verdachtsfläche erstreckt sich auf rund 30 Hektar.

von Michael Pekovics

Seit gestern, Mittwoch, wird in Rechnitz wieder nach dem Massengrab jüdischer Zwangsarbeiter gesucht. KURIER-Recherchen ergaben, dass bis dato noch kein Grab gefunden wurde - dafür aber eine Granate, vermutlich aus dem Zweiten Weltkrieg.

Nach der Bergung der Granate durch den Entminungsdienst am Nachmittag wurden die Arbeiten wieder aufgenommen.

Suche südlich des Kreuzstadls

Am gestrigen Vormittag war unter Federführung der archäologischen Abteilung des Bundesdenkmalamtes in einem bewaldeten, früher als Remise bekannten Areal südlich von Rechnitz mit Grabungen begonnen worden.

Im Vorjahr hat der Südburgenländer Erich Deutsch mit Grabungsleiter Franz Sauer Kontakt aufgenommen und den Hinweis gegeben, dass die Opfer des Massakers nicht an einem bisher angenommenen Ort erschossen worden seien, sondern in einem Bereich, den der Großvater von Deutsch diesem gegenüber als „Judenwaldl“ bezeichnet habe. „Wir sind dann zum Schluss gekommen, dieses sogenannte 'Judenwaldl' ist die 'Remise' “, schilderte Sauer.

Die „Remise“ wäre in der Forschung als möglicher Bestattungs- und Verbrechensort bisher nicht prioritär zu behandlen gewesen - bis zur Aussage des Enkels eines Zeitzeugen. „Wir kennen nicht die genauen Zahlen, wir wissen nicht die genauen Orte, wo man diese Menschen bestattet hat, haben aber immer wieder Hinweise darauf erhalten, dass das in der Remise stattgefunden hat“, so Sauer. Und deswegen, verbunden mit der Metalldetektorprospektion vom vergangenen Jahr und der Zeugenaussage, die neu gekommen sei, habe man sich entschlossen, in der Remise zu graben, leider nicht von Erfolg gekrönt.

So unternahm man im Herbst des Vorjahres eine Prospektion mit Metallsonden in dem südlich von Rechnitz liegenden Waldgebiet. Dabei habe man 15 bis 20 Patronenhülsen gefunden, bei denen es sich um Pistolenmunition gehandelt habe, wie sie die Deutsche Wehrmacht benutzte. Dass man nicht mehr Projektile gefunden habe - im Hinblick auf die Opferzahl hätte man an die 300 erwartet - lasse sich damit erklären, dass dieses Gebiet seit langem ein Refugium für Metallsucher sei.

Suche würde 200.000 Euro kosten

„Das waren unsere Anhaltspunkte“, erläuterte Sauer. In einer topografischen Aufnahme sei zudem eine Reihe halb zugeschütteter Stellungen und Laufgräben zu sehen. „Da haben wir uns gedacht: Das ist einmal eine heiße Spur - eine bessere hatten wir nie. Und da schauen wir hinein.“ Die Verdachtsflächen seien insgesamt über 30 Hektar groß - so eine Fläche könne man „nicht von heute auf morgen untersuchen“. Mit einem Budget von 200.000 Euro könnte man - die Zustimmung der Grundeigentümer vorausgesetzt - die 30 Hektar in einem Zug durchgraben, meinte Sauer.

Die erste Prospektion, die man in Rechnitz durchgeführt habe, sei 2014 eine großflächige auf einem dem Kreuzstadl benachbarten Feld gewesen, berichtete Nikolaus Franz von der Arbeitsgemeinschaft für Archäologie (AGA). Aufgrund der historischen Faktenlage habe man damit begonnen, Suchschnitte anzulegen, um auch einmal Flächen untersuchen bzw. ausschließen zu können. 2017 habe es auf einer Fläche von etwa 9.000 Quadratmetern die bisher größte Grabung gegeben.

Die dort zum Vorschein kommenden, durchwegs dem Verteidigungssystem des Südostwall zuzurechnenden Strukturen habe man grabungstechnisch befundet. „Leider Gottes war auch diese Fläche nicht benutzt worden, um die Opfer des Kreuzstadl-Massakers zu beerdigen.“

Live-Bericht vom Nachmittag

Update 15.20 Uhr

Die Pressekonferenz hat mittlerweile begonnen. Auch wenn bei der aktuellen Suche noch kein Massengrab gefunden wurde, wollen die Verantwortlichen nicht aufgeben.

Sollten die aktuellen Grabungen keinen Erfolg bringen, ist die nächste großangelegte Suchaktion für Herbst oder Frühjahr kommenden Jahres geplant, abhängig von der budgetären Situation. "Wir gehen derzeit von einer Verdachtsfläche von rund 30 Hektar aus. Dafür bräuchten wir 200.000 Euro, um diese genau untersuchen zu können", sagt dazu Grabungsleiter Franz Sauer vom Bundesdenkmalamt. Ob die Mittel dafür vorhanden sind, steht derzeit aber noch nicht fest.

Heute wird noch bis in die Abendstunden gegraben, die Verantwortlichen hoffen weiter auf einen Erfolg: "Wir geben jedenfalls nicht auf."

Update 15 Uhr

Bislang wurden keine Hinweise auf das Massengrab jüdischer Zwangsarbeiter gefunden, die Suche läuft aber nach wie vor weiter. Auch in diesen Minuten sind in Rechnitz die Bagger im Einsatz.

 

Die bisherigen Grabungen

Seit Jahrzehnten wird nach dem Massengrab der zu Kriegsende ermordeten 180 bis 200 ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter gesucht, um die Opfer in gebührender Weise und nach jüdischer Zeremonie bestatten zu können.

An der Suche nach dem Massengrab beteiligen sich seit Anfang der 1970er Jahre neben dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge die Israelitische Kultusgemeinde Wien, der Verein Schalom, das Bundesministerium für Inneres (Abteilung für Kriegsgräberfürsorge und Gedenkstätten), das Institut für Ur- und Frühgeschichte, das Institut für Geographie und Regionalforschung sowie das physiogeographischen Labor der Universität Wien.

Seit damals gab es insgesamt 16 Versuche, das Massengrab zu finden - bisher ohne Erfolg.

Die Geschichte des Kreuzstadls

Der wegen seines kreuzförmigen Grundrisses so genannte Kreuzstadl des ehemaligen Meierhofes des Gutes Bátthyány ist heute nur mehr als Ruine erhalten und Symbol für eines der grausamsten Verbrechen während der NS-Zeit und für die Verdrängung nach Kriegsende.

Das Mahnmal erinnert nicht nur an die in der Nähe des Kreuzstadls ermordeten ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter, sondern steht auch stellvertretend für eine überregionale Gedenkkultur. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass in vielen größeren und kleineren Orten entlang der Grenze, teils auch auf ungarischem Gebiet, Menschen bei Schanzarbeiten für den Südostwall oder auf den so genannten Todesmärschen ermordet worden sind.