Junge Wirte beleben alte Gasthäuser

In Gerersdorf kocht Daniel Salentinig, seine Freundin ist im Service © Bild: Roland Pittner

Wiener Junggastronomen hauchen Dorfwirtshäusern im Südburgenland neues Leben ein.

Geschlossene Wirtshäuser gehören im Burgenland seit Jahren schon zum Ortsbild. Die Zeiten, in denen jedes Dorf seinen Wirt hatte, sind vorbei. Die Gastroszene dünnt sich seit Jahrzehnten aus. "In Forchtenstein gab es vor einigen Jahren noch zwölf Gasthäuser, jetzt ist es eines", sagt Franz Perner, Spartengeschäftsführer Tourismus der Wirtschaftskammer Burgenland (siehe Zusatzbericht).

"Heute haben viele Wirtshäuser unter der Woche einen Stundenplan, der ausweist, wann geöffnet ist", erklärt ein Gast. Viele Wirte würden überhaupt nur mehr am Wochenende aufsperren. Zwei bis drei Ruhetage die Woche sind keine Seltenheit. Doch einige Jungunternehmer setzen auf das Dorfleben. Im Bezirk Güssing gibt es ein kleines Revival des Dorfwirtshauses.

Junger Dorfwirt

In Gerersdorf bei Güssing hat seit einem Monat wieder ein Gasthaus geöffnet. "Zum jungen Dorfwirt" heißt das Lokal, geführt wird es von Daniel Salentinig und Nadine Krautschneider. "In den drei Monaten, in denen wir renoviert haben, sind die Leute schon vor der Tür gestanden", sagt Salentinig. Der 31-Jährige ist vor eineinhalb Jahren mit seiner Freundin von Wien ins Südburgenland gezogen. "Wir waren öfter im Urlaub hier und haben zufällig etwas gefunden", sagt er.

Auch das ehemalige Gasthaus in Gerersdorf haben die beiden zufällig entdeckt und gleich zugeschlagen. "Wir wollten uns schon immer selbstständig machen. Ich bin gelernter Koch und meine Freundin ist Kellnerin", sagt der Jungunternehmer. Nach etwas mehr als einem Monat, läuft es für die beiden Unternehmer gut. "Es ist so wie wir uns das vorgestellt haben", sagt Salentinig. Problematisch sei es aber, passendes Personal zu finden. "Es will keiner in der Gastronomie arbeiten", erzählt er. Neben größeren Feiern und Seminaren sind die stärksten Tage Samstag und Sonntag. Da gehen die Burgenländer am liebsten essen, "sonst sind ja viele in Wien arbeiten". Gekocht wird österreichische Hausmannskost. Das Schnitzel darf auf keinen Fall fehlen.

Ähnlich sieht die Lage im nur wenige Kilometer entfernten Neustift bei Güssing aus. Hier haben die Wiener Sabrina Dostal-Brauner und Christian Brauner ihr Lokal vor wenigen Wochen eröffnet. Beide hat es ebenfalls durch Zufall in den Bezirk Güssing verschlagen. Die Gemeinde hat das ehemalige Gasthaus gekauft und zum Gemeindezentrum umfunktioniert und auch das Lokal renoviert. "Früher gab es vier oder fünf Wirtshäuser in der Ortschaft, bei 500 Einwohnern", sagt Brauner, der sich mit seiner Frau den Traum von der Selbstständigkeit hier erfüllt hat. Bis jetzt laufe alles nach Plan und das Lokal werde gut besucht.

Kein Kulturschock

"Einen Kulturschock hatten wir nicht", sagt Dostal-Brauner. Die Gäste kommen zum Großteil aus Neustift und den umliegenden Gemeinden. Auch hier ist das Schnitzel am Sonntag ein Verkaufsschlager. "Wir sind froh, dass wir einen Wirt haben", sagt Neustifts Bürgermeister Franz Kazinota (SPÖ). Die Gemeinde hat das Gasthaus renoviert und die Jungunternehmer unterstützt. "Es ist ein richtiges Kommunikationszentrum, die beiden machen das hervorragend", sagt der Ortschef. Heute sei es keine Selbstverständlichkeit mehr, einen Wirt zu haben.

Dorfgasthaus ist heute ein Auslaufmodell

"Die Multifunktionalität des Wirtshauses ist abhandengekommen", sagt Franz Perner, Geschäftsführer der Sparte Tourismus in der Wirtschaftskammer. Die klassischen Kommunikationszentren hätten sich zu den Tankstellen, Vereinslokalen und Sonderformen der Gastronomie in Autowerkstätten und Handelsbetrieben verlegt. Das Bier nach Arbeitsschluss werde auch immer weniger in Anspruch genommen. "Übrig geblieben ist die Verköstigung am Wochenende, wobei der Samstag bei vielen Unternehmen vom Umsatz her der schwächste Tag ist", weiß Experte Perner.

Wer es nicht schafft, die fehlende Frequenz durch weitere Standbeine wie Essen auf Rädern, Caterings oder Kochen für Kindergärten und Schulen auszugleichen, der habe es heute schwer. Denn Vereinsfeste, eine unklare Regelung beim Nichtraucherschutz, viele Behördenauflagen und das geänderte Gästeverhalten machen es den Wirten nicht leichter. Hinzu kommt ein Fachkräftemangel und die große zeitliche Belastung an Wochenenden und am Abend für die Unternehmer.

Doch es gebe auch Chancen für Wirte. "Wichtig ist eine Positionierung und mehrere Standbeine zu haben – vormittags ein Kaffeehaus, mittags Menü und Essen auf Rädern, am Abend Treffpunkt für Vereine und Veranstaltungen", sagt Perner. Jene Gasthäuser die von Familien geführt werden, die ohne viele Mitarbeiter auskommen, haben Zukunft. Perner schätzt, dass noch viele Gasthäuser schließen werden, " andere Betriebsformen werden den Abgang aber ausgleichen."

( kurier.at ) Erstellt am 25.02.2018