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KURIER
Der Lueger-Ring wurde bereits 2012 in Universitätsring umbenannt. Weitere Straßennamen könnten folgen.
Der Lueger-Ring wurde bereits 2012 in Universitätsring umbenannt. Weitere Straßennamen könnten folgen. - Foto: AP/Ronald Zak

Letztes Update am 04.07.2013, 06:00

Debatte: Welche Wiener Straße würden Sie umtaufen?. Eine Historikerkommission fand 159 kritische Benennungen - welche stört Sie am meisten?

Ein Historikerbericht hat die Debatte über historische Schattenseiten der Wiener Straßennamen neu angefacht. Unter anderem werden der Dr.‐Karl‐Lueger‐Platz in der Inneren Stadt, der Leopold‐Kunschak‐Platz in Hernals oder die Porschestraße in Liesing als historisch besonders belastet bewertet.

Zwar hält sich die Stadtregierung zu weiteren Änderungen bedeckt, die ÖVP fordert aber bereits die Umbenennung des Dr.-Karl-Renner-Rings in "Parlamentsring". Begründung: Auch der ehemalige Staatskanzler und Bundespräsident werde von der Expertenkommission unter "Fälle mit Diskussionsbedarf" geführt. "Er sprach sich für den Anschluss an eine Diktatur aus, in welcher seine eigenen ideologischen Gesinnungsfreunde der Sozialdemokratie verhaftet, gefoltert und umgebracht wurden", so der schwarze Klubchef Karlheinz Kopf.


Auch andere prominente Straßennamen wie den Paula-Wessely-Weg, den Leopold-Kunschak-Platz oder die Dusikagasse halten die Experten für mindestens diskussionswürdig.

Umfrage

Stimmen Sie ab: Welche Straßen würden Sie umbenennen? Weitere Vorschläge können Sie gern unter diesem Artikel posten.

1. Bezirk
Der Sozialdemokrat Karl Renner, Staatskanzler von 1918 bis 1920 und Bundespräsident von 1945 bis 1950, bediente in seinen Reden mitunter antisemitische Vorurteile. Zudem war er ein Befürworter des "Anschlusses".

1. Bezirk

  • Soll der Dr.-Karl-Renner-Ring umbenannt werden?

1. Bezirk
Der spätere ÖVP-Politiker und "Baumeister" der Zweiten Republik, Julius Raab, hielt Ende der 1920er Jahre als Heimwehrführer mehrere antisemitische und antidemokratische Reden. Bereits in den dreißiger Jahren distanzierte er sich jedoch zunehmend von der paramilitärischen Organisation.

1. Bezirk

  • Soll der Julius-Raab-Platz umbenannt werden?

1. Bezirk
Der große österreichische Dirigent Herbert von Karajan (1908-1989) trat im März 1935 der NSDAP bei, von deren Führung er bevorzugt wurde. Nach dem Krieg wurde Karajan von den Besatzungsmächten mit einem zweijährigen Dirigier-Verbot belegt.

1. Bezirk

  • Soll der Herbert-von-Karajan-Platz umbenannt werden?

1. bzw. 14. Bezirk
Der frühere Wiener Bürgermeister (1897-1910) Karl Lueger gilt einerseits als wichtiger Kommunalpolitiker, andererseits aber auch als Begründer des populistischen Antisemitismus.

1. bzw. 14. Bezirk

  • Sollen der Dr.-Karl-Lueger-Platz bzw. die Dr.-Karl-Lueger-Brücke umbenannt werden?

15. Bezirk
Der Architekt Roland Rainer (1910-2004) war zwischen 1958 und 1963 oberster Stadtplaner von Wien. Ab 1938 war er Mitglied der NSDAP, 1944 veröffentlichte er die rassistische Streitschrift "Die zweckmäßigste Hausform für Erweiterung, Neugründung und Wiederaufbau von Städten".

15. Bezirk

  • Soll der Roland-Rainer-Platz umbenannt werden?

17. Bezirk
Der Politiker der Christlichsozialen Volkspartei (später ÖVP) Leopold Kunschak (1871-1953) war ein guter Freund von Karl Lueger und fiel wie dieser wiederholt mit antisemitischen Tönen auf.

17. Bezirk

  • Soll der Leopold-Kunschak-Platz umbenannt werden?

19. Bezirk
Die Kammerschauspielerin Paula Wessely (1907-2000) wirkte gemeinsam mit ihrem Ehemann Attila Hörbiger im antisemitischen NS‐Propagandafilm „Heimkehr“ mit. Das Ehepaar half nach dem „Anschluss“ allerdings auch mehreren Emigranten und Juden bei der Flucht aus Österreich.

19. Bezirk

  • Soll der Paula-Wessely-Weg umbenannt werden?

