Chronik 01.09.2016

Bauskandal im Wilhelminenspital

Zentral-OP II im Wilhelminenspital © Bild: /Privat

OP-Trakt wird um ein Jahr verspätet fertig. KAV will Pönale in Millionenhöhe vom Errichter.

Im Kampf gegen seine streikbereiten Ärzte zieht der Krankenanstaltenverbund (KAV) alle Register. Gleich zehn leitende KAV-Mediziner dürfen auf einem aktuellen Pressebild lächelnd mit Generaldirektor Udo Janßen posieren und die umstrittene Flexibilisierung der Arbeitszeit loben.

Dabei dürfte in der KAV-Chefetage derzeit kaum jemandem zum Lächeln zu Mute sein. Schuld daran sind nicht nur die aufständischen Ärzte, sondern auch Bauprojekte, die zunehmend aus dem Ruder laufen.

Nach der Endlos-Baustelle Krankenhaus Nord gibt es jetzt auch noch beim Umbau des Wilhelminenspitals massive Schwierigkeiten. Seit Anfang März sollte der dortige Zentral-OP II fertiggestellt sein. Das Objekt (Baubeginn 2015) ist freilich immer noch eine Baustelle. "Derzeit wird von einer möglichen Inbetriebnahme ab Frühjahr 2017 ausgegangen", heißt es beim KAV auf KURIER-Anfrage vorsichtig.

Errichter ist die deutsche Firma Cadolto. Sie hat den Auftrag, das Objekt mit einer Brutto-Geschoßfläche von 11.000 m² und vier Etagen in Container-Bauweise herzustellen. Es handelt sich um ein Interimsgebäude, in das unter anderem acht OP-Säle übersiedelt werden sollen, bis für sie ein fixes neues Gebäude zur Verfügung steht. Bis zu diesem Zeitpunkt – anvisiert war ursprünglich das Jahr 2023 – bleibt das Objekt im Eigentum von Cadolto, die es an den KAV vermietet. Über die Bau- und Mietkosten hüllen sich beide Seiten in Schweigen.

Dass bis dato keine "Schlüsselübergabe" erfolgte, liege laut KAV einzig in der Verantwortung von Cadolto: "Wochen vor dem angepeilten Betriebsbeginn wurden bei Begehungen eine Reihe von Baumängeln festgestellt", sagt ein Sprecher. "Zudem fehlen auch heute noch behördliche Bewilligungen, für deren Einreichung die Errichterfirma zuständig ist. Das KAV-Projektteam forderte die Baufirma auf, diese Mängel so rasch wie möglich zu beseitigen und einen Zeitplan zu erstellen, aus dem hervorgeht, dass noch im Sommer 2016 eine Inbetriebnahme möglich ist. Dieser verbindliche Zeitplan wurde nie übermittelt."

Pönale

Mittlerweile musste der KAV eine Reihe von Ersatzvornahmen veranlassen (etwa die Vergabe der Medizintechnik). Weiters fordert er eine Pönale in Millionenhöhe ein. "Weitere rechtliche Schritte zur Erlangung der Vertragserfüllung werden geprüft", sagt der Sprecher.

Bei Cadolto spricht man von "Spezifika eines Objekts dieser Größenordnung. Vom Mängelprotokoll bis zur bei mancher Detailfrage unterschiedlichen Auffassung zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer", sagt eine Sprecherin. Grundsätzlich befinde man sich mit dem KAV aber in konstruktiven lösungsorientierten Gesprächen, die Mängelbeseitigung sei nahezu abgeschlossen.

In einem dem KURIER vorliegenden Schreiben beschwert sich der stv.KAV-Chef Thomas Balazs im Mai bei Cadolto hingegen über die "schleppende Zusammenarbeit". So würde die Firma seit 9. März nicht mehr an den zweiwöchigen Objektbesprechungen teilnehmen. Dies wird von Cadolto zurückgewiesen.

Gebäude geflutet

Gesprächsbedarf gibt es genug. Denn als ob das Projekt nicht ohnehin schon krisengeschüttelt genug wäre, verwüstete am 19. Juli auch noch ein enormer Wassereinbruch das Gebäude. Ein Wasserhahn im obersten Stock hat sich aus der Wand gelöst, das Wasser floss in die darunter liegenden Etagen. Betroffen sind laut KAV ein Drittel der Gebäudefläche, die Hälfte der OPs sowie die Labors und die Intensivstationen. Immerhin: Der Schaden soll durch die Versicherung der Firma gedeckt sein.

Inzwischen interessiert sich auch die ÖVP in einer Anfrage für die Hintergründe des verunglückten Bauprojekts: Gesundheitssprecherin Ingrid Korosec: "Wie kann es sein, dass bei einem so wichtigen Spitalsprojekt wie dem Umbau des Wilhelminenspitals ein zentraler OP-Komplex erst ein Jahr später als geplant fertiggestellt wird? Wir verlangen von Gesundheitsstadträtin Wehsely umfassende Aufklärung."

Spitalsträger vom Pech verfolgt

Der Krankenanstaltenverbund (KAV) scheint vom Pech verfolgt zu sein: Wickelt er ein Bauprojekt in Eigenregie ab, kommt es zu massiven Verzögerungen und Mehrkosten – siehe Krankenhaus Nord. Lagert er die Errichtung eines OP-Zentrums wie jetzt im Wilhelminenspital an eine Fremdfirma aus, kommt es – erraten – zu Bauverzögerungen. Als ob das alles nicht reichen würde, will sich die Mehrzahl seiner Ärzte partout nicht mit seiner Arbeitszeit-Reform anfreunden, die die Versorgung der Patienten wesentlich verbessern soll, sondern legt lieber aus Protest gegen Nachtdienst-Streichungen die Arbeit nieder. Es mag reiner Zufall oder eben Pech sein, dass derzeit auf den KAV so viele Kalamitäten gleichzeitig hereinbrechen. Sollten sie jetzt aber nicht rasch beseitigt werden, muss die Frage gestellt werden, ob die derzeit laufende Reform des Wiener Spitalswesens nicht auch eine umfassende Reform des KAV-Managements beinhalten muss.

( kurier.at ) Erstellt am 01.09.2016