„Unbarmherziges Regime“

Kalon Dicki Chhoyang
Foto: KURIER/Franz Gruber „Wir Tibeter sind von der Auslöschung bedroht.“ Dicki Chhoyang, Außenministerin der Exilregierung.

Tibets Exil-Außenministerin über Chinas harten Kurs.

Dicki Chhoyan, Außenministerin der tibetischen Exilregierung, machte auf ihrer Tour durch  Europa in Wien Station, um auf die prekäre Lage ihres Volkes in Tibet aufmerksam zu machen. Im Gegensatz zum  großen Interesse für den Dalai Lama sind die politischen Anliegen Tibets in den vergangenen Jahren in den Hintergrund geraten. Dabei war die Verzweiflung der Tibeter wohl noch nie so groß wie heute, erzählt die 47-Jährige im Gespräch mit dem KURIER.

KURIER: Verglichen mit der Zeit, als sie in Peking und Tibet gelebt haben: Wie hat sich die Lage in Ihrer Heimat seit 2003 verändert?
DICKI CHHOYAN: Die Politik hat sich verschärft. Eine fundamentale Veränderung fand 2008, im Jahr der Olympischen Spielen in Peking, statt. Damals fanden mehr als 300 Demonstrationen auf dem tibetischen Hochplateau statt.  Das Klima hat sich total verändert. Mir haben Ausländer erzählt, dass es heute sehr schwierig ist, als ausländische  NGO in Tibet zu arbeiten. Es wurde alles sehr streng.

Wie hat sich das Leben der Tibeter verändert?
Wissen Sie, wenn man Tibet besucht, sieht man als Fremder das, was sich oberflächlich betrachtet, zum Besseren entwickelt hat. Viele neue Autobahnen wurden gebaut, das Zugsystem ausgebaut, es gibt elektrische Leitungen und Telefon. Aber entscheidend für den Protest der Tibeter ist das, was Ausländer nicht sehen. Ja, was die materielle Infrastruktur betrifft, gibt es eine positive Entwicklung. Aber bei Sprache, Bildung,  religiöser Freiheit nicht. In den Schulen in Tibet wird mehr und mehr umgesetzt, dass die Kinder nur noch eine Stunde Tibetisch in der Woche lernen, alle anderen Fächer werden in Mandarin unterrichtet. Das ist für uns Tibeter absolut unakzeptabel. Wir sind sehr besorgt, dass mit dieser Politik die tibetische Sprache, die tibetische Kultur verloren gehen. Das ist der Grund, warum Studenten in Ost-Tibet demonstriert haben.
Die Unterrichtssprache ist  Mandarin, die Amtssprache ist Mandarin, die Geschäftssprache ist Mandarin. Ja, es gibt einen tibetischen Fernsehsender. Aber das Überleben einer Sprache braucht mehr als einen TV-Sender, wenn im täglichen Leben Tibetisch nicht mehr verwendet wird.
Besonders verschärft hat sich die Lage der Nomaden. Sie werden gezwungen, ihre traditionelle Lebensweise aufzugeben und in Siedlungen zu ziehen. Sie bekommen eine bestimmte Summe Geld, und wenn das weg ist, dann stehen sie vor dem Nichts. Wovon sollen sie dann leben? Womit Geld verdienen?

Sie werden gezwungen?
Ja. Das bereitet uns große Sorgen. Sie waren Nomaden über Jahrhunderte und plötzlich gehen sie von einer traditionellen Wirtschaft zur Geldwirtschaft über. Und wenn sie kein Geld mehr haben entwickelt sich daraus ein ganzer Rattenschwanz an sozialen Problemen.

Über wieviele Menschen reden wir da?
Laut einem UN-Bericht von 2,25 Millionen Menschen. Und davon sind laut Human Rights Watch bis Juni bereits gut zwei Millionen Nomaden auf dem tibetischen Hochplateau in feste Häuser übersiedelt worden. Bis 2015 soll es keine Nomaden mehr geben.

Welche einschneidenden Veränderungen in die Kultur gibt es noch?
Neben Sprache und Nomadenkultur auch die Religionsfreiheit. Die Kommunistische Partei führt die buddhistischen Klöster. Die Mönche müssen eine Schulung der KP durchlaufen,  um legitimiert zu werden. Und: Sie müssen den Dalai Lama verurteilen. Wie Sie wissen, ist er unser spiritueller Führer. Ihn zu verurteilen, das ist sehr schwierig. Dazu kommt, dass wir eine steigende Zahl an Chinesen haben, die in Tibet leben. Durch diesen Zustrom werden die  Tibeter wirtschaftlich marginalisiert. Sie haben oft nicht die technischen Fähigkeiten, um die Jobchancen, die mit den Infrastrukturprojekten kommen, ergreifen zu können.
Die Anliegen der Tibeter können also in fünf Punkten zusammengefasst werden: ihre politische Unterdrückung, kulturelle Assimilierung,  wirtschaftliche Marginalisierung,  Umweltzerstörung und  Religionsfreiheit.

