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04/04/2020

"Ich hoffe, dass alle Firmen überleben"

Wirtschaftskammer-Präsident Peter Nemeth über Corona, unwirkliche Zeiten und den "unvernünftigen" Mindestlohn

von Thomas Orovits

Peter Nemeth hat vor wenigen Wochen bei der Wirtschaftskammerwahl 70,2 Prozent für den ÖVP-Wirtschaftsbund eingefahren. Jetzt erlebt der Wirtschafts-Boss, der vor wenigen Tagen 65 Jahre alt wurde, die schwierigste Zeit seiner bis dato 15-jährigen Amtszeit.

KURIER: Welche Branchen sind besonders betroffen?

Peter Nemeth: Alle, aber besonders Unternehmen, über die ein Betretungsverbot verhängt wurde oder die per Gesetz geschlossen halten müssen, leiden: Gastronomie, Hotellerie, großteils der Handel und Dienstleister.

Sie selbst sind Autohändler...

Seit 16. März gibt es praktisch ein Betretungsverbot und damit null Umsatz. Übers Internet wird kaum ein Auto gekauft. Kunden wollen das Fahrzeug angreifen, eine Probefahrt machen, diese haptische Dimension fällt weg.

Und in den Werkstätten?

Die sind meist für den Notdienst geöffnet, um den Kunden zu helfen. Allerdings wird auch da die Kundenfrequenz immer geringer.

Wie viele der rund 20.000 Unternehmen werden diese Krise nicht überstehen?

Ich hoffe, dass alle überleben werden. Dafür wird derzeit ja unglaublich viel getan. Und wenn die Wirtschaft wieder hochgefahren wird, gibt es erneut Programme.

Aktuell wickelt die Wirtschaftskammer den Härtefall-Fonds des Bundes ab. Wie ist der Stand?

Wir haben bis dato rund 3.500 Anträge, in mehr als 90 Prozent wurde das Geld bereits ausbezahlt. Nur neun Anträge mussten abgelehnt werden.

Das Land hat ein 30-Millionen-Euro-Hilfspaket geschnürt. Sinnvoll?

Ich kenne das nur aus der Zeitung. Wir waren nur am Anfang eingebunden. Wir arbeiten mit dem Bund zusammen und fühlen uns für die Abwicklung des Härtefall-Fonds 1 und 2 und des Notfall-Fonds zuständig.

Bringen die 30 Millionen des Landes etwas?

Alles, was für die Wirtschaft hilfreich ist, ist positiv. Aber man muss auch immer auf die Kosten schauen.

Was halten Sie vom Modell der Kurzarbeit?

Viel, wir raten jedem Unternehmer, sie anzunehmen (bis Freitag gab es laut AMS 1.200 Ansuchen, ein Viertel ist bisher genehmigt, Anm.). Wenn es wieder losgeht, brauchen wir die Mitarbeiter und bis dahin haben sie ein gutes Gehalt.

Soll es spätestens nach Ostern wieder losgehen?

Wo gearbeitet werden kann, ohne die Gesundheit der Mitarbeiter zu gefährden, muss gearbeitet werden. Deshalb freuen wir uns, dass zum Beispiel die Neue Eisenstädter Siedlungsgesellschaft ihre Baustellen schon wieder geöffnet hat. Wenn das Schwungrad der Wirtschaft zum Stillstand kommt, wird der Neustart sehr schwierig.

Das Burgenland ist kein klassisches Industrieland, hier dominieren gewerbliche Klein- und Mittelbetriebe – ist das in der Krise ein Vor- oder ein Nachteil?

Das kann man so nicht sagen, denn mittlerweile exportieren wir 40 Prozent unserer Waren und Dienstleistungen. Wenn es Deutschland, Italien oder Ungarn, wohin wir viel verkaufen, schlecht geht, trifft uns das auch hart.