19. Bezirk
Für den Historiker Oliver Rathkolb war Kardinal Theodor Innitzer ein "Konjunkturritter" in der aufgeheizten politischen Atmosphäre im "Anschluss"-Jahr 1938. Innitzer befürwortete den Anschluss und lobte Hitler öffentlich. Später versuchte er aber Juden, anderen Verfolgten und Inhaftierten zu helfen.

19. Bezirk

  • Soll der Kardinal-Innitzer-Platz umbenannt werden?

22. Bezirk
Der Radrennfahrer Franz "Ferry" Dusika (1908-1984) war ab 1938 Mitglied der NSDAP und später SA-Obergruppenführer. Dusika "übernahm" zudem ein Fahrradgeschäft eines 1938 als Jude geltenden Händlers.

22. Bezirk

  • Sollen die Dusikagasse bzw. das Dusika-Stadion umbenannt werden?

23. Bezirk
Der Autobauer Ferdinand Porsche (1875-1951) soll während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge eingesetzt haben.

23. Bezirk

  • Soll die Porschestraße umbenannt werden?


Hintergrund

159 heikle Wiener Straßennamen

Prominente Antisemiten und NS-Anhänger als Namensgeber. Umbenennungen bleiben Ausnahme.

Das ist der unglaubliche fanatische Hass, die unersättliche Rachsucht, mit welcher die Juden ihre angeblichen oder wirklichen Feinde verfolgen“ – nur einer von zahllosen antisemitischen Ausfällen, die von Wiens Bürgermeister Karl Lueger (1844 bis 1910) überliefert sind.

Das nach ihm benannte Teilstück der Ringstraße wurde bereits im Vorjahr in Universitätsring umbenannt, bald könnte auch der Lueger-Platz (1. Bezirk) und die Lueger-Brücke (14. Bezirk) zumindest eine erklärende Zusatztafel bekommen. Luegers Name steht ganz oben auf der Liste historisch problematischer Persönlichkeiten, nach denen in Wien Straßen und Plätze benannt sind.

Zwei Jahre lang hat ein Team rund um den Historiker Oliver Rathkolb die 4379 personenbezogenen Verkehrsflächen der Stadt analysiert. 159 davon weisen eine „kritische Benennung“ auf, geht aus dem Endbericht hervor (siehe Karte).

28 gravierende Fälle

Darunter 28 Fälle, bei denen laut Historikern „intensiver Diskussionsbedarf“ besteht. Die Betroffenen vertraten entweder offensiv  antisemitische Einstellungen,  waren Mitglieder der NSDAP, der SS oder SA oder integrierten menschenfeindliches Gedankengut in ihre Arbeit.

Historisch belastete Straßennamen in Wien (Gruppe A gemäß Bericht, mit Biographieangaben)


Wiens umstrittene Straßennamen auf einer größeren Karte anzeigen

In diese Kategorie fällt neben Lueger auch die Radsport-Legende Ferry Dusika, der Pate für die Sporthalle im 2. Bezirk sowie für eine Gasse in der Donaustadt stand. Er profitierte von der „Arisierung“ eines Fahrrad-Geschäfts, war Mitglied von SA und NSDAP und ließ sich mit seiner Radsport-Zeitschrift mehr als bereitwillig vor den NS-Karren spannen.

Ein weiteres prominentes Beispiel ist Ferdinand Porsche, nach dem eine Straße in Liesing benannt ist: Der von den Nazis gefeierte Autokonstrukteur war Parteimitglied und bekleidete den Rang eines SS-Oberführers. Er scheute sich auch nicht, für seine Produktionsstätten KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter anzufordern.

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Dr. Karl-Renner-Ring beim Parlament: Auch der ehemalige Staatskanzler und Bundespräsident weist dunkle Flecken in seiner Vergangenheit auf - Foto: APA/ROBERT JAEGER

Doch wie geht jetzt die Stadt als Auftraggeberin mit dem 350 Seiten starken Konvolut um? Wie Rathkolb plädiert auch Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) dafür, dass Umbenennungen die Ausnahme bleiben sollen. Diese würden die Gefahr der Auslöschung oder Schönfärbung der Geschichte in sich tragen. Besser seien erklärende Zusatztafeln oder künstlerische Bearbeitungen.

Konkrete Maßnahmen sind aber noch nicht geplant. Für Mailath ist der Bericht erst der Beginn eines breiten Diskussionsprozesses zwischen Stadt, Bezirken und Bevölkerung. Stoff für politische Scharmützel bietet das Papier allemal: Postwendend nach dessen Veröffentlichung forderte die ÖVP die Umbenennung des Karl-Renner-Rings in Parlamentsring.

Der SPÖ-Säulenheilige fällt in die zweite Kategorie des Berichts. Sie umfasst Personen, die eher punktuell mit problematischem Gedankengut aufgefallen sind. Bei Renner gehört dazu seine Begeisterung für den „Anschluss“ 1938.

Der vollständige Bericht ist abrufbar unter: www.wien.gv.at/kultur/strassennamen/strassennamenpruefung.html

(APA/jt) Erstellt am 04.07.2013, 06:00


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