Bertrand de Billy: "Es hat keinen Sinn mehr"

FOTOPROBE: "DER FREISCHÜTZ"
Foto: APA/HERBERT NEUBAUER De Billy, jahrelang Stammgast am Ring, zieht sich von allen Staatsopern-Dirigaten zurück.

Der Dirigent arbeitet in der Direktion Meyer nicht mehr an der Staatsoper.

Bertrand de Billy war nur kurz in Wien – für ein paar Gespräche, unter anderem mit Intendant Roland Geyer, an dessen Theater an der Wien er ab nächster Saison wieder jedes Jahr eine Opernpremiere dirigieren soll.

Zuletzt hatte der Franzose großen Erfolg in London: Die Premiere von Donizettis "Maria Stuarda" mit Joyce di Donato in der Titelpartie und De Billy am Pult wurde bejubelt. Als Nächstes leitet er die Wiederaufnahme von Verdis "Simon Boccanegra" an der Bayerischen Staatsoper in München – dort ist er ebenso regelmäßig zu Gast und wird unter anderem 2016 eine Premiere bei den Münchner Opernfestspielen leiten. Er hat viele Pläne für die Oper in Frankfurt, Covent Garden und die Met in New York. Und auch die Oper seiner Heimstadt Paris zeigt mit ihrem neuen Chef Stéphane Lissner großes Interesse an ihm.

"Ich kann mich wirklich nicht beklagen", sagt De Billy im KURIER-Interview. Nur an der Wiener Staatsoper wird er in den kommenden Jahren nicht mehr dirigieren. "Das Kapitel Staatsoper ist für die Dauer der Amtszeit von Dominique Meyer für mich abgeschlossen."

Absagen

Er selbst sei diesem Haus gegenüber "immer loyal" gewesen, bekräftigt De Billy. Allerdings sei er zuletzt "mit Unehrlichkeit und Illoyalität konfrontiert" gewesen, sodass er sich entschieden habe: "Unter diesen Voraussetzungen lässt sich die Arbeit nicht mehr fortsetzen." Er hat alle vorgesehen Vorstellungen für die nächsten Jahre abgesagt, darunter vier "Fledermaus"-Vorstellungen in dieser Saison (auch jene zu Silvester), in der kommenden Saison "Manon" mit Diana Damrau und "Lohengrin", in der Folge "Fidelio" und einiges andere. Auch zu zwei geplanten Neuproduktionen mit De Billy am Pult wird es nicht kommen.

Damit ist De Billy der zweite Dirigent von Rang, der sich – wenn auch aus anders gelagerten Gründen – von der Staatsoper zurückzieht. Zuletzt hatte Franz Welser-Möst seinen Posten als Generalmusikdirektor und 34 Dirigate zurückgelegt.

De Billy zum KURIER: "Über die Gründe von Welser-Möst kann und will ich nichts sagen. Aber ich respektiere und verstehe seine Entscheidung." Er betont jedoch: "Meine Entscheidung ist schon lange vor dem Bekanntwerden seines Rückzugs gefallen."

Auslöser

Begonnen hatten die Unstimmigkeiten mit der Staatsopern-Direktion bei den Proben zu Wagners "Lohengrin" im März 2014. Sie gipfelten darin, dass De Billy das Premieren-Dirigat zurücklegte. Berichtet wurde von einem Strich, den De Billy im Gegensatz zum "Lohengrin"-Regisseur Andreas Homoki und dem Sänger der Titelpartie, Klaus Florian Vogt, keineswegs wollte. De Billy: "Das war aber nur der Auslöser. Mir ging es letztlich einzig um die mangelnde Unterstützung und die Unehrlichkeit seitens der Direktion." Mikko Franck sprang damals für ihn als Dirigent ein.