Apropos Ungarn: Muss man aus der engen Verflechtung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt Lehren ziehen, nachdem in der Vorwoche wegen ungarischer Corona-Maßnahmen der Ausfall vieler Ärzte, Pfleger und Handelsangestellter, die bei uns arbeiten, drohte?

Wir sollten froh sein, seit dem EU-Beitritt im Herzen Europas zu leben. Wenn es in dieser unwirklichen Zeit Probleme gibt, werden wir die meistern. Ich halte es für eine normale Entwicklung, dass Grenzregionen zusammenwachsen.

Die rot-blaue Landesregierung wollte 2015 die Zahl ausländischer Beschäftigter bei uns stark reduzieren – das Gegenteil ist passiert...

Ungarn sind keine Ausländer, sondern Europäer wie wir. Wir können unseren Wohlstand angesichts des grassierenden Fachkräftemangels nur absichern, wenn wir Mitarbeiter von außen ins Burgenland holen.

Muss die Globalisierung zurückgefahren werden?

Nach der Krise wird vieles anders sein. Man sieht, dass nicht alle Produktionen irgendwohin ausgelagert werden können, nur weil es dort ein bisschen billiger ist. Wir müssen wieder in Europa viele Dinge, die Gesundheit und Versorgung betreffen, selbst produzieren.

Bundesweit feiert die Sozialpartnerschaft Renaissance, und im Burgenland?

Sie funktioniert, auch wenn es hie und da entbehrliche Zurufe gibt. Aber die auf Bundesebene ausverhandelten großen Themen werden relativ unbürokratisch umgesetzt, weil die Vernunft an oberster Stelle steht.

Vor Corona war der 1.700-Euro-Mindestlohn ein Streitpunkt zwischen Land und Kammer. Sollte das Land jetzt darauf verzichten, das Thema auch in die Privatwirtschaft zu tragen?

Das wird wahrscheinlich ein Thema der SPÖ bleiben, die von uns vertretenen Betriebe halten sich an Kollektivverträge und sozialpartnerschaftliche Vereinbarungen. Da interessiert uns dieser Mindestlohn nicht.

Aber sollte das Land von sich aus einen Rückzieher machen?

Das Thema war vorher nicht vernünftig und ist jetzt umso unvernünftiger.

Land hat bisher 645.000 Euro für Betriebe freigegeben

Bis dato  sind  für das vom Land  am 20. März aufgelegte Corona-Hilfsprogramm über 30 Millionen Euro  mehr als 1.000 Anträge eingegangen. 82 Anträge wurden bisher von der Landesregierung abgesegnet, rund 645.000 Euro können ausbezahlt werden. Diese Zwischenbilanz zog Wirtschafts- und Arbeitsmarktlandesrat Christian Illedits (SPÖ), der das von der Wirtschaftsservice Burgenland AG (WiBUG) organisierte Programm angestoßen hat.

Die Idee: Betriebe, die beim 38-Milliarden-Euro-Paket des Bundes leer ausgehen, sollen vom Land Hilfe bekommen. Bedarf ortet  Illedits insbesondere bei Klein- und Familienbetrieben.

Im Detail sieht das Corona-Hilfsprogramm des Landes so aus: Kleine und mittlere Gewerbebetriebe können durch Haftungen unterstützt werden. Diese Maßnahme erfolgt über die finanzierenden Banken an die WiBUG. Haftungen  für Tourismusbetriebe gewährt die Österreichische Hotel- und Tourismusbank. Das Land beteiligt sich am Programm und übernimmt die Zinsen für die Betriebe.

An kleine Unternehmen  mit bis zu 50 Mitarbeitern werden als Soforthilfe Kleinkredite gewährt. Die Abwicklung erfolgt über die WiBUG.

Aus einem  „Corona-Härtefonds“ erhalten Ein-Personen- und Kleinstunternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern Soforthilfe.  Bei   existenzbedrohender Notlage können Miet- und Fixkosten von März bis Juni gestützt werden. 

Informationen  telefonisch unter 059010-2122 oder per eMail unter corona@wirtschaft-burgenland.at.