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Chronik Burgenland Aus Ihrer Region
06/16/2020

Anria Reicher: „Haydn war mein Leben lang omnipräsent“

Die Eisenstädterin, Tochter des langjährigen Haydn- Festspielchefs, legt mit „Das Haydn- Pentagramm“ ihren Debüt-Roman vor.

von Stefan Jedlicka

Das Thema war sozusagen familiär vorbestimmt. Denn Anria Reichers Vater Walter beschäftigte sich als Leiter der Internationalen Haydn-Festspiele Eisenstadt 30 Jahre lang mit dem Leben des großen Komponisten – und tut dies nun als Vorstandsvorsitzender der Joseph Haydn Privatstiftung. Er lieferte die Idee für den Debüt-Roman der Eisenstädterin. „Das liegt schon einige Jahre zurück“, erinnert er sich im Gespräch mit dem KURIER. „Mir ging es damals um den Tod von Nikolaus Esterházy: danach war Haydn frei, nach London zu gehen. Das ging sehr schnell und ich habe mich gefragt, ob Esterházy wirklich eines natürlichen Todes gestorben ist, oder ob jemand nachgeholfen hatte?“

Internationaler Thriller

Zusammen mit „ein paar anderen Mosaiksteinchen“ erzählte Walter Reicher seine Überlegungen seiner Tochter. „Dann hat sie die Initiative übernommen und es zu ihrer Geschichte gemacht.“ Heraus kam ein tempo- und wendungsreicher, internationaler Thriller, der unbekannte Hintergründe rund um Haydns Schaffen bereithält – eben jene Szene, die als Initialzündung fungiert hatte, aber übrigens nicht mehr. „Sie ist aus dem Buch dann herausgefallen, weil sie nicht mehr in die Dramaturgie hineingepasst hat“, erzählt Anria Reicher.

Grundlage für die Episode sei ein Artikel einer englischen Zeitung aus dem Jahr 1785 gewesen, in dem aufgerufen wird, Haydn „vom Schicksal zu befreien, am Hofe eines miesen deutschen Fürsten zu leben“. „Direkt nach dem Tod seines Fürsten unternimmt Haydn tatsächlich seine erste Englandreise“, so Reicher.

Im Buch gerät eine weltweit bekannte Konzert-Cellistin ungewollt in ein Abenteuer, das sie nicht stoppen kann, weil die Aufklärung mit ihrem eigenen Überleben verknüpft wird. Mit ihrem Freund, einem Musikwissenschafter, bekommt sie einen investigativen Mitstreiter zur Seite. Der Roman spielt in Mexiko, London, Cádiz, Wien und Eisenstadt mit viel musikhistorischer Recherche. Dabei half wieder Vater Walter. „Mir war wichtig, dass die Fakten stimmen“, sagt er. Und erzählt: „Anria hat schon in der Schule ganz tolle Aufsätze geschrieben, die aber nicht immer zur vollsten Zufriedenheit ihrer Lehrer waren, weil sie sich nicht nur streng ans Thema gehalten hat.“

Die Autorin selbst erinnert sich: „Ich habe immer schon getextet, ohne Rücksicht auf Verluste. Meine ersten, kindlichen Kurzgeschichten haben sich an Astrid Lindgrens und Christine Nöstlingers Heldenreisen orientiert. Später kamen auch Gedichte dazu, bis eine Lehrerin meinte: Das ist ja nett, aber langsam solltest du Rechtschreibung lernen.“

Lernen fürs Leben

Von anderen Lehrern sei sie wieder motiviert worden, sagt Reicher. Später habe sie befürchtet, vom Schreiben nicht leben zu können, studierte daher Marketing und Kommunikation. „In der Hoffnung, wenigstens PR-Artikel verfassen zu dürfen.“ Die Sehnsucht nach dem Schreiben blieb ungebrochen. So habe sie sich „mit Leib und Seele“ in ihr Buchprojekt gestürzt. „Haydn war mein ganzes Leben lang omnipräsent, an ihm gab es kein Vorbei“, sagt Reicher. Mit neun Jahren durfte sie erstmals als Statistin bei einer Haydn-Oper mitwirken. Es folgten weitere Auftritte und eine fast fünfzehnjährige Tätigkeit bei den Festspielen als freie Mitarbeiterin.

„Ich liebte die Atmosphäre hinter der Bühne, die kribbelige Aufregung, wenn Hunderte von Gästen in der Pause auf einen zustürmen, man ein Lächeln aufsetzt und weiß, man kann das schaffen. In solchen Situationen lernt man essenzielle Dinge fürs Leben. Nicht nur Sektflaschen entkorken, sondern eben auch ganz viel zwischenmenschliche Interaktion.“ Daran, einen Kriminalroman zu schreiben, habe sie „ehrlich gesagt nie gedacht. Schon gar keinen, in dem Haydn eine tragende Rolle spielt.“

Studium in den USA

Geschichte und Geschichten haben Anria Reicher aber von klein auf fasziniert. „Bereits als Kindergartenkind liebte ich das Kunsthistorische Museum in Wien“, erinnert sie sich. „Besonders die Bibelgeschichten und die griechische Mythologie hatten es mir angetan. Als Schulkind las mein Vater meinen Geschwistern und mir häufig die Odyssee vor, erfand sogar ein Gesellschaftsspiel mit den Stationen von Odysseus’ Irrfahrt.“

Die 1987 in Wien geborene Autorin studierte Geschichte, Linguistik, Germanistik und Kulturanthropologie in Wien, Dublin und Kalifornien. Heute lebt sie in Eisenstadt – und arbeitet schon an Band zwei ihres Thrillers: „Das Konzept steht. Ich habe das Haydn-Pentagramm ja so geschrieben, dass Fragen offenbleiben und man die Geschichte fortsetzen kann.“

Ihr außergewöhnlicher Name ist übrigens eine Kurzform von Anna-Maria, erzählt sie. „Viele Frauen in meiner Familie heißen Anna oder Maria. Meine Eltern wollten etwas Moderneres, Unverwechselbares daraus machen.“