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KURIER Romy 2014
Die Österreicher, ein Volk von verwegenen Zockern?
Die Österreicher, ein Volk von verwegenen Zockern? - Foto: FRANK PETERS - FOTOLIA 44784036/Frank Peters/Fotolia

Letztes Update am 29.12.2012, 15:30

Hohe Einsätze im Milliardenspiel. Wirtschaft von innen: Der erbitterte Kampf um Kunden, Konzessionen und fette Gewinne.

Die Österreicher, ein Volk von verwegenen Zockern? Würde man kaum vermuten. Mehr als 14 Milliarden Euro wurden im Vorjahr gesetzt – in Casinos, bei Automaten und Sportwetten, am Pokertisch und im Online-Gambling. Macht pro Person 1750 Euro, vom Baby bis zur Oma. Tendenz steigend. Am morgigen Silvesterabend wird die Branche traditionell wieder die höchsten Tagesumsätze machen. Nur die Finnen spielen noch leidenschaftlicher.

Zieht man die ausgeschütteten Gewinne von den Einsätzen ab, bleiben gut 1,5 Milliarden Euro, Bruttospielertrag in der Fachsprache genannt. Kein Wunder, dass sich die Glücksspielunternehmen ein erbittertes Match um Kunden und Konzessionen liefern. Da wird lobbyiert und interveniert, was das Zeug hält, und Kohorten hochspezialisierter, teurer Anwälte gegen die Behörden und vor die Höchstgerichte in Marsch gesetzt. Etwas hilflos mittendrin das Finanzministerium, als oberste Aufsichtsbehörde die Hüterin der begehrten Lizenzen zum Spielen.


Den Auftakt gab der Europäische Gerichtshof. Das Finanzministerium hatte die Lizenzen für die 12 Voll-Casinos (Tische mit Croupiers und Automaten) immer freihändig an die Casinos Austria vergeben. Der EuGH ordnete eine EU-weite Ausschreibung an und das Glücksspielgesetz musste novelliert werden.

Zuerst wurde Lotto ausgeschrieben, Gewinner waren wenig überraschend die Österreichischen Lotterien, eine Tochter der Casinos. Der Mitbewerber Lottelo, hinter dem der Sohn des Großinvestors Peter Goldscheider steht, ging vor die Höchstgerichte und zur EU-Kommission. Die restlichen Mitbieter ebenfalls.

Die 12 Casino-Konzessionen verpackte das Ministerium in eine Land- und eine Stadt-Tranche für je sechs Standorte und schrieb zusätzlich drei Einzelkonzessionen in Wien und Niederösterreich aus. Was im Vorfeld bereits von Verfassungsjuristen kritisiert wurde. Vergangene Woche gab’s den nächsten Glückstreffer für die Casinos Austria (Casag).

 

 

Karl Stoss
Karl Stoss - Foto: APA EXPA Johann Groder

Der Platzhirsch unter Chef Karl Stoss erhielt für 15 Jahre wiederum den Zuschlag für Wien, Bregenz, Linz, Graz, Salzburg und Innsbruck. Der vom Industriellen Hans Graf aufgebaute Konkurrent Novomatic wird den 575 Seiten dicken Bescheid beim Verwaltungsgerichtshof anfechten. Vor wenigen Wochen kaufte sich Novomatic übrigens als Finanzinvestor beim Nahversorger Dayli (ehemals Schlecker) ein.

Im Netzwerken sind beide Unternehmen gut. Casag-Vorstand Dietmar Hoscher saß für die SPÖ im Nationalrat, Ex-SP-Innenminister Karl Schlögl bis heuer im Aufsichtsrat der Novomatic. Die sich in Südamerika vom ehemaligen SP-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer beraten lässt. Inzwischen ermittelt freilich die Staatsanwaltschaft wegen eines dürftigen Gutachtens, für das die Lotterien unter Ex-Chef Leo Wallner 300.000 Euro an die BZÖ-Werbeagentur Orange löhnten. War wohl eine Parteispende, um unter der schwarz-blauen Regierung eine Lockerung des Glücksspielmonopols zu verhindern. Novomatic-General Franz Wohlfahrt wiederum musste im Sommer vor dem Korruptions-U-Ausschuss erklären, warum er Grasser-Spezi Walter Meischberger und der Valora Solutions (Gesellschafter waren Peter Hochegger, Meischberger und Karl-Heinz Grasser) für Beratung in Summe 720.000 Euro überwies.

