Chronik | Burgenland
04.05.2017

A4-Flüchtlingsdrama: Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen Mordes

Verhandelt wird in Ungarn gegen elf Angeklagte, neun von ihnen befinden sich in U-Haft. Prozess beginnt im Juni.

Fast zwei Jahre nach dem Flüchtlingsdrama auf der Ostautobahn (A4) im Burgenland mit 71 Toten wird gegen die elf Schlepper Anklage wegen Mordes und Schlepperei im Rahmen einer kriminellen Vereinigung erhoben. Das gab der Chefankläger der Oberstaatsanwaltschaft des ungarischen Komitats Bacs-Kiskun, Laszlo Nanasi, am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Kecskemet bekannt.

Elf Männer aus Afghanistan, Bulgarien und dem Libanon werden angeklagt. Neun davon befinden sich in Untersuchungshaft. Gegen zwei Männer wurde Anklage in Abwesenheit erhoben.

Der Prozess gegen die elf Schlepper im A4-Flüchtlingsdrama wegen qualifizierten Mordes und Schlepperei im Rahmen einer kriminellen Vereinigung im A4-Flüchtlingsdrama wird im Juni beginnen. Das gab die Sprecherin des Gerichts von Kecskemet, Anett Petroczy, am Donnerstag auf einer Pressekonferenz bekannt. Die Verhandlung wird rund 30 Tage dauern. Mit einem Urteil wird Ende des Jahres gerechnet.

Die Tragödie hatte sich am 27. August 2015 ereignet, die 71 Flüchtlinge sind in einem Kühllaster erstickt. Anfang April hat die ungarische Polizei die Ermittlungen abgeschlossen, die Ergebnisse an die zuständige Staatsanwaltschaft weitergeleitet und die Anklage empfohlen.

27. August 2015 - In einem in einer Pannenbucht der A4 bei Parndorf im Burgenland abgestellten Kühl-Lkw werden 71 Leichen gefunden. Die geschleppten Flüchtlinge waren in dem luftdicht abgeschlossenen Laderaum am Vortag auf ungarischem Staatsgebiet erstickt. Unter den Toten sind vier Kinder.

28. August 2015 - Die Behörden geben die noch am Vortag erfolgte Festnahme von vier Männern in Ungarn bekannt. Es handelt sich um drei Bulgaren und einen Afghanen mit ungarischer Identitätskarte.

29. August 2015 - Die vier Verdächtigen werden in der ungarischen Stadt Kecskemet in Untersuchungshaft genommen. In der folgenden Nacht wird in Ungarn ein fünfter Verdächtiger festgenommen. Es handelt sich um einen weiteren Bulgaren. Unter den Beschuldigten befindet sich der Fahrer des Lkw. Die österreichischen Behörden gehen davon aus, dass Ungarn die Tatverdächtigen ausliefern wird.

4. September 2015 - Der damalige Landespolizeidirektor und nunmehrige Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil (SPÖ) gibt bekannt, dass die erstickten Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan kamen. Außerdem berichtet er, dass es 81 Menschen ebenfalls am 27. August gelungen sei, sich in der Nähe von Parndorf aus einem Lkw und einer lebensbedrohlichen Situation zu befreien. Für die Schleppung sei dieselbe Tätergruppe verantwortlich wie im Fall der erstickten Flüchtlinge.

11. September 2015 - Die Staatsanwaltschaft Eisenstadt gibt unter Berufung auf ein Gutachten bekannt, dass die 71 Flüchtlinge mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits auf ungarischem Staatsgebiet gestorben sind.

8. Oktober 2015 - Die Staatsanwaltschaft Eisenstadt teilt mit, dass sie das Strafverfahren an die ungarischen Behörden abtreten möchte. Diese prüfen den Antrag und stimmen vier Wochen später zu.

26. November 2015 - Burgenlands Landespolizeidirektor Doskozil gibt in Eisenstadt bekannt, dass 70 der 71 Flüchtlinge identifiziert worden sind. 21 stammten aus Afghanistan, 29 aus dem Irak, 15 aus Syrien und fünf aus dem Iran.

12. Oktober 2016 - Die ungarische Polizei gibt bekannt, dass die Ermittlungen vor dem Abschluss stehen. Acht Beschuldigte befinden sich in U-Haft, gegen drei weitere Verdächtige wurden internationale Haftbefehle erlassen.

7. April 2017 - Die Polizei in Ungarn gibt den Abschluss der Ermittlungen bekannt. Weiterhin befinden sich acht Männer in U-Haft, ein weiterer Verdächtiger wird gesucht. Die Staatsanwaltschaft hat nun maximal 60 Tage Zeit, um über eine Anklageerhebung zu entscheiden.

4. Mai 2017 - Die Oberstaatsanwaltschaft des ungarischen Komitats Bacs-Kiskun gibt bekannt, dass gegen elf Verdächtige aus Afghanistan, Bulgarien und dem Libanon Anklage wegen Mordes und Schlepperei im Rahmen einer kriminellen Vereinigung erhoben wurde. Neun Beschuldigte befinden sich in Untersuchungshaft, gegen zwei weitere Männer wird in Abwesenheit Anklage erhoben.