Sogar Kinder werden erschossen

Hungerstreik, Ali Gedik
Foto: Heinz Wagner Ständig rufen Menschen an, posten - viel moralische Unterstützung für Ali Gedik

Hungerstreik eines Wiener Jugendarbeiters gegen den (versteckten) Krieg gegen die Zivilbevölkerung im Kurdengebiet in der Türkei.

Genug ist genug!", sagte Ali Gedik und begann Sonntag Vormittag mit einem Hungerstreik. Hinter dem Sessel, den sich der 54-jährige Jugendarbeiter in Wiener Opernpassage beim Abgang zur U1 hingestellt hat, kleben drei Plakate in den Farben der kurdischen Flagge Rot (weil’s im Copy-Shop das nicht gab, griff er zu orange), Gelb, Grün.

Gegen Menschenrechtsverletzungen

Gediks Anliegen: Auf die Menschenrechtsverletzungen im Kurdengebiet in der Türkei aufmerksam zu machen und für die Freiheit des kurdischen Volkes einzutreten. Vor allem will er – das seine Begründung in einem ausführlichen Flugblatt sowie auf Facebook – und natürlich in den vielen persönlichen Gesprächen, „dass österreichische und europäische Politiker und Politikerinnen endlich dem Herrn Erdoğan sagen: Halt, so geht es NICHT! Es ist ein unerklärter Krieg gegen die Zivilbevölkerung.“

Persönliche Betroffenheit

Hungerstreik, Ali Gedik Foto: Heinz Wagner Die persönliche Betroffenheit ist zu spüren, zu sehen. „Ja, und es war eine spontane Entscheidung am Samstag. Meine Frau und ich haben wieder Berichte von zerbombten Häusern, erschossenen Menschen, auch Kindern und Jugendlichen, gesehen und von Menschen gelesen, die nicht einmal ihre verwandten Toten bestatten dürfen, weil die Regierung Ausgangssperren verhängt hat. Jugendliche werden getötet und die Medien in der Türkei berichten nur von Terroristen! Da hab ich beschlossen, ich muss ein Zeichen setzen. Ich muss was tun!“

Erst nachdem er sich zum symbolischen, mehrtägigen Hungerstreik entschlossen hatte, erfuhr Ali Gedik, dass auch einige Familien in Diyarbakır (so etwas wie die Hauptstadt des Kurdengebietes in der Türkei) in den Hungerstreik getreten sind, und auch einige führende Alewiten in verschiedenen Städten der Türkei.

Seit 40 Jahren in Österreich

Gedik wurde in Pazarcık in der Provinz Maraş geboren, wuchs bis zum Schuleintritt zu Hause mit Kurdisch auf, was damals noch verboten war. Ab dem Schuleintritt wurde er zwangs-türkisiert, mit 14 ging er zu seinem Onkel nach Vorarlberg und begann mit 15 in einer Fabrik zu arbeiten. Seit mehr als 20 Jahren lebt er in Wien, wo er als Jugendarbeiter tätig ist, unter anderem lange beim Verein Jugendzentren. Derzeit leitet er eine WG für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan.

Fischer, Faymann, Kurz: "Handeln Sie, jetzt!"

Hungerstreik, Ali Gedik Foto: Heinz Wagner Er und Freundinnen und Freunde, die ihn bei seiner Aktion besuchen  und die politische Entwicklung in der Türkei genau beobachten, fürchten, „dass Erdoğan den Konflikt noch weiter zuspitzen wollen und die Parlamentswahl neuerlich wiederholen lassen wollen“. Als die regierende AKP im Juni die absolute Mehrheit verloren hatte, wurde der Friedensprozess torpediert, der Konflikt angeheizt, die Wahl wiederholt. Aber auch die neuerliche absolute Mehrheit brachte noch nicht Verfassungsmajorität, mit der Erdoğans Wunsch nach dem Präsidialsystem durchgesetzt werden könnte. Die Androhung der Aufhebung der Immunität von (führenden) Parlamentsabgeordneten der links-demokratischen, prokurdischen HDP sind ein weiteres, offensichtliches Zeichen für die undemokratische Vorgangsweise der Machthaber in der Türkei. „Nein, ich bin als Mensch, als Österreicher und als Kurde nicht bereit, diese Situation hinzunehmen und appelliere an Sie (Bundespräsident, Bundeskanzler, Außenminister) eindringlich: Handeln Sie bitte jetzt!“, beendet der Hungerstreiker den Aufruf in seinem Flugblatt.

(kiku) Erstellt am
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