Aufstand gegen neue Stromzähler

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Foto: KURIER/Deutsch Gerhard Viele Kunden wollen lieber alte Zähler behalten.

Kunden und Energieversorger wehren sich gegen Geräte, die viertelstündlich Verbrauch melden.


Bis 2019 sollen fast alle österreichischen Haushalte mit digitalen Stromzählern, sogenannte Smart Meter, beglückt werden. Das verordnet das Wirtschaftsministerium, das wünschte die Energiemarktaufsicht E-Control.

Weil mit den Zählern Haushalte bis ins Detail – Anzahl der Personen, die zu Hause sind und was sie tun – ausspioniert werden können, regt sich zunehmend Widerstand. Die Zähler liefern nämlich viertelstündlich genaue Stromverbrauchsdaten an die Versorger. Doch die behaupten nun: „Diese Daten brauchen wir gar nicht. Da werden nur Datenfriedhöfe produziert“, wie Stefan Zach, Sprecher der niederösterreichischen EVN betont. Weder die EVN noch Wien Energie wollen daher mit dem Einbau dieser teuren neuen Zähler beginnen. Die Umstellung würde die Versorger in ganz Österreich zwei Milliarden Euro kosten.

Wofür das Ganze? Das weiß offenbar niemand so genau, heißt es in der Strombranche. Sicher ist nur, dass es eine EU-Richtlinie dafür gibt. Dass da Erinnerungen an die Energiesparlampe wach werden, die zwar der Industrie, nicht aber den Verbrauchern viel gebracht hat, ist wenig verwunderlich.

Ausstieg möglich

Viele Kunden wollen die Zähler nicht. Die EVN berichtet, dass in ihren Feldversuchen 30 Prozent der Kunden verweigerten. Wer außer Einbrechern braucht so etwas, fragen sich die Verbraucher.

Datenschützer Hans Zeger teilt die Bedenken. „Es gibt vielleicht Leute, die selbst Interesse an ihrem Stromverbrauchsverhalten haben. Die sollen so einen Zähler nehmen. Aber doch nicht alle Konsumenten“, plädiert er für Freiwilligkeit.

Die Regierung hat im Sommer 2013 denn auch beschlossen, dass Verbraucher den Einbau der neuen Zähler ablehnen können und dass die Speicherung der Werte im 15-Minuten-Takt nicht verpflichtend ist. Wie die Versorger dann die EU-Richtlinie erfüllen sollen, ist aber unklar. Sie fordern daher einen „runden Tisch“ mit der Politik. Die Gespräche, die es derzeit zwischen E-Control, Wirtschaftsministerium und Versorgern gibt, seien zu wenig. Stattdessen soll ein klarer Rechtsrahmen her.

Digitale Zähler für alle

PG E-CONTROL "JAHRESBERICHT 2012": MARTIN GRAF Foto: APA/HANS KLAUS TECHT Einen Vorschlag zur Lösung des Problems gibt es bereits. Laut E-Control sollen künftig trotz Ausstiegsmöglichkeit alle Kunden einen digitalen Zähler bekommen. Die Funktionen, die den Zähler „intelligent“ machen, sollen jedoch via Software deaktiviert werden. „Im Grunde handelt es sich daher um einen ganz gewöhnlichen Standardzähler, der wie bisher den fortlaufenden Energieverbrauch des Kunden misst und einmal jährlich abgelesen wird“, erklärt E-Control-Vorstand Martin Graf (Bild).

Bei der Energie AG Oberösterreich hat man den Vorschlag bereits in die Praxis umgesetzt. „Unsere Kunden bekommen alle digitale Zähler. Alles andere wäre unwirtschaftlich“, erklärt Michael Frostel, Sprecher der EAG. In Oberösterreich wurden bereits rund 138.000 Zähler ausgetauscht. Die Energie AG ist damit alleiniger Vorreiter in Österreich. Seit Jahresbeginn bietet sie den Kunden auch Spezialtarife an, um den Verbrauch in jene Tageszeiten zu lenken, in denen die Stromnachfrage niedrig ist: nachts zahlt der Kunde nur 5,5 Cent je Kilowattstunde, vormittags und abends während der Woche dagegen 8,5 Cent. Für die EAG hat das den Vorteil, dass der Verbrauch während des Tages besser verteilt wird und die Netze weniger belastet werden. Das sei mit Blick auf den Ökostrom wichtig.

Stromzähler: 5,5 Millionen in Österreich
Verordnet Das Wirtschaftsministerium schreibt vor, dass bis 2019 95 Prozent der 5,5 Millionen heimischen Stromzähler digital sein müssen. Laut EU müssten es 80 Prozent bis 2020 sein. Die Kunden könnten dann ihren Stromverbrauch leichter nachvollziehen und sparen.
Ablehnung Wer keinen neuen Zähler will, kann in Wien an post@wienernetze.at schreiben, bei der EVN an info@netze-noe.at. Beides geht auch per Brief oder Telefon. Ob diese Kunden dennoch einen Zähler bekommen, bei dem aber die häufige Ablesung deaktiviert ist, ist offen.

