M.I.A. in Wien: Rebellion und kurze Party

Die britische Elektro-HipHopperin machte im Gasometer keine Kompromisse: Knallende Beats und grelle Show. Und trotzdem gab es viel zu wenig davon.

Wo M.I.A. auftritt, kracht, knallt und klingelt es. 
Der Auftritt der rebellischen britischen Rapperin mit sri-lankischen Wurzeln am Dienstag in Wien wurde mit Spannung erwartet. Was kann die 35-Jährige, deren erste beiden Alben hoch gelobt wurden, und die heuer mit ihrem dritten Album "Maya" medial viel Staub aufwirbelte, live? Ihr Konzert im gut gefüllten Gasometer begann sie gleich mit einer "Fuck You All"-Pose (Bild). ... Zu Beginn zeigte sich M.I.A. für die Fotografen mit arabischer Kopfbedeckung. Vielleicht sollte das Kopftuch das Statement aus ihrem Song "Sunshowers" untermauern: "Like PLO I Don't Surrender" - ("Ich gebe niemals auf, wie die PLO"). Diese Textzeile reichte immerhin für einen MTV-Boykott.

Bild: Ihre Verhüllung legte die Rapperin dann im dritten Song ab. So kämpferisch wie ihre Texte, kommt auch der Sound daher: Gewehrsalven, Schüsse, startende Motoren, Elefantentröten, Registrierkassen-Klingeling mischen sich immer wieder in die Beats. "Die Welt ist schlecht" - dieser Eindruck lässt einen nicht los. Aber ob die mit rebellischen Statements versehenen Songs tatsächlich so politisch zu verstehen sind? Auf der Bühne relativiert die Sängerin das: ... M.I.A. stellt sich zwar wie eine Politikerin hinter einen Strauß Mikros, verkündet aber: "All I ever wanted was my story to be told."
Und diese "Geschichte" wurde medial längst verbreitet. Jene von dem Flüchtlingskind, dass in Sri Lanka, Indien und England aufwuchs. Vom Vater, der in einer tamilischen Rebellenorganisation kämpfte, von Freunden und Verwandten, die im Bürgerkrieg in Sri Lanka starben. Zwischen den Kulturen zerrissen ist auch ihre Musik, die HipHop, Electro, Dancehall mit Elementen aus verschiedenen World Music-Richtungen mischt. Ihre drei bisherigen Platten benannte sie nach ihrem Vater ("Arular"), ihrer Mutter ("Kala") und nun nach ihr selbst: "Maya" nennt sich Frau Mathangi Arulpragasam. Ihr Bühnenname bezieht sich auf das Militärkürzel M.I.A. ("Missing in Action"). Etwas überraschend und im gegenwärtigen Starkult selten gesehen, warf sich die Rapperin mitten ins Publikum und tanzte dort eng mit ihren Fans - zu den scheppernden, schrägen Fanfaren von "Bucky Done Gun". Und im Gegenzug holte sie die Fans zu sich auf die Bühne: "I want everyone on stage". Das ging sich zwar nicht ganz aus, aber 30-40 waren es schon, die da vor M.I.A. herumhüpften. Der Party-Aspekt gehört ebenfalls zum Gesamtkonzept der ehemaligen Kunststudentin. Das war es dann aber auch mit dem Kontakt zum Publikum. Direkte, an die Fans gerichtete, Ansagen gab es nicht mehr. Die von einer Drummerin unterstützten und von einer Djane abgemischten Tracks gingen nahtlos ineinander über. Internationale Clubatmosphäre vermittelte das. Der Gesang und damit die Botschaften "Mayas" klangen leider dumpf und waren kaum zu verstehen. Unterstützt wurde M.I.A., deren Bewegungen zusehends uninspirierter wirkten, von zwei Backgroundtänzern und von immer wieder bis zur Grenze des Erträglichen feuernden Stroboskopen. Auf drei Videowalls wurden startende Armee-Helikopter, Goldbarren, Blutspritzer und bizarr verzerrte Geschäftsleute eingeblendet. Botschaften aus einer Welt, in der vieles falsch läuft. Was die Reizüberflutung nicht überdecken kann: Der Show fehlen emotionale Höhepunkte. Aus dem knallenden, krachenden, klirrenden Soundteppich ragen wenige Songs heraus. Live zünden nur wenige Hits von M.I.A. 


Bild: M.I.A., dahinter Bühnenbeleuchtung, die den Namen "MAYA" bildet Nach etwa einer Dreiviertelstunde verabschiedet sich der Star für gefühlte zehn Minuten von der Bühne und lässt den Sound unter mattem Licht weiterwabern. Für eine Bierholpause ist das zwar ideal, aber zumindest sollte das Konzert dann noch einmal so lange dauern. ... Tat es aber nicht. M.I.A. gab danach nur noch drei Songs zum Besten: zunächst das Punk- und Industrial-angehauchte "Born free", das sie dieses Jahr mit einem äußerst gewalttätigen Video promotete. Die schockierenden Szenen, in denen Rothaarige selektiert und erschossen werden, wurden auf den Videowalls im Gasometer nicht gezeigt, dafür jede Menge Blutspritzer. Auch der rothaarige Bühnentänzer kam freilich nicht zu Schaden. ... Richtig Stimmung kam erst wieder auf, als das Intro von "Paper Planes" daherwummerte. Der Song, der auch aus dem Oscargekrönten Film "Slumdog Millionaire" bekannt ist, ist freilich der ideale, emotionale Abgesang als Abschluss. Nur sollte der halt nicht bereits nach siebzig Minuten erfolgen. Dass M.I.A.s Papierflieger nur wenige Meter flog, bevor er ins Publikum stürzte, wirkte fast entlarvend. Rebellion und Party, das haben vor M.I.A. bereits Leute wie Manu Chao mit weltumspannender Musik verbunden. Aber Konzerte dieses Herren enden im Vergleich dazu praktisch nie vor der Zwei-Stunden-Marke und wirken wesentlich inspirierter. "Ich freue mich, dass ihr alle heute Abend gekommen seid," sagt M.I.A. zum Abschied. Danach ungläubiges Staunen, vereinzeltes Pfeifen, zum ersten Mal "M.I.A."-Sprechchöre. Aber es war vorbei. Und kaum jemanden schien es wirklich zu stören. Vielleicht haben die irrwitzig flackernden Strobos die gefühlte Zeit ausgedehnt. Mit verlässlicher Pünktlichkeit begann das Gasometer-Personal drei Minuten nach Verhallen von "Paper Planes" mit der "Räumung" der Halle. Rebellion hat schon einmal anders ausgesehen. Auf und auch vor den großen Rockbühnen.
(Peter Temel)
 
(KURIER.at, Fotos: Florian Wieser, shootingmusic.com (15)) Erstellt am
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