Chronik | Burgenland
15.05.2017

Altes Familienbild hat sich überholt

Susanne Maurer-Aldrian über Familie im Wandel und die Herausforderung der Kinderdörfer.

In Österreich gibt es 62 Familien, die für das SOS Kinderdorf Schützlinge betreuen. Mobil werden 400 weitere Kinder versorgt. Susanne Maurer-Aldrian ist die Regionalleiterin Süd für die Kinderdörfer in Kärnten, der Steiermark und dem Burgenland. Die Ausgangssituation weg von den Waisen hin zu Familien mit Problemen, hat sich verändert. Rund 30.000 Kinder erhalten in Österreich "Unterstützung der Erziehung" durch mobile Hilfen, während sie zu Hause bei ihren Familien leben können.

KURIER: Sie sind Leiterin der SOS Kinderdörfer. Wie definieren Sie Familie?

Susanne Maurer-Aldrian: Familie – das sind Menschen, die ein liebevolles Zuhause ermöglichen. Die Menschen, mit denen du sein kannst, auf die man sich verlassen kann, die sich um dich sorgen und bei denen man sicher aufwachsen und sich entwickeln kann. Familie bedeutet aber auch streiten und versöhnen, gemeinsam traurig und lustig sein. Wenn es mal schwierig ist, ausziehen und wieder zurückkommen.

In Zeiten von Patchworkfamilien und Alleinerziehern – hat sich das klassische Bild der Familie bereits überholt?

Vater, Mutter, zwei Kinder – wenn dass das klassische Familienbild ist, so meine ich, ist es überholt. Viele Familien leben zwar so, wie auch ich, viele haben andere Formen gefunden. Eine Alleinerzieherin mit einem Kind kann genauso als Familie bezeichnet werden, wie die dazugehörige Großmutter, das homosexuelle Elternpärchen oder die Patchworkfamilie.

Gibt es heute mehr Probleme in den Familien als früher?

Die Probleme verändern sich und die Wahrnehmung von Problemen ändert sich natürlich auch. Subjektiv haben viele Menschen das Gefühl, dass alles brutaler und gefährlicher wird – die Jugendlichen und ebenso die Vorfälle in den Familien. Objektiv und statistische gesehen stimmt das nicht. Im Gegenteil. Die Anzahl der Kinder- und Jugendhilfefälle ist in den letzten Jahrzehnten ungefähr gleichbleibend – leider.

Wie viele Kinder oder Jugendliche sind betroffen?

Rund ein Prozent aller Kinder sind in ihrem Leben irgendwann einmal davon betroffen. Es sollte unser aller Ziel sein, diese Zahl zur reduzieren. Jeder Fall ist zuviel, er bringt viel Kummer mit sich, oft auch Gewalt und prägt die Laufbahn eines Menschen.

Welche Herausforderungen hat SOS Kinderdorf heute zu bewältigen?

Im internationalen Bereich gibt es große Herausforderungen. Kriegsgebiete, Flucht, Armut, Hunger, fehlende Ausbildung und Entwicklung. Gerade im Bereich der Kinder auf der Flucht werden Kinderrechte ausgeblendet, auch in Österreich. Sie werden in Heimen untergebracht, haben keine Ausbildungspflicht, ihre Asylanträge werden monatelang nicht bearbeitet.

Und in Österreich?

Hier ist auch die Arbeit in den Familien wichtig. Wir sind mit der mobilen Familienarbeit bei den Leuten zu Hause und arbeiten mit Eltern und Kindern zusammen. Das bringt auch etwas, hier zeigt sich eine hohe Wirksamkeit dahingehend, dass Kinder manchmal eben nicht fremduntergebracht werden müssen und bei der Familie bleiben können.

Gibt es die klassische Kinderdorffamilie noch?

Die SOS-Kinderdorffamilie setzt sich aus Kindern und Jugendlichen, einer Kinderdorfmutter oder einem Kinderdorfvater und weiteren Pädagogen zusammen. Manchmal haben die Kinderdorfmütter eigene Kinder und Partner dabei. Die Eltern, Freunde und Großeltern der Kinder werden ebenfalls einbezogen. Wenn die klassische Kinderdorffamilie der Ort ist, an dem Kinder ein liebevolles Zuhause bekommen, dann ja: die gibt es noch.

Am Sonntag war Muttertag. Gibt es noch genügend Frauen und Männer, die als Kinderdorfmutter bzw. -vater arbeiten wollen?

Es gibt kaum noch Menschen, die ein Berufsleben lang ihren Lebensmittelpunkt in ein Kinderdorf verlegen wollen und mehrere Generationen von Kindern begleiten. Es gibt sie, aber die moderne Kinderdorffamilie entsteht mit den Kindern und die Pädagogen begleiten sie so lange wie nötig.

Wer kommt heute für diese Jobs in Frage? Das Berufsbild wandelt sich. Wir suchen Menschen, Sozialpädagogen, Psychologen, Sozialarbeiter, die sagen: Ja, mache ich. Ich möchte Kindern, die nicht bei ihren Eltern leben können, einen Anker bieten.