Primar Marc Rus, Vorstand der neurologischen Abteilung im KH Oberwart, ÖGN-Präsident
Eugen Trinka von der Universitätsklinik für Neurologie am Uniklinikum
Salzburg und PrimarDimitre Staykov, Vorstand der neurologischen Abteilung im Krankenhaus der
Barmherzigen Brüder Eisenstadt (v.l.) bei der Tagung im Kulturzentrum Eisenstadt.

© Krages

Chronik | Burgenland
03/20/2019

Österreichs Neurologen tagen erstmals im Burgenland

Zwölf Prozent der österreichischen Bevölkerung – 17 Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer – leiden an Migräne.

Die 16. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) mit mehr als 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern findet vom 20. bis 22. März zum allerersten Mal im Burgenland statt. Heute ging die Eröffnung im Kulturzentrum Eisenstadt über die Bühne.

Dem Tagungspräsidium des hochkarätig besetzten Kongress im Kulturzentrum Eisenstadt gehören der niedergelassene Oberpullendorfer Neurologe Dr. Michael Ackerl sowie die beiden  Vorstände der neurologischen Abteilungen der burgenländischen Schwerpunktspitäler in Eisenstadt an, Primar Dr. Dimitre Staykov und in Oberwart, Primar Dr. Marc Rus.

Schwerpunkt-Thema sind Behandlungen von neurologischen „Volkskrankheiten“ wie Schlaganfällen, Migräne, Multiple Sklerose und Epilepsien. Betont wurde: Das Burgenland ist in der Neurologie
mittlerweile sehr gut aufgestellt.

Hintergrund: 30 Prozent leiden an Krankheit des Gehirns

Kopfschmerzen führen mit 152,8 Millionen Betroffenen die Liste an, gefolgt von Schlafstörungen und -erkrankungen mit 44,9 Mio., Schlaganfall mit 8,2 Millionen und Demenzerkrankungen mit 6,3 Mio. Neurologische Erkrankungen wie Migräne oder Schlaganfall werden also zu Recht als Volkskrankheiten bezeichnet.

„In unserer älter werdenden Gesellschaft werden Gehirnerkrankungen wie Schlaganfall, Depressionen, Demenzen, Angsterkrankungen, Hirntumore und Epilepsien in den nächsten Jahren  dramatisch zunehmen und unser Gesundheitssystem vor enorme Herausforderungen stellen,“ so ÖGN-Präsident Prim. Univ.-Prof. Mag. Dr. Eugen Trinka von der Universitätsklinik für Neurologie am Uniklinikum Salzburg.

Eisenkopf: "Burgenland ist gut aufgestellt"

Landesrätin Mag. Astrid Eisenkopf wies in ihren Grußworten bei der Eröffnung darauf hin, „wie gut aufgestellt das Burgenland bei der Neurologie heute ist“ – vor allem auch mit den neurologischen Abteilungen in den beiden Schwerpunktkrankenhäusern des Landes: Mit der Einrichtung der Neurologischen Abteilung im Krankenhaus Eisenstadt wurde im November 2015 im Nordburgenland eine Versorgungslücke für akute Schlaganfälle geschlossen.

Burgenländische Gesundheitsfonds präsentiert im Herbst Masterplan

Für den südlichen Landesteil besteht seit den frühen 1990er Jahren im Krankenhaus Oberwart eine Neurologie. Die Landesrätin lobte die „hochqualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die beste technische Ausstattung und nicht zuletzt die familiäre Atmosphäre in den burgenländischen Spitälern“. Hier stehe tatsächlich „der Mensch im Mittelpunkt“. Die wohnsitznahe Versorgung bleibe auch künftig erhalten, die Standorte sollen bestmöglich miteinander vernetzt werden.