Noch in der selben Saison kehrte De Billy zurück ins Haus am Ring – für drei Vorstellungen von Gounods "Faust". Heute sagt der Dirigent: "Das Verhalten von Dominique Meyer hat gezeigt: Das war ein schwerer Fehler. Im Grund habe ich sofort danach geistig den Schlussstrich gezogen." Als sein Manager schließlich im Juli von Meyer informiert wurde, dass de Billy im Repertoire dirigieren könne, was er wolle, "aber die bereits fix abgesprochenen Neuproduktionen nicht, war dieses Gefühl bestätigt". De Billy: "Entweder will man jemanden am Haus oder nicht. Ich habe an der Staatsoper immer Repertoire und Premieren dirigiert. Mir war klar: Es hat für mich unter diesen Umständen an diesem Haus keinen Sinn mehr."

Es tue ihm "furchtbar leid" um die Zusammenarbeit mit Orchester und Chor. "Aber man kann nur in einer Atmosphäre der Offenheit und Ehrlichkeit seine Leistung bringen. Es wird auch eine Zeit nach Meyer an der Staatsoper kommen."

Kann es nicht sein, dass er seinen Schritt bald bereut? "Ich war nach dem ,Lohengrin‘-Rückzug auch sehr deprimiert. Aber ich hatte nie eine Sekunde Zweifel. Es war richtig und notwendig."

Spielt die persönliche Ebene vielleicht in diesen Fragen eine zu große Rolle? "Darum geht es überhaupt nicht. Es geht um die Musik. Und um ein korrektes, loyales Verhalten. Ich hatte mit Ioan Holender bei fast jeder Neuproduktion oft heftige Meinungsverschiedenheiten – aber am Schluss waren alles große Erfolge, denn es ging einzig um die Sache und es diente der Sache. Um was es hier geht, will sich mir nicht mehr erschließen."

Aufgaben

Im symphonischen Bereich ist De Billy künftig weiterhin regelmäßig am Pult der Wiener Symphoniker zu hören. Er ist Erster Gastdirigent dreier Orchester: der Dresdner Philharmonie, des Opern- und Museumsorchesters Frankfurt sowie des Orchestre de Chambre de Lausanne. Daneben gibt es "beste Beziehungen" zum Orchestre de Paris und zur Königlichen Kapelle Kopenhagen.

Über das RSO Wien, dessen Geschicke er so lange geleitet und dessen Überleben er zumindest einstweilen garantiert hat, sagt er: "Ich freue mich natürlich sehr, wenn es erfolgreich läuft. Aber ich wünsche mir nach diesem jahrelangen Kampf endlich irgendwann Sicherheit für das RSO."

Reaktion

Meyer hat "alles versucht" – Einigung mit Welser-Möst

Dominique Meyer
Foto: KURIER/Jürg Christandl

"Es ist seine Entscheidung, wenn er sich von Repertoire-Vorstellungen zurückzieht", sagt Wiens Operndirektor Dominique Meyer über Bertrand de Billy. "Aber man muss mich auch verstehen, dass ich mir nach dem Eklat bei ,Lohengrin’‘ Gedanken bezüglich neuer Produktionen mache."

Aus Sicht von Meyer sei die "Lohengrin"-Absage De Billys nicht nachvollziehbar gewesen. "Man muss in solchen Fällen immer Kompromisse machen. Ich habe alles versucht." Er, Meyer, finde es auch "unlogisch, dass De Billy die Wiederaufnahme von ,Lohengrin‘ mit dem Strich, der Grund für die Premieren-Absage war, dirigiert hätte. Wie kann man das erklären?"

Er hätte De Billy für die Zukunft vieles angeboten, brauche aber "Partner, die hundertprozentig loyal sind". "Wenn ich drei, vier Jahre vorher eine Neuproduktion plane, muss ich wissen, dass die Abmachung hält. Das Vertrauen hatte ich nicht mehr."

Mit Welser-Möst gibt es nun eine schriftliche Einigung über die Vertragsauflösung als Generalmusikdirektor. Stimmt es, dass diese eine Geheimhaltungsklausel bis 2020 enthält? "Die Einigung ist einvernehmlich. Die Vereinbarung bleibt aber geheim." Anstelle von Welser-Möst wird Tomas Netopil "Das schlaue Füchslein" im November dirigieren. Bei der "Fledermaus" springt Patrick Lange für De Billy ein.

(kurier) Erstellt am
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