© Koglbauer Claudia

Chronik Burgenland
07/18/2022

Burgenland: Auf dunklen Spuren der Vergangenheit

Zum 30-jährigen Bestehen des Vereins RE.F.U.G.I.U.S. wird im Herbst erstmals Elfriede Jelineks Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ gezeigt.

von Claudia Koglbauer-Schöll

Es war ein Fest in der Nacht zum Palmsonntag 1945. Es wurde gelacht, getanzt und viel getrunken. Im Schloss der Gräfin Margit von Batthyány im südburgenländischen Rechnitz waren etwa 30 Personen zu Gast – aus der örtlichen NSDAP, der SS, der Gestapo und der Hitlerjugend. Während die Gäste feierten, wurden in dieser Nacht von 24. auf den 25. März 200 völlig erschöpfte jüdische Zwangsarbeiter zum Kreuzstadl, in der Nähe des Schlosses, gebracht.

NSDAP-Ortsgruppenleiter Franz Podezin soll 15 der Festteilnehmer erklärt haben, dass Juden erschossen werden müssen. Die Partygäste erhielten Waffen und Munition. 180 Menschen wurden ermordet. 16 Gefangene mussten die Opfer begraben, am nächsten Tag wurden auch sie erschossen.

Im Schloss wurde bis in die Morgenstunden weitergefeiert.

Nur wenige Tage nach dem Massaker wurde Rechnitz von der Rote Armee eingenommen.

Flucht

Das Grab der 18 Männer, die die Toten verscharren mussten, wurde gefunden. Die anderen 180 NS-Opfer blieben bis heute verschollen. Einigen der mutmaßlichen Täter gelang die Flucht, andere wurden zu milden Strafen verurteilt. Zwei Zeugen wurden ermordet.

Damit die unaufgearbeiteten Gräuel der Naziherrschaft nicht in Vergessenheit geraten, wurde 1992 der Verein RE.F.U.G.I.U.S. (Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative) gegründet. Immer wieder werden Gedenkfeiern, Symposien und Benefizkonzert veranstaltet. Oberstes Ziel bleibe aber die Suche nach dem Grabe der ermordeten Menschen. „Die Shoah nicht zu vergessen, das ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe“, sagt Vorsitzender Paul Gulda.

„Ort des Geschehens“

Zum 30-jährigen Bestehen von RE.F.U.G.I.U.S. wird im Herbst „Rechnitz (Der Würgeengel)“ von Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zum ersten Mal im Burgenland gezeigt. Jelinek schrieb das Stück 2008, um damit „dem Verschweigen und Verdrängen zu entgegnen“. „Ich habe mir immer gewünscht, dass das Stück am Ort des Geschehens oder nahe davon gezeigt werden kann. Dank dem Verein RE.F.U.G.I.U.S. ist das jetzt möglich geworden. Dafür bin ich dankbar“, erklärt Jelinek.

Die beiden geplanten Vorstellungen finden am 15. September in der früheren Synagoge Kobersdorf und tags drauf im OHO-Oberwart statt, führt Horst Horvath vom Verein K.B.K.-Kultur.Bildung.Kunst, die als Drehscheibe fungiert, aus.

Für die Neuproduktion der Fassung des Schauspielhauses Zürich zeichnet die Theatergruppe „Weiterspielen“ verantwortlich. „Es geht hier um Flucht, Flucht aus der Verantwortung“, erklärt Dramaturg Roland Koberg. Im Theatertext haben die Boten das Wort, mehrere Quellen fließen ineinander. „Mit Isabelle Menke haben wir eine Schauspielerin, die alle Stimmen in sich vereint.“

Karten: info@refugius.at

oder unter 03352/33940

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