Immer Alma, um das alte Wien zu schmecken

BACHMANN PREIS 2011: TEILNEHMERIN RABINOWICH
Foto: APA/MARGIT MARNUL Julya Rabinowich

"Krötenliebe": Ein Ringelspiel von Julya Rabinowich

Von Julya Rabinowich – geboren 1970 in St. Petersburg, Tochter von Künstlern und Dissidenten, seit 1977 in Wien – hätte man sich (nach ihren Romanen "Spaltkopf", "Herznovelle" und "Die Erdfresserin") eine Flüchtlingsgeschichte erwartet.

Kommt. Kommt bereits im Herbst. Und wird "ein Jugendbuch über ein Flüchtlingsmädchen", sagt sie. "Über das Dableiben, das Weggehen und über Freundschaft. Übers Erwachsenwerden und übers Nicht-Ankommen-Können."

Vorher aber "Krötenliebe".

Ein Remix aus Alma Mahler, Oskar Kokoschka und dem nicht so bekannten Paul Kammerer – dem Biologen, der im Kaffeehaus den Sessel beschnüffelte und streichelte, als Mahlers Witwe von dort aufgestanden war.

Integration

Er passt ja prächtig zum ebenfalls verschmähten Maler Kokoschka, der in Berlin eine lebensgroßen Alma-Puppe anfertigen ließ, von seiner Haushälterin, der Reserl, anziehen und kämmen ließ und mit der er bei Tisch saß bzw. der er beischlief, ehe er ihr enttäuscht den Kopf abriss.

Das ist alles nichts Neues. Aber "Krötenliebe" ist neu, weil Alma + Kokoschka + Kammerer = Rabinowich, und das gab’s noch nie.

Es ist ihr Versuch, Wiens Vergangenheit – die künstlerische und politische – selbst zu begreifen.

"Und nicht nur verstehen will ich sie. Sondern fühlen, schmecken. Ich will Teil von ihr sein. Meine Vergangenheit in Wien reicht nur bis 1977, die Vergangenheit meiner Familie spielte sich zwischen Ukraine, Kaukasus und Russland ab."

"Krötenliebe" ist also ihre persönliche Integration, und erst während sie Recherchen anstellte, bemerkte sie Parallelen zum eigenen Leben: Almas Vater Emil Jakob Schindler malte. das Kind schaute ihm stundenlang still im Atelier zu. Wie Julya bei ihrem Vater Boris Rabinovich. Almas Vater starb früh mit 50, genau wie Julyas Vater ...

In Episoden, dramatisch, lyrisch und mit Empathie erzählt, lebt die Zeit zwischen Gustav Mahlers Tod 1911 und 1929, als Alma und Franz Werfel heirateten. Man will nicht unbedingt in dieses Ringelspiel einsteigen. Aber zuschauen will man!

Paul Kammerer erregte am meisten Interesse der Autorin. Er hatte mit Kröten experimentiert und Ergebnisse angeblich vorgetäuscht. Kammerer erschoss sich wegen der Kritik und gilt seither als großer Betrüger der Wissenschaft. Heute zweifelt man: War er doch seriös?

Jedenfalls fasste er nicht nur Animalisches wunderbar zusammen, sondern auch ... Animalisches: "Die Schönheit der Kröte erschließt sich nicht jedem."


Julya Rabinowich:
„Krötenliebe“
Deuticke Verlag.
192 Seiten.
20,50 Euro.

(kurier) Erstellt am
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