In den vergangenen vier Jahren haben sich 122 Tibeter selbst verbrannt. Gibt es keinen anderen Weg des Protests mehr?  
(Seufzt) 122 Menschen, ja. Männer, Frauen, Jugendliche. In der tibetischen Geschichte gibt es dafür keine Vorbilder dafür.  Es passt auch nicht zum Buddhismus, wir wertschätzen Leben so sehr. Die tibesische Exilregierung hat auch an die Menschen appelliert, nicht zu dieser drastischen Form des Protests zu greifen. Aber zugleich fühlen wir uns moralisch dazu gezwungen, in ihrem Sinn der Welt zu erklären, WARUM sie  zu so einer Aktion  Zuflucht nehmen.
Was die Menschen nicht wissen: Die chinesische Führung ist ein unbarmherziges Regime.Es gibt keinerlei Raum für friedlichen Protest wie etwa Demonstrationen im Westen. Wenn sie demonstrieren oder eine Petition unterzeichnen, werden sie verhaftet, eingesperrt, ohne jeden Prozess.
Es ist also ihre Art, ihre Nachricht an die internationale Gemeinschaft zu senden: Egal, wie sie euch erzählen, dass hier  alles wunderbar ist –  das hier ist so schlecht, dass wir euch eine unvergleichbare Nachricht schicken, dass die Situation hier  unerträglich ist.
So sehr sich China auch bemüht hat, die Selbstverbrennungen als Folge von Depressionen oder privaten Problemen darzustellen, ist es aufgrund dessen, was einige als Nachricht hinterlassen haben, ganz klar: Es war eine politische Form des Protests.  Alle hatten zwei Forderungen: Der Dalai Lama soll nach Tibet zurückkehren dürfen und Frieden in Tibet. Niemand hat nach Unabhängigkeit von China gerufen.

China warf dem Dalai Lama vor, hinter den tödlichen Protestaktionen zu stecken.
Es ist uns ganz wichtig, dass jeder weiß, dass wir an die Tibeter appelliert haben, nicht auf diese Form des schmerzhaften, tödlichen Protests zurückzugreifen.
Zugleich appellieren wir an die chinesische Führung: Bitte, hört zu! Und analysiert die Gründe, warum die Menschen sich selbst töten. Wir können nur dazu aufrufen, dem nachzugehen. Es steht aber nicht in unserer Macht, die Situation in Tibet zu ändern. Es unterliegt der Kontrolle der chinesischen Regierung, die Politik in Tibet zu verändern.

Warum hat die chinesische Führung  den Dialog mit der tibetischen Exilregierung im Jänner 2010 eingefroren?
Wir wissen es nicht. Das müssen sie die chinesische Regierung fragen. Wir stehen jederzeit, an jedem Ort, in jedweder gewünschten Besetzung zum Dialog bereit. Wir haben keinerlei Vorbedingungen. Wir stehen fest hinter dem, wie wir es nennen, „mittleren Weg“ (kein unabhängiges Tibet, nur Autonomie in Schlüsselfragen wie Sprache, Bildung, Anm.).   Wir hoffen, dass China erkennt, dass es in seinem langfristigen Interesse ist, eine Lösung zu finden.

Wenn es wie jetzt weitergeht,  und die Assimilierung fortschreitet: Wie lange kann ihr Volk überleben?
Wir haben  nicht viel Zeit. Deshalb sind wir realistisch in unseren Zielen und wollen nur Autonomie in den für uns wichtigen Bereichen. Wir sind als Volk, als Kultur tatsächlich von der Auslöschung bedroht.

Was kann die EU, was kann Österreich tun?
Konstant die Frage Tibets thematisieren und die Notwendigkeit des Dialogs unterstreichen. China hofft, dass die Tibetfrage verschwindet und reagiert sehr stark, wenn Länder sich mit dem Dalai Lama oder jemanden wie mir trifft. Aber auch die internationale Gemeinschaft muss lernen, dass das keine Freund-Feind-Frage ist. Ein Freund Chinas muss sich erst recht für Tibet einsetzen. Es ist wirklich eine Wunde für Chinas Image, wenn es nicht fähig ist, eine dauerhafte konstruktive  Lösung mit dem tibetischen Volk zu finden.China ist politisch und wirtschaftlich ein aufsteigender Global Player. Und die Art, wie China mit der Tibetfrage umgeht, sendet ein klares Signal bezüglich seiner Weisheit im Umgang mit Minderheiten als Global Leader.

Zur Person
1966 wird Dicki Chhoyang im indischen Exil geboren, mit vier Jahren wandert sie mit ihren Eltern nach Montreal in Kanada aus.  Der Name Dicki kommt übrigens aus dem Tibetischen und bedeutet „Oase der Freude“.
1994 geht sie nach Peking, wo sie Mentalität und Sprache studiert („Ich sag immer: Ich kann Küchen-Mandarin, ich werde also weder  verhungern, noch mich verirren“, lacht die grazile Tibeterin im Interview). Von 1995 bis 2003 lernt sie ihre Heimat kennen: In Tibet studiert, forscht und arbeitet sie schließlich für eine NGO an Entwicklungsprojekten für Gemeinden. Dicki Chhoyang ist seit 2011 in der tibetischen Exilregierung verantwortlich für Information und Internationale Beziehungen.

(KURIER) Erstellt am
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