Wiener Spitalsärzte sollen sich künftig selbst überwachen

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Foto: APA/HELMUT FOHRINGER Ärger in den Gemeindespitälern: Ärzte sollen alle 30  Minuten auf ein spezielles Smartphone schauen.

Personalvertreter wussten nichts von Vorstoß, sie drohen der Führung mit Kampfmaßnahmen.

Unter den Wiener Spitalsärzten gehen die Wogen hoch. Grund dafür ist ein kleines schwarzes Gerät.

Am Freitag wurde von Mitarbeitern der Generaldirektion des Wiener Krankenanstaltenverbunds (KAV) damit begonnen, an Ärzte in Gemeindespitälern Smartphone-ähnliche Geräte auszuteilen. Damit müssen die Ärzte ab 1. Jänner im Nachtdienst ihre Tätigkeiten dokumentieren. Das Gerät soll alle 15 Minuten piepsen und den Arzt auffordern, seine gerade durchgeführte Arbeit einzugeben. Laut einem internen Dokument, das dem KURIER vorliegt, muss der Arzt bei Antritt des Nachtdienstes das Gerät im Sekretariat abholen und die ganze Nacht verwenden. Nach Dienstende kann er die eingegeben Daten ergänzen oder korrigieren. Danach muss er das Gerät wieder abgeben.

Bis dahin meldet sich das Spezial-Smartphone in regelmäßigen Abständen und zeigt dem Arzt seine Möglichkeiten zur Auswahl: Etwa "Arbeit am Patienten in Station", "Arbeit am Patienten in OP", "Arbeit am Patienten in Ambulanz", "Dokumentation" , "Angehörigengespräch" oder "Ruhezeit". In den Ruhephasen sollte auch das Gerät ruhen – sobald der Arzt wieder arbeitet , muss er das Gerät wieder aktiv schalten.

Affront

"Die haben uns damit überfallen", sagt ein betroffener KAV-Arzt. Die Überwachung lehne er strikt ab. "Das sind Zustände wie in der DDR, ich bin Arzt – und kein Spion."

Auch für die Ärztevertreter ist der Vorstoß ein Affront. "Wir sind komplett überlastet, und jetzt sollen die Ärzte noch alle fünf Minuten Tätigkeiten eingeben? Als hätten wir sonst nichts zu tun", poltert Wolfgang Weismüller, Vorsitzender des Personalgruppenausschusses Ärztinnen und Ärzte. Er wurde vom KAV nicht informiert, wie auch weitere Personalvertreter. "Wir sind am Freitag von der Aktion überrascht worden", erzählt Weissmüller. Seitdem gehe es in seinem Mail-Postfach rund. "Ich bekomme jede Minute empörte eMails, auch das Wort Streik kommt darin häufig vor", sagt Weissmüller. Das Wort Streik nimmt er selbst noch nicht in den Mund. Aber er warnt die KAV-Spitze: "Wir lassen uns das nicht gefallen. Wir werden uns mit allen Mitteln dagegen wehren. "

Unterstützung bekommt Weissmüller von Wiens Ärztekammerpräsidenten Thomas Szekeres. Er fühlt sich an George Orwell erinnert. "Die Kollegen sollen mit den Geräten eindeutig überwacht werden", sagt Szekeres. Auch dass man die Aktion nicht mit Personalvertretern abgesprochen habe, sei mehr als verwunderlich. "Das Arbeitszeiterfassungsgesetz sieht vor, dass man die Mitarbeitervertreter einbeziehen muss – das ist nicht geschehen."

"Smarte Analyse"

Beim KAV sieht man die Aufregung naturgemäß nicht. "Es geht darum, wissenschaftliche Daten zur Arbeitsbelastungen von Ärzten im Nachtdienst zu erhalten", sagt KAV-Sprecherin Nani Kauer. Daher habe man die "smarten Tätigkeits- und Belastungsanalyse" gewählt, die bereits in anderen Spitälern, etwa in Vorarlberg, zum Einsatz kam. "Die Erhebung ist auch ein von Ärzten geäußerter Wunsch. Ihnen ist es wichtig, transparent zu machen, was in den Nachtdiensten anfällt.."

Auch würden die Ärzte nur alle 30 Minuten an die Eingabe erinnert. "Selbstverständlich muss kein Arzt eine Tätigkeit unterbrechen, sondern kann das im Nachhinein erledigen", sagt Kauer. Auch sei die Gewerkschaft Hauptgruppe II (zuständig für Spitalsärzte) sehr wohl informiert worden. Wohin die Reise geht, ist aber klar. Kauer: "Die Ergebnisse des Projekts werden mit die Basis für den Personaleinsatz in den Nachtdiensten bilden."

(kurier) Erstellt am
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