Chronik | Burgenland
19.11.2017

Neues Buch gibt Einblicke in ein Leben mit Essstörung

Im Alter von zwölf Jahren wog Alexandra Schleischitz aus Eisenstadt nur 39 Kilogramm. Ihre Erfahrungen hat sie in einem Buch verarbeitet.

Der Spiegel wurde ihr größter Feind und der beste Freund zugleich. Wenn sie dünn wäre, würde alles besser sein, dachte sie. Ihrer kranken Mutter ginge es besser, das Leben wäre glücklicher und "einfach in jeder Hinsicht perfekt".

Im zarten Alter von zwölf Jahren wog Alexandra Schleischitz aus Eisenstadt bei einer Körpergröße von 1,68 Metern 39 Kilo. Das war der tiefste Stand, den ihr die Waage je anzeigte. "Du bist magersüchtig", konstatierte der Hausarzt etwas, das sie insgeheim schon wusste.

"Psychiatrie" stand dann eines Tages in großen Lettern über dem Eingang des Gebäudes, in das ihre Eltern sie brachten. Auf ihren Handgelenken klebten zwei große, weiße Pflaster. Jeder konnte sehen, dass sie versucht hatte, sich die Pulsadern aufzuschneiden. "Bist du auch eine Anorexie (Anorexia nervosa, Magersucht, Anm), begrüßte sie eine Zimmergenossin. "Nein, ich bin die Alex."

Es sind sehr persönliche Einblicke, die Alexandra Schleischitz ihren Lesern gewährt. Und sie schockieren. "Zur Strafe verhungere ich jetzt" lautet der Titel des Buches, das die Eisenstädterin vor Kurzem veröffentlichte.

Alles aufgeschrieben

20 Jahre nachdem Schleischitz an Magersucht – später auch an Bulimie – erkrankte, schrieb sie ihre Erinnerungen nieder. "Ich bin eines Nachts aufgewacht und habe mir gedacht: Jetzt schreibst du alles auf", schildert die heute 32-Jährige. Dreieinhalb Wochen hat Schleischitz geschrieben. "Die Worte sind nur so aus mir herausgeflossen." Bis dahin sei es ihr nicht möglich gewesen, "normal" über das Erlebte zu sprechen. "Früher haben mich oft Leute gefragt, wie es mir geht. Sie haben mir gesagt, dass ich dürr sei. Und ich habe geantwortet, das das gar nicht stimmt."

Was war der Grund ihrer Erkrankung? "Zu 50 Prozent war es die Familiengeschichte, zu 50 Prozent meine eigene Persönlichkeit", erklärt die 32-Jährige. Die Mutter sei krank gewesen, Schleischitz habe das heile Familienleben aufrecht erhalten wollen. "Ich habe mir gedacht, wenn ich äußerlich perfekt bin, wird alles gut."

Dass sie mit diesem Problem nicht allein ist, ist ihr bewusst. Viele junge Mädchen, ist Schleischitz überzeugt, haben heute mit Essstörungen zu kämpfen. Es seien vermeintliche Ideale, die den Jugendlichen in Zeitungen und in Sozialen Netzwerken vorgelebt und denen sie hinterherhecheln würden.

Für Schleischnitz spielte auch Selbsthass eine Rolle. Denn die Krankheit hatte für sie schlimme Folgen: Die Haare fielen ihr aus, die Nägel wurden brüchig, über ihren Körper hatte sich ein Flaum gebildet.

Ihre Erfahrungen gibt Schleischitz an Jugendliche weiter. In Schulen liest sie aus ihrem Buch, spricht über das Erlebte. "Der erste Schritt ist es, sich helfen zu lassen", sagt die 32-Jährige.

Übrigens: Die Geschichte der Autorin geht gut aus. Heute ist Alexandra Schleischitz verheiratet und hat zwei kleine Töchter. Ihnen will sie die Erfahrungen, die sie gemacht hat, ersparen.INFO: www.alexandraschleischitz.jimdo.com