Kleine Kinder hauen: Das ist echt arm

Der Kollege von der Presse tut einem ein bisschen leid: Über den rollt gerade ein heftiger Shitstorm hinweg. Der Kollege tut einem aber nur ein bisschen leid, nicht sehr, denn für das, was er schreibt, hat er allen Gegenwind verdient, lauten Protest, zornigen Einspruch, manche meinen sogar: eine Straf-Anzeige und die Meldung bei der Jugendwohlfahrt. Denn viel mehr leid als der Redakteur tut einem sein Kind, über dessen Erziehung er am Sonntag berichtete.

Mit wuchtiger Überzeugung beschrieb er dabei, wie er seinem zarten, kleinen Sohn, erst dreieinhalb Jahre alt, Gewalt nicht nur androht, sondern auch antut: Denn "wer Strafe nicht vollzieht, wird unglaubwürdig". Und unter Strafe versteht der Kollege körperliche Züchtigung, konkrete Gewalt: denn "mit guten Worten und etwas Gewalt erreicht man stets mehr als nur mit guten Worten". Er habe "manch gewaltfrei erzogenes Kind erlebt, sie neigen zu Rücksichtslosigkeit und verbreiten oft negative Schwingungen". Dann beschreibt er, wie er sein Kind, wenn es nicht tut, wie er will, anzählt – ihm also mit Gewalt droht – und wenn es auf Drei nicht aus Angst gehorcht, übers Knie legt und "mit leichtem Klopfen" bestraft, oder es am Ohr zieht. Und er hat dabei kein schlechtes Gewissen.

Auch wenn man kein Anhänger antiautoritärer Erziehung ist: Das ist vorgestriger, bösartiger, mitleiderregender Schwachsinn. Ja, Kinder brauchen Strukturen, Regeln, Verlässlichkeit. Aber für systematische und strukturelle Gewalt in der Erziehung gibt es keine Entschuldigung, und darf es auch nicht geben. Kleine Kinder hauen: ein trauriges Armutszeugnis. Der Entrüstungssturm, der über den Redakteur herein brach und die am Montag erfolgte, ziemlich halbherzige Distanzierung seiner Redaktion zeigt etwas – und zwar etwas Gutes: Es gibt für Gewalt in der Kindererziehung keinen gesellschaftlichen Konsens mehr. Der Kollege dachte, ein bisschen sei jetzt wieder ok: Aber das ist es nicht. Diesen Schritt haben wir aus gutem Grund gemacht, diesen Schritt gehen wir nicht mehr zurück.

(kurier) Erstellt am
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