David Garrett über Disziplin

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Foto: Jürg Christandl, KURIER Garrett: "Ich wollte keinen Erfolg. Wenn Kinder auf die Frage, was sie einmal werden wollen, antworten: ‚Ein Star‘, dreht sich mir der Magen um."

Er sieht aus wie ein junger Gott, kann Geige spielen wie kein Zweiter und hat mit der Kreuzung von Klassik und Pop Weltkarriere gemacht. Ein Gespräch über Gewinn und Verlust, Wunder, Sex und Selbstdarstellung.

freizeit: Herr Garrett, schön, Sie kennen­zulernen. Wo ist Ihre Geige?
David Garrett: Neben mir im Koffer.

freizeit: Gut verpackt.
Garrett: Das ist sie meistens. Ich gebe in diesem Moment ja auch kein Konzert.

freizeit: Haben Sie zu Hause einen speziellen Aufbewahrungsort?
Garrett: Nein, gar nicht. Sie steht herum, wie hier auch. Sie steht aber in einer Ecke, damit niemand drüber stolpert.

freizeit: Sie haben also keinen besonderen Bezug zu Ihrer Geige? Schließlich soll sie einen Schätzwert von drei Millionen Euro haben.
Garrett: Mir geht es nicht ums Instrument. Es ist Mittel zum Zweck, das mich zur Musik führt. Es ist eines der wenigen Dinge im Leben, die mich nicht nerven.

freizeit: Sie müssen sich also zum Spielen nicht motivieren? Angeblich üben Sie drei Stunden pro Tag.
Garrett: Motivieren? Das ist schön formuliert. Man muss sich quälen können, weil es sonst kein Resultat gibt. Glücksmomente sind, wenn nach langem Üben eine Passage funktioniert. Aber wer steht schon gerne um fünf Uhr früh auf, sitzt am Flughafen herum und übt mit kalten Fingern auf der Geige? Es gibt Tausende von unangenehmen Situationen, die jedoch die Überschrift Musik tragen. Sie ist mein Leben und deshalb lebe ich damit.

freizeit: Sie galten als Wunderkind. Sie müssten die Partituren doch ganz locker aus dem Ärmel schütteln?
Garrett: Es gibt keine Wunderkinder, nur hoch talentierte junge Menschen, wie ich es auch war. Aber dann kommt jede Menge Arbeit dazu. Ich verstehe unter einem Wunder etwas, das ohne harte Arbeit entsteht. So läuft es aber leider nicht.

freizeit: Es gibt also kein Wunderkind?
Garrett: Das ist für mich ein Klischee. Es erleichtert das Gewissen von Menschen, die sich Konzerte ganz junger Musiker ansehen. Doch die meisten wissen, dass hinter dem Erfolg ein Elternteil steht, der sehr stark drückt. Ich zumindest weiß das sehr gut. Die Plattenfirmen wollen die Menschen nicht belasten. Deshalb wird der Begriff Wunderkind bemüht, um nicht sagen zu müssen: ‚Das ist ein hochbegabtes Kind mit einem Vater, der es pusht."

freizeit: Kann man die Förderung durch die Familie nicht bis zu einem gewissen Grad als Gewinn sehen? Ohne Disziplin hätten Sie heute vielleicht weniger Erfolg.
Garrett: Es ist sowohl Gewinn als auch Verlust. Wenn man daran zerbricht, ist es ein großer Verlust. Es gibt Kinder, die zwar ehrgeizige Eltern, aber kein Talent haben. Dann ist das eine Katastrophe, weil Eltern ihr Kind grundsätzlich als das talentierteste ansehen. Die Chance, ein extrem talentiertes Kind zu haben, liegt bei 1:1.000.000. Wenn man nicht dazugehört, ist das tragisch für das Kind. Ich kann mit einem guten Gefühl zurückschauen, weil die Sache bei mir aufgegangen ist. Trotzdem sage ich auch: ‚Menschenskind, was war das für ein Scheiß."

freizeit: Von welchem Scheiß reden Sie?
Garrett: Es war natürlich eine Katastrophe. Ich hatte keine Kindheit und keine Freunde. Mein Vater hat jeden Tag stundenlang mit mir gearbeitet und das auch auf unangenehme Art, verbal wie physisch. Und da denkt man sich dann schon: Geht es nicht leichter?

freizeit: Damals waren Eltern wahrscheinlich in Sachen Erziehung nicht geschult.
Garrett: Sie brauchen meinen Vater hier nicht zu entschuldigen. Das ist ja jetzt nicht fünfzig Jahre her. Ich glaube, dass es auch anders gegangen wäre.

