Chronik 65Jahre
10/17/2019

Das ungeplante Interview: Der redselige Pele beim Wiener Heurigen

Wie der weltbeste Fußballer bei seinen Flitterwochen zum Steigbügelhalter für eine Journalistenkarriere wurde, weil ihm ein Reporterlehrling als Wiener Superkicker verkauft wurde.

von Wolfgang Winheim

Mit 53-jähriger Verspätung wage ich zu gestehen. Kleine Lügen in Gegenwart von Pele und Heribert Meisel hatten mir zur Qualifikation im KURIER verholfen.

Pele? Den Brasilianer halten manche Fußball-Nostalgiker heute noch für den besten Fußballer aller Zeiten. Trotz Messi und Ronaldo.

Heribert Meisel? Er genoss als Journalist einen Bekanntheitsgrad wie heute Armin Wolf und Rainer Pariasek zusammen, was auch daran lag, dass es in Österreich 1966 nur einen TV-Sender gab, bei dem Meisel regelmäßig im Bilde war. Parallel dazu überraschte Meisel als KURIER-Sportchef mit Aufdeckerstorys mehr als eine Million Leser.

Pele befand sich in der ersten Märzwoche 1966 mit seiner (ersten) Frau auf Hochzeitsreise in Europa. Gesponsert von deutschen Ausrüstern, umringt von Journalisten. Im Finish seiner Tour wurde selbst dem freundlichen Pele der Rummel zu viel. Als das junge Paar die Wiener Staatsoper besuchte, wartete der große Meisel mit dem Mikrofon in der Hand an der Feststiege jedenfalls vergeblich auf ein Interview.

Am nächsten Tag erfuhr ich, dass soeben der berühmte Pele nur 200 Meter von meinem Döblinger Elternhaus entfernt beim damaligen Nobelheurigen Mandl in der Paradisgasse eingekehrt war. Dort begrüßte mich Heurigenwirt Franz Mandl, der zugleich Viennas Sektionsleiter war, mit den Worten: „Guat Wolferl, dass du da bist. Der Pele will nur mit an Fußballer reden.“ Darauf wurde ich dem Superstar als Wiens größtes Nachwuchstalent vorgestellt. Was ich beim besten Willen nicht war. Ich hatte vielmehr mit dem Kicken aufg’hört und erst später, damit ich den Präsenzdienst in der Heeressportschule abdienen konnte, wieder um Meisterschaftspunkte zu spielen begonnen.

Wie auch immer – Pele bat mich an seinen Tisch. Er erkundigte sich sogar, wie in Wien trainiert werde. Ich lockte ihm dazwischen kleine Geheimnisse heraus, meine journalistischen Absichten verschweigend.

Mit der auf einer Uralt-Schreibmaschine abgetippten Pele-Story trat ich meinen allerersten Sonntagsdienst in der KURIER-Redaktion an, in die mich Vize-Sportchef Walter Schwarz „auf Bewährung“ vom Neuen Österreich geholt hatte.

Die Ernüchterung war zunächst groß. Denn Meisel legte mein Manuskript achtlos zur Seite. Ja, er empfand es als Frotzelei, dass ihm ein Reporterlehrbub ein Pele-Interview unterjubeln wollte, wenn doch er, der Top-Journalist, 48 Stunden zuvor beim Wunderkicker abgeblitzt war. Den „Irrtum“ mit meinem Kicker-Ruf verriet ich ihm vorsorglich nicht.

Zu meinem Glück brachten Agentur-Fotografen, die damals auch Promis beim Heurigen ablichteten, die Sportbilder vom Wochenende zum KURIER . Und mittendrin befanden sich die Pele-Fotos. Worauf mich Meisel wieder zu sich zitierte, mir auf die Schulter klopfte und die Pele-Story samt Bildbeweis im Montagsblatt erscheinen ließ.

Dass ein Jung-Reporter zum Einstand im Bild erscheinen durfte, war (und ist) völlig unüblich, wäre von „ganz oben“ wohl verhindert worden. Aber die Chefredaktion war abgelenkt, galt es doch die Wahl zu analysieren. Titel auf Seite 1 vom 7. März 1966: „Nach ÖVP-Sieg überlegt SPÖ künftige Politik.“

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