Buzz 05.12.2011

Starb Amy Winehouse an radikalem Entzug?

Seine Tochter sei an den Folgen eines radikalen Alkohol-Entzugs gestorben, meint Mitch Winehouse. Was ein Experte dazu sagt.

Kann plötzliches Aufhören mit dem Trinken die Todesursache von Amy Winehouse sein? Dieser Meinung ist ihr Vater, Mitch Winehouse: Sie habe seit drei Wochen vor ihrem Tod von einem Tag auf den anderen keinen Alkohol mehr getrunken. Dies sei für ihren Körper zu viel gewesen. Die Ärzte hätten ihr geraten, den Alkoholkonsum schrittweise zu reduzieren. Sie soll dies aber verweigert haben, aus Furcht, sie schaffe es auf diese Weise nicht.

Der KURIER sprach mit dem renommierten Suchtforscher Univ.-Prof. Otto Lesch, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Suchtmedizin.

KURIER: Kann plötzliche Abstinenz zum Tod führen?
Otto Lesch: Das abrupte Absetzen von Alkohol von einem Tag auf den anderen ohne Entzugsmedikamente kann in den ersten 48 Stunden zu einem lebensgefährlichen Zustand führen - mit medikamentöser Therapie kann das verhindert werden. Wenn der Organismus an hohe Dosen Alkohol gewöhnt war und die von heute auf morgen weg sind, ist eine Überreaktion des Körpers die Folge. War Amy Winehouse tatsächlich bereits seit drei Wochen abstinent, dürfte aber eher nicht der Alkoholentzug eine Rolle gespielt haben. Wenn es eine Verbindung mit dem Entzug gibt, dann eventuell über Beruhigungsmedikamente, die vielleicht zu abrupt abgesetzt wurden. Beruhigungsmittel können bei zu schnellem Absetzen häufiger epileptische Anfälle auslösen als Alkohol.

"Man hätte ihr besser helfen können"

Fans drapierten Blumen, Grußkarten und leere Alkohol-Flaschen vor dem Wohnhaus von Amy Winehouse.
© Bild: photopress.at

Was macht einen radikalen Entzug so gefährlich?
Es kommt zu Störungen aller autonomen Funktionen des Körpers - wie Atmung, Herz- oder Darmfunktion. Herzflimmern, Thrombosen oder epileptischen Anfällen können auftreten. Auch massive Durchfälle sind möglich, die
den Elektrolythaushalt durcheinanderbringen - auch das ist für das Herz gefährlich. Herz- und Lungenleiden (Winehouse soll an einer chronischen Lungenerkrankung gelitten haben, Anm.) sind ein zusätzliches Risiko. Menschen, die einen kalten Entzug ohne begleitende medikamentöse Therapie durchmachen, haben nachher ein viel stärkeres biologisches Verlangen als vorher. Durch so einen Entzug wird im Kopf mehr kaputt als durch die Alkoholvergiftung.

Angeblich wollte sie keine schrittweise Reduktion, aus Angst, es so nicht zu schaffen.
International ist das eine übliche Vorgangsweise, die aber intensiv begleitet werden muss: Ein Medikament blockiert die angenehme Wirkung des Alkohols, das hilft dem Patienten, die Trinkmenge zu verringern. Am Anfang bestellen wir den Patienten oft jeden Tag, er muss ein Trinktagebuch führen. Nach einigen Wochen ist ein Niveau erreicht, wo der Patient sagt: Jetzt versuche ich, ganz aufzuhören.

Ist völlige Abstinenz immer das oberste Ziel?
Nein, oft ist das wichtigste Ziel das Überleben - und die Lebensqualität. Bei 18 % der Alkoholkranken ist - wegen ihres starken biologischen Verlangens - eine dauerhafte Abstinenz unbedingt erforderlich, bei rund 60 % ist sie empfehlenswert und bei 22 % ist sie nicht unbedingt notwendig, weil keine biologische Abhängigkeit vorliegt.

Hätte man Winehouses Tod verhindern können?
Man hätte ihr sicher besser helfen können: Durch eine Therapie, bei der man sich wirklich um den Menschen kümmert und ihm nicht nur Geld abnimmt.

BUCHTIPP: Otto Lesch, Henriette Walter, Alkohol und Tabak - Medizinische und Soziologische Aspekte von Gebrauch, Missbrauch und Abhängigkeit, Springer Wien New York, 82,19 €

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( KURIER | Fotos (2): Photopress.at ) Erstellt am 05.12.2011