Femizide: Warum diese Frau die Verdächtigen verteidigt
Schon kurz nach der Tat sucht Anwältin Stiglitz den Kontakt zum Beschuldigten.
von Gernot Heigl
Mörder, Räuber und Triebtäter zählen zu ihren Mandanten. Dem KURIER schildert die burgenländische Anwältin Ina-Christin Stiglitz, warum sie die schlimmsten Verbrecher Österreichs verteidigt und wie sie das mit ihrem Gewissen vereinbaren kann. Die gebürtige Eisenstädterin erklärt auch, wie sie mit Social-Media-Anfeindungen umgeht.
Kaum ermitteln Polizeibehörden bei schweren Straftaten, taucht auch schon ihr Name auf. Jüngst bei den beiden mutmaßlichen Femiziden in der Steiermark. Ina-Christin Stiglitz (34) verteidigt den beschuldigten Cobra-Beamten, der die 34-jährige Johanna G. mutmaßlich zu Tode gewürgt haben soll, sowie beim mutmaßlichen Mord an einer Grazer Influencerin den angeklagten Ex-Freund. Im aktuellen Fall rund um Mordverdacht in einem Wiener Seniorenheim, bei dem eine 87-Jährige getötet wurde, wird der Beschuldigte ebenfalls von der Burgenländerin vertreten.
„In all diesen komplexen und arbeitsintensiven Fällen arbeite ich aber nicht alleine, sondern gemeinsam mit meiner Kollegin Astrid Wagner, einer der erfahrensten Strafverteidigerinnen des Landes. Unter dem Motto ‚Vier Augen sehen mehr als zwei‘ sind wir ein geniales Team. In diesen Causen ist fachlicher Austausch enorm wichtig“, so die Burgenländerin, die seit 2022 als Rechtsanwältin tätig ist.
"Klienten wählen uns"
Ihre Karriere führte Ina-Christin Stiglitz, spezialisiert auf Straf- und Familienrecht, von einem Eisenstädter Anwaltsbüro in die Selbstständigkeit nach Wien. Die Niederlassung im 1. Bezirk nützt sie nach wie vor als Sprechstelle, ihr Kanzleisitz befindet sich seit 2025 in Güssing.
An die aufsehenerregenden Fälle kommt das Verteidigerinnen-Duo, „weil uns die Klienten auswählen“, schildert Stiglitz und antwortet auf die Frage, ob es nicht schwierig ist, als Frau Männer zu vertreten, die (mutmaßlich) Frauen getötet haben: „Nein. Als Strafverteidigerin identifiziere ich mich nicht mit der Tat, sondern vertrete den Menschen und seine Rechte. Mein Maßstab ist nicht Sympathie, sondern Professionalität. Das ist kein Widerspruch zu Mitgefühl mit den Opfern – im Gegenteil.“
Anfeindungen – gibt es
Zum Thema Gewissenskonflikt erklärt die Anwältin, dass sie für ihre Arbeit weder ihr Gewissen beiseite schiebt noch ein böser Mensch sei, wie ihr das oftmals im Internet unterstellt wird. „Diese Anfeindungen sind zwar befremdlich und beleidigend, kommen aber von Personen, die keine Ahnung haben“, so Stiglitz. „Die muss man einfach ignorieren.“
Und weiter: „Unser Rechtssystem sieht die anwaltliche Vertretung ausdrücklich vor – gerade in schweren Strafverfahren. Nicht, weil Taten relativiert werden sollen, sondern weil ein fairer Prozess ohne Verteidigung nicht möglich ist. Also Recht statt Rache. Das macht mich nicht herzlos – sondern konsequent rechtsstaatlich.“
„Keine Albträume“
Wenn sie Tatortfotos mit Leichen in den Akten begutachtet oder Obduktionsberichte liest, verursacht das bei der 34-Jährigen „keine Albträume. Ich muss ja alles über das Tatgeschehen wissen. Sowohl aus juristischer als auch kriminalistischer, medizinischer und psychologischer Sicht, weil Strafverteidigung weit mehr erfordert als reines Rechtswissen. Das bedeutet nicht, dass mich Fälle nicht berühren – aber ich kann eine professionelle Distanz wahren.“
Abseits ihres turbulenten Berufs, den sie selbst als ihre Leidenschaft bezeichnet, kann die 34-Jährige komplett abschalten und findet „Ruhe in meiner glücklichen Partnerschaft.“ In ihrem familiären Umfeld und im Bekanntenkreis ist man stolz auf den Werdegang der gebürtigen Eisenstädterin. Ina-Christin Stiglitz sagt lächelnd: „Privat bekomme ich oft zu hören, dass man sich im Ernstfall keine Sorgen um eine gute Anwältin machen muss.“
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