Google Street View kann jetzt auch Kunst

Emilio Vavarella
Foto: Emilio Vavarella

Für den italienischen Multimedia-Künstler Emilio Vavarella sind fehlerhafte Aufnahmen auf Google Street View mehr als ein technisches Gebrechen.

Mit Goolge Street View hat die Vermessung der Welt eine neue Dimension erfahren. Als Zusatzfeature zu Google Maps geplant, wurde Street View schnell zum kontrovers diskutierten Projekt.

Dass der 2007 initiierte Service des Internet-Giganten abseits der Diskussionen um Datenschutzrichtlinien nicht nur interessante Einblicke in fremde Städte gewährt, haben wir bereits in unserer Bilderserie "Kuriose und magische Momente auf Google Street View" gezeigt.

Ästhetik des Fehlers

In seinem Projekt "Report A Problem" entdeckt der Multimedia-Künstler Emilio Vavarella jetzt die künstlerische Dimension in Google Street View. In mühsamer Kleinarbeit hat sich der Italiener auf die Suche nach Aufnahmefehlern oder falsch zusammengesetzten Bildern gemacht. Bilder, die beweisen sollen, dass auch die Technik nicht unfehlbar ist - wie wir Menschen.

"Egal wie sehr Google versucht, das System zu perfektionieren, es werden sich immer kleine Fehler einschleichen. Die Technik ist genauso fehlbar wie wir Menschen", erklärt Vavarella im Interview mit KURIER.at. Wieso es ihm ein Anliegen ist darauf hinzuweisen? "Weil wir Menschen der Technik mittlerweile nur allzu oft blind vertrauen." Es geht um die Fehlbarkeit der Technik - und um die Ästhetik des Fehlers. Ein Jahr lang hat sich Vavarella auf die Suche nach diesen Fehlern gemacht. Die besten 100 Screenshots hat er zu der Serie "Report A Problem" zusammengeführt. Sie ist Teil seiner "Google Trilogy", in der er auch Menschen auf Street View suchte, die in Großaufnahme von den Kameras erfasst wurden ohne verpixelt geworden zu sein. Weitere Informationen: emiliovavarella.com Auch der Kanadier Jon Rafman entdeckte Google Street View als Quelle für ästhetische - und in seinem Fall oft auch schräge Aufnahmen. Denn Google Street View ist die neue "Street Photography", ist der 32-jährige überzeugt. Henri Cartier-Bresson, gemeinhin als Vater ebendieses Fotogenres angesehen, würde dem Kanadier da wohl heftig widersprechen. Zumindest die Bilder, die Rafman seit Beginn des weltweiten Dokumentationsprojekts von Google gefunden hat, geben ihm aber durchaus Recht. Mit Google Street View lassen sich nämlich nicht nur die Straßen dieser Welt erkunden, sondern auch kleine Szenen des Alltags beobachten: Zwischen Ödnis und endlosen Straßen finden sich nämlich immer wieder magische Momente und kuriose Szenen. So wie diese Aufnahme, die einen Mann im orangen Overall zeigt. Ob es sich dabei um einen entflohenen Sträfling handelt? Immerhin ist das die gängige Kleidung in den Gefängnissen Amerikas. Seit Beginn des Google-Projekts sammelt Rafman auf seinem Blog 9-eyes Momentaufnahmen. wie diese. "Die Welt scheint durch die unpersönliche Betrachtung durch das Auge des vorbeifahrenden Autos ehrlicher", schreibt er in einem Gastbeitrag auf artfagcity.com. Der soziale Kontext würde natürlich immer mitfotografiert werden. Aber dadurch, dass der Fotograf als subjektiver Betrachter wegfalle, sei Google Street View "wahre Dokumentar-Fotografie, die Fragmente der Realität ohne jegliche kulturelle Intentionen" einfängt. Apropos sozialer Kontext: Jon Rafman verzichtete in seiner Sammlung darauf, auch den Aufnahmeort zu veröffentlichen.  Eines können wir an dieser Stelle jedoch mit Gewissheit sagen: Aus Österreich stammt kein einziges der hier gezeigten Bilder. Die Datenschutzkommission hatte hierzulande eine Unterbrechung der Ablichtung der Straßenzüge bewirkt.
Seit Dezember 2010 ist die Fortführung von Google Street View in Österreich zwar wieder gestattet - doch bis dato sind keine neuen Kamerafahrten geplant. Immerhin sind seit November 2011 Panoramaaufnahmen von Skipisten der österreichischen Skigebiete Ischgl und Sölden verfügbar. In einem Interview mit Standard.at meinte Markus Kienberger, der neue Google-Chef Österreichs, dass das Land - vor allem aber die Tourismuswirtschaft - von einem landesweiten Angebot profitieren würde. Pläne, das Angebot auszuweiten gebe es aktuell zwar nicht, aber wer weiß. Vielleicht findet Jon Rafman in einigen Jahren ja auch in Österreichs Wäldern Szenen wie diese. Sehen Sie weitere kuriose Bilder auf Google Street View. 
  Weiterführende Links:
Blog von Jon Rafman
Artikel auf artfagcity.com
Hintergrund

Google Street View: Viel Nutzen, viel Ärger

2007 schickte Google eine Armee an Fahrzeugen aus. Bewaffnet mit neun Kameras sollten sie 360 Grad-Aufnahmen von ihrer Umgebung machen. Jede Straße, jeder Weg sollte erfasst werden. Alle 10 bis 20 Meter schossen die Kameras ein Panoramabild ihrer Umwelt. Kritiker sahen vor allem eine Verletzung von Datenschutzrichtlinien. Wer nicht wollte, dass sein Haus oder sonstiges Privateigentum auf Google veröffentlicht wird, hatte lediglich vier Wochen Zeit, um dagegen Einspruch zu erheben. Auch die Höhe von 2,9 Meter, in der die Kameras montiert waren, sorgte für Unbehagen.

Zudem machte Google nicht nur Bilder. Auch WLAN-Daten und deren Position wurden gespeichert. Im Mai 2010 räumte Google ein, mehr als die bislang veröffentlichten WLAN-Daten gesammelt zu haben. So seien auch Inhalte mitgeschnitten worden. Dies wurde von Datenschützern als rechtswidrig bezeichnet und stark kritisiert.

(KURIER / kob) Erstellt am
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