freizeit: Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen vieles aufgezwungen wurde. "Was ich spielen sollte, wo ich auftreten sollte, was ich in Interviews sagen sollte." Konnten Sie sich davon befreien?
Garrett: Ja, als ich ausgezogen bin und studiert habe. Damals wusste ich noch nicht, wovon ich mich befreien wollte. Aber das ist eine Frage der Zeit, irgendwann will man sich kennenlernen. Man nimmt sich dann heraus, Fehler zu machen. Eltern übertreiben oft, wenn es um Fehler geht. Doch sie können etwas Schönes sein, weil sie Entwicklung bedeuten.

freizeit: War Ihnen jemals bewusst, dass Sie den Durchbruch schaffen könnten?
Garrett: Ich habe nie auf Karriere gearbeitet, sondern wollte nur Musik machen. Die Vorstellung, vor 10.000 Menschen zu spielen, war mir schon als Kind ein Graus und hat mir Angst gemacht. Ich bin Musiker und keine Rampensau. Ich musiziere gerne, und das ist es hoffentlich auch, was die Leute mögen. Ich mache es aber nicht fürs Publikum. Ich liebe Musik.

garett-003_christandl juerg.jpg Foto: Jürg Christandl, KURIER freizeit: Interessant, dass Sie das sagen, da die Vermarktung bei Ihnen eine große Rolle zu spielen scheint. Die langen Haare, das extravagante Styling.
Garrett: Ich kleide mich, wie ich mich am wohlsten fühle. Das muss ich, damit ich überhaupt auf der Bühne stehen kann. Ich bin ohnehin schon so nervös. Mein Aussehen hat jedenfalls nichts mit Selbstdarstellung zu tun.

freizeit: Auf Ihrer neuen CD "Music" sind Sie auch nackt zu sehen. Muss das sein, um Ihre Musik zu verkaufen?
Garrett: Auf dem Foto hinten bin ich mit nacktem Oberkörper zu sehen, na gut. Aber das sieht doch gut aus.

freizeit: Ich habe mich nicht beklagt.
Garrett: Es ist doch immer schön, ein bisschen Sexappeal zu haben.

freizeit: Offenbar gilt es auch als sexy, als Künstler eine Vergangenheit als Straßenmusiker zu haben. Das habe ich, wie bei vielen heute erfolgreichen Musikern, auch über Sie gelesen.
Garrett: Das ist Schwachsinn. Ich habe das einmal für eine Fernsehdoku am Anfang meiner Karriere gemacht, da die Spaß daran hatten. Ich war nie in der Situation, auf der Straße spielen zu müssen und hatte zum Glück immer ein wertvolles Instrument, das oft geliehen war. Dann hätte der Eigentümer sagen können: ‚Was hast du mit meiner guten Geige gemacht? Sie hat Risse bekommen, weil es in der U-Bahn zu kalt war." Davor hätte ich zu viel Angst gehabt.

freizeit: Können sie Straßenmusikern, die ähnlichen Erfolg wie Sie haben möchten, einen Tipp geben?
Garrett: Ich wollte keinen Erfolg haben. Wenn Kinder auf die Frage, was sie einmal werden wollen, antworten: ‚Ein Star", dreht sich mir der Magen um. Star ist kein Beruf. Man muss eine Berufung finden, etwas, das man gerne tut. Und wenn man gut ist, ist alles möglich.

garett-004_kba_46-51805728.pdf.jpg Foto: Jürg Christandl, KURIER freizeit: Dann sind Sie auch kein Fan von Casting-Shows?
Garrett: Es wird einem in diesen Shows vorgekaukelt, dass man auf schnellem Wege alles erreichen kann. Das ist im Leben aber nicht so. Das wissen auch die Juroren, wie Dieter Bohlen. Er ist ja nicht auf den Kopf gefallen. Ich will niemandem zu nahe treten, aber ich finde das sinnlos.

freizeit: Würden Sie Ihren Kindern, sollten Sie je welche haben, eine Teilnahme verbieten?
Garrett: Meine Kinder könnten machen, was sie wollen. Da bin ich nicht autoritär. Wenn sie einmal in das Alter kommen, wo das spruchreif wird, werden sie meine Meinung aber ohnehin sehr gut kennen.

freizeit: Da wir gerade über Kinder reden: Irgendwo habe ich gelesen, dass Sie acht Freundinnen haben.
Garrett: Mittlerweile sind es schon neun. Mir fällt jetzt nichts Besseres dazu ein. Wir haben uns jetzt doch einige Zeit unterhalten. Würden Sie sagen, dass ich ein Typ bin, der acht Frauen hat?

freizeit: Nein.
Garrett: Ihre Einschätzung ist richtig.

Das neue Album "Music" von David Garrett ist soeben erschienen.

www.david-garrett.com

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