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Erinnerung an die „Sieben jüdischen Gemeinden“

Die Autorin Margaretha Kopeinig widmet sich den weitgehend autonomen jüdischen Gemeinden, die Ende des 17. Jahrhunderts entstanden und 1938 unwiederbringlich zerstört wurden.
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Dass „eine groß angelegte wissenschaftliche Gesamtdarstellung der Geschichte der Juden im Burgenland ohne temporäre und regionale Einschränkungen immer noch fehlt“, sei schlicht „beschämend“, urteilte Johannes Reiss, früherer Leiter des Österreichischen Jüdischen Museums in Eisenstadt, im Jahr 2021. 

Diese Lücke zu schließen, hat Margaretha Kopeinig mit ihrem nun vorgelegten Band „Jüdisches Burgenland – Begegnungen mit einer zerstörten Kultur“ gar nicht im Sinn. Dennoch sind ihre Porträts der ehemaligen Sieben jüdischen Gemeinden (Schewa Kehillot) eine lohnende Lektüre.

Die langjährige KURIER-Redakteurin und Brüssel-Korrespondentin, die seit einigen Jahren freie Journalistin und Autorin ist, skizziert in kompakter Form Leben und Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinden in Eisenstadt, Mattersburg, Kittsee, Frauenkirchen, Kobersdorf, Lackenbach und Deutschkreutz.

Die ab 1670 unter dem Schutz der Fürsten Esterhazy gegründeten „Sieben Gemeinden“ ermöglichten der jüdischen Bevölkerung mehr als 250 Jahre lang ein weitgehend autonomes und sicheres Leben mit „eigenem Unterrichtswesen, unabhängiger Gerichtsbarkeit und koscheren Geschäften“. Während Juden in Eisenstadt am Unterberg in einem eigenen Viertel lebten, dessen Zugang am Schabbat mit einer schweren Eisenkette versperrt wurde, lebten Juden in Kittsee „inmitten der christlichen Bevölkerung“.

Margaretha Kopeinig diskutiert mit Schülern des Sportgymnasium Maria Enzersdorf zum Thema "DEMOKRATIE"

Autorin Margaretha Kopeinig

Hartes Burgenland

Provinziell war das Leben in keiner der Sieben Gemeinden. Hier wirkten europaweit anerkannte Rabbiner und Talmud-Interpreten und hierher kamen auf Einladung jüdischer Bildungsbürger Literaten wie Hugo von Hofmannsthal oder Franz Werfel. Zu verdanken war das Menschen wie Alexander „Sándor“ Wolf, der als Weinhändler zu Wohlstand kam und sein Geld als Mäzen und Kunstsammler wieder ausgab. 

Jüdisches Burgenland, Margaretha Kopeinig

Margaretha Kopeinig: „Jüdisches Burgenland“, Czernin Verlag, 170 Seiten, 23 Euro

Auf den gebürtigen Eisenstädter geht die Gründung des Landesmuseums im Jahr 1926 zurück, nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland im März 1938 wurde er von der örtlichen Gestapo verhaftet und musste „freiwillig“ auf Kunstsammlung und Vermögen verzichten. Anfang 1946 starb er in Haifa.

1938 bedeutete für alle Sieben Gemeinden das Ende. „Nirgendwo in Österreich wurden die Juden so hart behandelt und die Nürnberger Gesetze so streng ausgelegt wie im Burgenland“, zitiert Kopeinig den Historiker Jonny Moser. 1938 lebten rund 3.600 Jüdinnen und Juden im Burgenland (auch außerhalb der „Sieben Gemeinden“). Etwa 30 Prozent der Juden aus den „Sieben Gemeinden“ wurden in NS-Konzentrationslagern ermordet.

Zurückkommen wollten nach dem Krieg nur ganz wenige. Einer war Paul Rosenfeld aus Frauenkirchen, der auch in Kopeinigs Buch vorkommt. Als er 2003 starb, wurde er auf eigenen Wunsch aber nicht in Frauenkirchen, sondern in Wien bestattet. „Er traute dem Ort nicht“.

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