Nach dem Krebs zurück ins Leben: "Das war eine richtige Watschn"
Kerstin Dietrich hat eine Brustkrebserkrankung überstanden. Heute arbeitet sie wieder in ihrer Praxis.
Von Gernot Heigl
Kerstin Dietrich aus Oberdorf im Bezirk Oberwart las ihrer siebenjährigen Tochter gerade aus einem Buch vor, als sie hoch oberhalb der rechten Brust einen kleinen Knoten bemerkte. Die erste Mammografie blieb unauffällig. Erst eine Ultraschalluntersuchung und die anschließende Biopsie ergaben, dass die kleine Wucherung bösartig war. Damit bestätigte sich das Bauchgefühl der 47-jährigen Südburgenländerin: Da stimmt etwas nicht.
Mit der Diagnose Brustkrebs geriet das Leben der verheirateten selbstständigen Pädagogin aus den Fugen. „Das war eine richtige Watschn. Innerhalb von Sekunden wurde mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Begleitet von Fragen wie: Was passiert mit meinem Kind? Oder: Werde ich das überleben? Das war schon brutal. Noch dazu hatte ich Krebs in einer sehr aggressiven Form.“
Langer Weg
Für Kerstin Dietrich begann der Albtraum am 27. Mai 2020, rund einen Monat nach dem ersten Corona-Lockdown. Mehr als ein Jahr lang sollte die Behandlung dauern. Nach zwei Operationen zur Entfernung des Tumors folgte die erste Chemotherapie.
Die sichtbaren Folgen setzten bei der Oberdorferin zwei Wochen später ein. „Ich hatte schulterlange schwarze Haare, die ich mir plötzlich vom Kopf zupfen konnte. Neben der daraus folgenden Glatze habe ich auch Wimpern und Augenbrauen verloren. Als Frau fühlte ich mich in dieser Zeit total entstellt. Deshalb habe ich eine Perücke getragen.“
Noch schwerer belasteten sie die „höllischen Schmerzen nach jeder der 14 Chemos“. Dietrich erinnert sich: „Ich konnte keine Gabel halten, keine Faust machen, nicht gehen und mich auch nicht im Bett umdrehen. Das war purer Horror. Eine schwere und schreckliche Zeit, in der es auch noch zu 20 Bestrahlungen gekommen ist.“
Rückhalt fand sie vor allem in ihrer Familie. „Das war wirklich nicht einfach. Deshalb möchte ich mich bei meiner Familie für die Unterstützung bedanken und ganz besonders bei meinem Mann, der immer an meiner Seite war und mich zu allen Terminen und Behandlungen begleitet hat.“
Die Zeit danach
Seit gut fünf Jahren sind die Befunde der Südburgenländerin unauffällig. „Ich muss zwar täglich Medikamente einnehmen, aber es gibt keine Metastasen mehr in meinem Körper. Dank der Ärzte und Behandlungen habe ich den Kampf gegen den drohenden Tod gewonnen und kann beruflich wieder mit Kindern arbeiten.“
Dietrich ist Pädagogin für sensorische Integration, „Rexi Rockstars“-Reflexintegration und Kinder-Mentaltrainerin. „Damit habe ich schon vor meiner Krebsdiagnose begonnen und mich während meiner Krebstherapien weitergebildet. Jetzt ist meine Praxis wieder offen. So, als ob es dazwischen keine Pause gegeben hätte.“
In ihrer Praxis in Oberdorf unterstützt sie Kinder mit besonderen Bedürfnissen, Wahrnehmungsproblemen und Verhaltensauffälligkeiten. Für geeignete Übungen hat sie einen eigenen Turnsaal eingerichtet. Hilfe bietet Dietrich auch bei Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, emotionalen Überreaktionen, schwachem Selbstwertgefühl und motorischer Unruhe an. „Manches davon biete ich auch Maturanten, Studenten und Erwachsenen an.“ Informationen gibt es unter kerstin-dietrich.at.
Abseits ihrer Praxistätigkeit möchte die Oberdorferin Menschen mit Krebsdiagnose vor allem eines mitgeben: professionelle Hilfe anzunehmen. „Bei mir war es eine Psychotherapie. Die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Denn nach anfänglichem Verdrängen, Zusammenreißen und Einreden, dass ich alles allein schaffe, kam auch bei mir der unausweichliche Zusammenbruch.“
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