Anfrage

"Fernabschaltfunktion" bleibt

Politik diskutiert über die Möglichkeiten zum "Opt-Out".

„Der Netzbetreiber hat den Wunsch eines Endverbrauchers, kein intelligentes Messgerät zu erhalten, zu berücksichtigen.“ Diese Formulierung wurde vom Parlament im Sommer 2013 in einer Gesetzesänderung für Verbraucher erkämpft. Doch seither wird darüber verhandelt, wie dieses „Opt-Out“ umzusetzen ist. Das Wirtschaftsministerium gelangte gar zur Auffassung, dass es für Endabnehmer keinen Rechtsanspruch geben soll, weil der Stromzähler Eigentum des Netzbetreibers sei.

Der Grüne Nationalratsabgeordnete Albert Steinhauser, der den parlamentarischen Abänderungsantrag mitverhandelte, will es genau wissen: Legt das Wirtschaftsministerium den Netzbetreibern damit eine gesetzeswidrige Auslegung nahe?

Mogelpackung

Dazu bringt der Justiz- und Datenschutzsprecher am Montag eine parlamentarische Anfrage ein. „Der Gesetzespassus ist keine Höflichkeitsfloskel, sondern eine klare Anordnung“, sagt er. Für ihn ist der Vorschlag, dass trotz „Opt-Outs“ alle Kunden einen digitalen Stromzähler bekommen sollen, bei dem lediglich die Auslesung der 15-Minuten-Intervalle deaktiviert ist, eine „Mogelpackung“.

Digitale Zähler sollen nämlich trotzdem über eine Fernabschaltfunktion verfügen. Genau diese Funktion steht aber im Visier von Datenschützern und Sicherheitsexperten, weil sie die Zähler besonders anfällig macht für Hacker-Angriffe. „Die Kunden, die den Zähler aus Sicherheitsgründen ablehnen, haben damit keine Wahl“, so Steinhauser.

Salomonisch

Digitaler Verdruss und analoge Renaissance

Das digitale Zeitalter hat uns das Fürchten gelehrt, die Euphorie ist vorbei. Wir haben unsere Privatsphäre verloren und dabei auch noch willig mitgeholfen. Wer heute noch an Datenschutz glaubt, dem ist nicht zu helfen. Aber darf man auch einmal offline sein? Kaum. Die neuen Stromzähler zum Beispiel sollen künftig jede Viertelstunde den aktuellen Energieverbrauch aus der Wohnung melden.

Gleichzeitig sind wir zur Do-it-yourself-Gesellschaft geworden. Das hat einerseits ganze Branchen in den Ruin getrieben, andererseits den Firmen Geld sparen geholfen, ohne dass sie sich mit günstigeren Preisen revanchiert hätten. Wir haben uns insgesamt in die Abhängigkeit einiger weniger internationaler Konzerne begeben, die uns ihre Bedingungen diktieren.

Demnächst werden übrigens Audi und Google kooperieren. Das Auto der Zukunft ist nicht nur permanent ortbar, sondern wird auch mitteilen, was gerade zu tun oder zu lassen ist. Möglicherweise verblödet der Mensch in dieser „schönen neuen Welt“ gerade ein bisschen – aber wen stört’s?

Interessanterweise bahnt sich gerade eine kleine „analoge“ Renaissance an. Die Bürger haben immer weniger Lust, durch neue Techniken wie der Patientendatenerfassung „ELGA“ oder den digitalen Stromzählern zum gläsernen Menschen zu werden. Man meldet sich massenhaft vom „Fortschritt“ ab, weil die Verknüpfung zwischen Bürokratie und lückenloser Überwachung Unbehagen bereitet. „Analoges“ verkauft sich (wieder): Im Weihnachtsgeschäft 2013 waren Bücher ein Hit – und sogar die Hersteller von Papierkalendern meldeten (trotz des Siegeszugs der Smartphones!) verdutzt ein Umsatz-Plus. Die Menschen gehen nach wie vor ins Kino, schauen auch wieder mehr fern. Und die amerikanische Investorenlegende Warren Buffett hat zuletzt in Zeitungen investiert. Klar, die sind in den USA gerade billig zu haben. Aber Buffet kauft nichts, was sich nicht langfristig rentiert. Selbst die gute alte Langspielplatte feiert ein Revival.

Der Blogger als Warner

Die NSA-Abhöraffäre hat aus manchem Internet-Aficionado einen Skeptiker gemacht: So verblüffte der Spiegel-online-Blogger Sascha Lobo kürzlich in Wien. Er war mit dem als Widerpart eingeladenen FAZ-Herausgeber und Internet-Skeptiker Frank Schirrmacher nämlich völlig einer Meinung. Beide warnten davor, dass demokratische Grundrechte der Digitalisierung zum Opfer fallen.

Schon klar: Der Geist ist aus der Flasche, es gibt kein Zurück. Aber die „analoge“ Welt gibt kräftige Lebenszeichen von sich.

(kurier) Erstellt am
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