 

 

Magna International Chairman Frank Stronach listen
Frank Stronach - Foto: Reuters/Peter Jones

Einer hat sich aus dem Spiel wieder ausgeklinkt. Der Magna-Gründer und Neo-Politiker Frank Stronach wollte mit der deutschen Gauselmann-Gruppe ins Rennen um die Casino-Lizenzen starten, man gründete die Merkur Entertainment. Kommt bei den Wählern allerdings nicht so gut an, wenn man im Zocker-Business mitspielt. Stronach verkaufte jetzt seinen Drittel-Anteil an Gauselmann. Geschäft war’s für den Austrokanadier keines. Bis dato fielen nur 400.000 Euro Spesen an. Kurzzeit-Aufsichtsratsvorsitzender der Merkur war der VP-Abgeordnete und Chef des fürs Glücksspiel zuständigen parlamentarischen Finanzausschusses Günter Stummvoll, der den Job nach öffentlicher Kritik rasch wieder zurücklegte.

Merkur will sich ebenso wie Novomatic und der an der New Yorker Nasdaq notierte heimische Casino-Betreiber Century um die lukrativen Einzelkonzessionen bewerben. Die Deutschen sind auch bei den Ausschreibungen für die Automaten-Lizenzen, dem sogenannten Kleinen Glücksspiel, im Burgenland und in Kärnten mit dabei. Die auffallend kurze Bewerbungsfrist in Kärnten hat für Merkur-Sprecher Georg Brockmeyer „schon ein seltsames G’schmäckle“. In Nieder- und Oberösterreich kam Novomatic zum Zug, die Konkurrenten sind schon bei den Höchstgerichten. Darunter auch der oberösterreichische Automatenhersteller Amatic, der sich Ex-Finanzstaatssekretär Alfred Finz, VP, in den Aufsichtsrat holte. In Wien ist das Automatenspiel ab 2015 nur noch an großen Standorten und nicht mehr in Klein-Kabinen erlaubt. Womit dem Stadtbudget jährlich 50 Steuermillionen entgehen dürften.

Spannend wird’s in der Neujahrsnacht für Peter Zanoni, den Chef der Pokersalon-Kette Concord Card Casinos. Die Genehmigung für seine 13 Standorte läuft um Mitternacht ab. Die für heuer geplante Neu-Ausschreibung hat das mit der Komplexität der Verfahren überforderte Ministerium auf 2013 verschoben. Die Finanz meint, bis zur Neukonzession müssten die Pokerhallen geschlossen bleiben. „Glatte Enteignung“, wettert Zanoni. Er beruft sich auf seine gewerberechtlichen Genehmigungen und denkt nicht daran, zuzusperren. Das Geschäft läuft blendend, Zanoni zählt 35.000 Besucher pro Woche. Politische Rückendeckung gibt ihm Stummvoll. Aufgeschoben ist vorläufig die gesetzliche Neuregelung des Online-Gamings. Derzeit dürfte in Österreich nur die Lotterien-Tochter win2day (1,1 Milliarden Umsatz) anbieten. Die EU-Kommission arbeitet an neuen Richtlinien für das Spiel im Web. Lotto-Vorstand Friedrich Stickler, auch Präsident der europäischen Lotterien, urgiert Maßnahmen gegen illegale Anbieter: „Im Sinne des Konsumenten- und Spielerschutzes und im Kampf gegen organisierte Kriminalität“. Online-Gaming eignet sich prächtig für Geldwäsche in großem Stil. Der Schwarzmarkt im Web hat gigantische Ausmaße und wird auf bis zu 1000 Milliarden Dollar geschätzt. Alleine die zwei auf den Philippinen stationierten größten illegalen Buchmacher spielen 400 Milliarden Dollar ein. „Man kann nicht über weitere Regulierungen diskutieren und nichts gegen Illegale tun“, ärgert sich Stickler. Wie’s ginge, zeigen die USA. Kreditkartenfirmen, die mit illegalen Anbietern kooperieren, werden streng abgestraft.

 

Glücksspielmarkt

 

Auf dieses Volumen schätzen die Marktforscher KFP die gesamten Einsätze in Österreich. Abzüglich der ausbezahlten Gewinne bleiben den Anbietern 1,5 Milliarden Euro. Fast 45 Prozent davon entfallen auf Lotterie-Spiele (Lotto plus vernetzte Automaten), 35 Prozent spielen „normale“ Automaten ein, gefolgt von den 12 Casinos und Online-Gaming. Der Betrieb ist, wie in der gesamten EU, nur mit Konzessionen erlaubt, die der Staat als Monopolist vergibt.


(KURIER) Erstellt am 29.12.2012, 15:30


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