Obdachlosigkeit: Reicht das Angebot des Landes?
Zusammenfassung
- Im Burgenland sind laut Sozialministerium 390 Menschen offiziell obdachlos, die Dunkelziffer ist jedoch unbekannt.
- Das Angebot umfasst drei Einrichtungen der Caritas, reicht aber nicht für alle Betroffenen und spezielle Gruppen wie junge Erwachsene oder komorbid Erkrankte.
- Das Land setzt auf Prävention und soziale Entlastung, während Caritas und Partner langfristige Perspektiven und individuelle Betreuung bieten.
Das Gebäude wirkt von der Straße aus unscheinbar. Vis-a-vis vom „Media Markt“ führt ein schmaler Schotterweg zu dem ehemaligen Postverteilungszentrum. Heute ist es eine Einrichtung der Caritas – der Zufluchtsraum Eisenstadt.
Im Gegensatz zur Bundeshauptstadt mag die Zahl der Obdach- und Wohnungslosen im Burgenland gering wirken. Trotzdem haben – Stand 2024 – laut Sozialministerium 390 Personen keinen festen Wohnsitz. Wie viele Menschen aber tatsächlich betroffen sind, lässt sich nur schwer sagen, da viele Personen in keinem System erfasst werden.
Drei Einrichtungen
Sie leben auf der Straße, oder in einem der drei Versorgungszentren, die das Bundesland zusammen mit der Caritas zur Verfügung stellt. Zurzeit gibt es drei Standorte: Den Zufluchtsraum Eisenstadt mit zehn Schlafplätzen und dem dazugehörigen Zufluchtsdorf mit fünf beheizten Wohncontainern. Die Notschlafstelle Oberwart mit sechs Schlafplätzen für Männer und das Mutter-Kind-Heim mit vier Wohneinheiten in Eisenstadt. In der Wintersaison betreibt die Caritas zudem das Kältetelefon.
Das Zufluchtsdorf
Abwärtsspirale
„Niemand wird von heute auf morgen obdachlos. Das sind multiple Gründe und multiple Enttäuschungen. Es ist nie nur die Scheidung, nur die Verschuldung oder nur der Alkohol. Die Menschen sind gebrochen,“ so Martina Hajdusich, die Leiterin der Obdachlosenstelle. Mit welcher Vorsicht hier gearbeitet werden muss, zeigt sich im Alltag: „Alle unsere Bewohner sind, auf die eine oder andere Weise, traumatisiert. Wir müssen gut aufpassen und sehr einfühlsam arbeiten.“
Wie auch damals in der Schule, gibt es im Zufluchtsraum Hausregeln und Bedingungen, die erfüllt werden müssen, um eine Aufnahme zu garantieren. Bewohner dürfen unter anderem nicht akut suchtkrank sein oder an einer psychiatrischen Erkrankung leiden. Aufgrund dieser Bedingungen können nur rund ein Drittel der Menschen, die Hilfe im Zufluchtsraum suchen, tatsächlich aufgenommen werden. Die Übrigen werden an andere Stellen weitervermittelt. „Im Zufluchtsdorf haben wir einen etwas breiteren Spielraum.“, erklärt die Leiterin. Dort darf die Caritas Menschen aufnehmen, die nicht in den Zufluchtsraum einziehen dürfen. Die fünf Container, die das „Dorf“ bilden, sind deshalb durchgehend voll.
Die Stockbetten in den Zimmern.
Angebot ausbauen
Ideal sei das Angebot dennoch nicht. Es fehlen Spezialeinrichtungen. „Vor allem brauchen wir im Burgenland Angebote für junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren. In diesem Alter kann man langfristig sehr viel abfangen – auch mit Blick auf die Zukunft“, sagt Hajdusich. Zusätzlich wünscht sie sich eigene Einrichtungen für komorbid kranke Menschen, also Betroffene, die gleichzeitig an einer Suchterkrankung und einer psychiatrischen Erkrankung leiden. „Für diese Menschen brauchen wir mehr Zeit und mehr Ressourcen. Das können wir hier nicht nebenbei leisten.“
Das Gemeinschaftswohnzimmer.
Prävention als Maßnahme
Nach Angaben des Landes setzt das Burgenland derzeit nicht primär auf den Ausbau neuer Unterkünfte, sondern auf präventive Sozialpolitik. Wohnungslosigkeit soll durch soziale Entlastung und Armutsprävention vermieden und langfristig auf null gebracht werden. Diese Strategie liege sehr im Interesse der Caritas. Der Fokus der Landesregierung liegt auf Entlastung im Alltag – etwa durch den burgenländischen Wärmepreisdeckel, den burgenländischen Mindestlohn sowie Gratiskindergärten und kostenlose Nachhilfe.
Die Gemeinschaftsküche mit Essbereich.
Keine Dauerlösung
Was im Alltag oft fehlt, ist vor allem eines: „Ich hätte gerne mehr Zeit. Mehr Stunden am Tag, in der Woche, im Jahr. Zeit, um Vertrauen aufzubauen - für kleine Schritte.“ Einige brauchen Wochen, um überhaupt anzukommen – bei sich selbst und in der neuen Situation. „Man kann niemanden drängen. Manchmal braucht es einfach Zeit.“
Zudem betont sie, dass weder der Zufluchtsraum noch das Zufluchtsdorf eine Dauerlösung sind. Genau wie das Land setzt auch die Caritas auf langfristige Perspektiven. „Wir wollen jeden von der Straße holen – sofern sie das auch wollen“, sagt sie. Die Einrichtung versteht sie als Drehscheibe: „Wir sind nicht das Ziel, wir helfen, es zu erreichen.“ Gemeinsam mit Partnerorganisationen und Programmen wie Housing First unterstützt die Caritas Betroffene dabei, eine Wohnung zu finden. „Wir hatten schon wunderschöne Auszüge“, so Hajdusich. „Viele kommen noch zur Nachbetreuung zu uns. Denn Hilfe endet nicht mit einem Schlüssel in der Hand.“
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