Gemeinsam arbeiten die beiden Schwerpunkthäuser im vom Land initiierten „Masterplan Burgenlands Spitäler“ weiter daran mit, die Versorgung mit neurologischen Dienstleistungen zu optimieren. Der Burgenländische Gesundheitsfonds wird den Masterplan im Herbst 2019 präsentieren.

Thrombektomie bald auch im Landessüden

Beide burgenländischen Standorte arbeiten intensiv daran, auch die modernsten Methoden zur Schlaganfallbehandlung wohnsitz- und zeitnahe durchführen zu können. Seit Anfang des Vorjahres Jahres führt die Neurologie in Eisenstadt in Zusammenarbeit mit der Radiologie und Anästhesiologie beispielsweise Thrombektomien durch (schonende Entfernung eines Blutgerinnsels aus einer Arterie im Kopf). Zehn derartige Eingriffe wurden bisher vorgenommen.

Die neurologische Abteilung in Oberwart bereitet sich ebenfalls darauf vor, diese moderne Behandlung von Schlaganfällen wie im Landesnorden auch im Südburgenland anzubieten.

Thrombektomie kann in zehn Prozent der Fälle helfen

Rund zehn Prozent der jährlich 24.000 Menschen, die in Österreich durch Minderdurchblutung des Gehirns bedingten Schlaganfall betroffen sind, weisen einen Gefäßverschluss einer großen hirnversorgenden Arterie auf und können seit einiger Zeit mit der Thrombektomie – der Thrombus wird per Katheter mechanisch entfernt – behandelt werden. Bildgebende Verfahren wie MRT oder ein spezielles CT geben Aufschluss über potenziell zu rettende Hirngewebsareale.

„Neu ist, dass wir so Patienten erkennen können, die innerhalb eines größeren Zeitfensters noch wirksam mit der Thrombektomie behandelt werden können“, so Primar Dr. Staykov,  Abteilungsleiter Neurologie, Krankenhaus Barmherzige Brüder Eisenstadt, „Studiendaten legen sogar nahe, dass bei Patienten mit günstigen Behandlungsprofilen noch über die 24 Stunden hinaus eine Thrombektomie möglich und sinnvoll ist.“

Östereich zählt zu den besten Ländern, dennoch "unbefriedigende" Situation

Bei der Qualität der Schlaganfallversorgung zählt Österreich zu den fünf besten Ländern in Europa, zeigt eine Studie (ESO ESMINT EAN SAFE Survey). Primar Dr. Staykov: „Bei der Thrombolyse und bei den Thrombektomien liegen wir im Spitzenfeld.“

Zwölf Prozent der österreichischen Bevölkerung – 17 Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer – leiden an Migräne unterschiedlicher Ausprägung und Häufigkeit. „Trotz der großen Verbreitung und wesentlichen Auswirkungen dieser Volkskrankheit ist die Versorgung mit migränespezifischen Medikamenten in Österreich noch nicht optimal“, sagt Prim. Dr. Marc Rus, Abteilungsleiter Neurologie, Öffentliches Krankenhaus Oberwart. „Dass Patienten eine Therapie entweder nicht bekommen oder die hohen Medikamentenkosten selbst tragen müssen, ist unbefriedigend“, so Primar Dr. Rus.

Politik soll Rahmenbedingungen schaffen

Grundsätzlich forderten die anwesenden Mediziner, das Sozialversicherung und Politik am Zug seien, entsprechende Rahmenbedingungen für den Einsatz moderner Behandlungen und Medikamente zu schaffen. Der Wert für Patientinnen und Patienten stehe im Mittelpunkt. Die beste Versorgung gibt es für jene an Migräne erkrankten Menschen, die den Weg zu einem Facharzt für Neurologie finden.

In Österreich wären dies derzeit lediglich 17,5 Prozent, hier gelte es, verstärkt Aufklärung zu betreiben. Mit entsprechender Vorsorge, wie geistiger und körperlicher Fitness und bewusster  Ernährung kann jeder Einzelnen seine Risikofaktoren minimieren, sind sich die Experten einig.