© Georg Weidinger

Chronik Burgenland Aus Ihrer Region
12/20/2019

Vielseitig begabt: Arzt, Autor und Musiker Georg Weidinger

Er wurde Arzt, um sein Asthma-Leiden selbst zu heilen, ist Komponist und Pianist und hat gerade seinen ersten Roman herausgebracht.

von Stefan Jedlicka

Eigentlich wollte Georg Weidinger schon immer Geschichtenerzähler sein. „Das war schon als Kind mein großer Traum. Ich habe mir vorgestellt, ich sitze als alter Mann da, erzähle und alle hören mir zu“, erinnert er sich. Doch eine schwere Legasthenie stand dem Traum zunächst im Weg. „In der Volksschule haben sie mir geraten, mir etwas anderes zu suchen“, erzählt Weidinger. Und das tat er: „Ich habe schon in der Volksschule angefangen, erste Musikstücke zu schreiben.“

Asthma-Leiden

Die Leidenschaft blieb. Weidinger studierte Klavier, Komposition und Elektroakustik (Abschluss mit Auszeichnung 1996). Weil ihm aber auch eine Asthma-Erkrankung das Leben schwer machte, begab er sich auf die Suche nach Abhilfe. Von seinem Vater – obwohl Chefarzt eines Krankenhauses – sei diesbezüglich keine Unterstützung zu erwarten gewesen: „Er wollte in seiner Freizeit nicht Arzt spielen. Also habe ich Medizin studiert. Dabei wollte ich nie Arzt werden. Es war Mittel zum Zweck.“

Über die nahe liegende Fachrichtung Lungenkrankheiten kam Weidinger zur traditionellen Chinesischen Medizin (TCM): „Ich habe mich selbst akupunktiert – und tatsächlich ist das Asthma verschwunden.“ Er blieb der TCM also treu. „Ich mache es mit großer Leidenschaft und bin mittlerweile froh, dass ich nicht nur Musiker geworden bin, sonst wäre ich inzwischen sicher schon versoffen und deprimiert. Die Aussichten in der zeitgenössischen Musik sind nicht besonders rosig“, lacht er.

Sachbuch erfolgreich

Als Arzt wurde er durch sein Buch „Die Heilung der Mitte“ einem breiten Publikum bekannt. Über 100.000 Exemplare wurden bisher verkauft. Darin beschreibt er in sehr persönlicher Art die Funktionsweise der Chinesischen Medizin und zeigt auf, wie einfach geänderte Lebensweise und Ernährung zur eigenen Heilung beitragen können. Seit 2015 ist Weidinger auch Präsident der Österreichischen Gesellschaft für TCM, hält eigene Lehrgänge in der „Genussquelle“ in Bad Sauerbrunn. Seine Praxis führt er gemeinsam mit Ehefrau Sandra und er hält Vorträge im gesamten deutschsprachigen Raum. „Ich bilde Ärzte, aber auch Laien aus, weil ich möchte, dass sich die chinesische Medizin verbreitet.“

Privat lebt Weidinger mit drei Kindern, vier Hunden, zwei Pferden, Hühnern und vielen Bienen in Forchtenstein. Ob die Ruhe des Landlebens zur Heilung beitrage? „Ich glaube, gut gehen kann es einem überhaupt nur am Land“, sagt er mit Überzeugung. „Ich habe in Wien gelebt und gearbeitet, aber die Stille hier ist nötig, um die Hektik hinter sich zu lassen.“ Auch das problematische Verhältnis zu seinem Vater habe er mittlerweile verarbeitet, sagt er. „Es war eine schwierige Kindheit. Er führte ein Doppelleben, war selten zu Hause. Aber ich habe das alles gut überstanden.“ Und nun zum Teil in seinem Debüt-Roman „Laufhaus“ verarbeitet. Denn, wie er auf Seite 1 klarstellt: „Ich bin in einem Puff aufgewachsen“. Im Alter von 14 Jahren übersiedelte er mit seiner Familie in ein aufgelassenes Bordell, das sein Vater gekauft und weitgehend im Originalzustand belassen hatte. Inklusive Bar in rotem Plüsch und Leuchtreklame am Eingang, was ehemalige Kunden noch Jahre danach dazu veranlasst habe, nachzufragen, ob das Etablissement noch in Betrieb sei.

Leidenschaft Musik

Im Buch fühlt sich ein misanthropischer Pianist mit autistischen Zügen in Wien von einer Zufallsbekanntschaft in einem Hinterhofpark angezogen. Er folgt ihr in ein Laufhaus. Sex ist nie Thema. Sie lernen sich kennen und reden. Jeder von seiner Welt. Welten, die scheinbar nicht miteinander verbunden sind. Die ungewöhnliche Liebesgeschichte geht 122 Jahre zurück in der Zeit und durch Moldawien, Russland und Österreich.

Musik spielt darin eine zentrale Rolle. Sie lässt Weidinger nicht los. Mehr als 20 CDs mit klassischer Klaviermusik und eigenen Schöpfungen hat er bereits herausgebracht. Allein heuer komponierte er zwei Streichquartette, eine Symphonie und einen Orchester-Zyklus. Für Konzerte fehle dann aber doch die Zeit. „Dazu müsste ich ein paar Monate lang üben und das ist mit der Praxis und der Familie einfach nicht möglich“, sagt er. Auf Lesungen sei ein elektrisches Klavier aber immer mit dabei. „Da spiele ich ein paar Stücke.“

Alles durchdacht

Weidinger scherzt: „Ich frage mich schon lange nicht mehr, ,was‘ ich bin. Ich hab ja alles gleichzeitig studiert, Musik und Medizin. Ich liebe es auch, mein Wissen weiterzugeben, eine neue Generation an Ärzten mit zu erschaffen, die all das medizinische Wissen unserer Welt ohne Vorurteile erlernt.“ Er ziehe sich aber „mehr und mehr zurück“, sagt er: „Ich lebe mehr und mehr meine Träume des Geschichtenerzählers, und diese Geschichten können in Worten verfasst sein, oder in Tönen.“

Geschrieben wird es übrigens erst dann, wenn es im Kopf durchdacht ist, sagt er. „Dann geht das Schreiben schnell: Die zwei Streichquartette waren an einem Wochenende fertig, die Sinfonie auch.“ Und der Roman? „Zwei Wochen“, lautet die verblüffende Antwort: „Die Geschichte war sowieso schon vorher fertig in meinem Kopf.“