Der Wurstl lässt die Korken knallen

Original Wiener Praterkasperl
Foto: KURIER/Franz Gruber Trotz Krisen und Zerstörung steht der Prater im Jubiläumsjahr bestens da.

Unterwegs mit den Pratermachern. Sie hüten 250 Jahre Tradition und setzten auf Moderne.

Fünf Loopings auf 1250 Metern Schiene, über 100 km/h schnell – im Jubiläumsjahr engagierten die Pratermacher einen heiß begehrten Weltrekordler. Der Aufbau der global größten Stahl-Hochschaubahn ist im Laufen und wird kurz nach Saisonstart am 15. März Tausenden Adrenalin-Junkies das erhoffte Herzrasen bescheren.

"Genau so etwas braucht der Prater. Wir pflegen und hüten unsere Tradition. Und wir bieten modernstes Entertainment. Der Mix macht das Flair des Wurstelpraters aus", sagt Praterpräsident Stefan Sittler-Koidl. Bildunterschrift… Foto: Kurier/Juerg Christandl

Im KURIER-Gespräch in der Luxusgondel des Riesenrades plaudern Besitzer Peter Petritsch und Praterboss Sittler-Koidl entspannt über die Zukunft des weltbekannten Vergnügungsparks. Für Petritsch, er zeichnet auch für den Platz vor dem Wahrzeichen verantwortlich, muss die Reise in Richtung Ganzjahresbetrieb gehen: "Wir können nicht im Oktober abstellen. Wir müssen Geld verdienen." Sein Präsident ergänzt: "Wenn Betreiber in neue Fahrgeschäfte investieren, dann sind die bereits für das ganze Jahr ausgelegt."

Und im Prater sitzt das große Geld der Hutschenschleuderer wieder locker. Pro Saison werden im Schnitt drei neue Attraktionen finanziert. Und die gehen jeweils in die Millionen. So kostete der neue Sky Dive (simuliert Fallschirmsprünge durch Aufwind-Gebläse) zehn Millionen Euro. Auch das flippige Roller-Coaster-Restaurant schlägt mit mehreren Millionen zu Buche. Die Frage, ob sich solche Investments auch rechnen, und was dabei für die Betreiber über die Jahre so abfällt, wollen die beiden Unterhaltungsprofis nicht beantworten: "Wir kennen die Bücher der Kollegen nicht. Und übers Geld reden wir hier nicht viel."

Dafür aber über Besucherzahlen und deren Steigerung. Pro Jahr pilgern zwischen 3,8 und 4,2 Millionen Vergnügungssüchtige aus aller Herren Länder in den Wurstelprater. "Der vorläufige Plan sieht fünf Millionen Gäste vor. Längerfristig wollen wie jährlich sieben Millionen Menschen in den Prater bringen", rechnet Sittler-Koidl vor. WIENER PRATER: SCHAUKEL Foto: APA/ROLAND SCHLAGER

Public-Viewing für Euro

Und für diese Ziele greifen die Prater-Strategen tief in die Trickkiste (Veranstaltungen 2016 siehe links). "Die Fußball-EM im Sommer ist ein großes Thema. Es wird ein Public-Viewing am Festgelände der Liliputbahn geben. Wir planen noch, aber das gibt eine Mega-Party. Um verstärkt Events in den Wurstelprater zu bringen, sparen Petritsch und Sittler-Koidl nicht mit Kritik an der Stadt Wien und der Bezirksvorstehung der Leopoldstadt: "Die aktuelle Situation mit der Kaiserwiese vor dem Riesenrad ist alles andere als optimal. Das Konzept des Bezirks, die Wiese nur 60 Tage im Jahr nutzen zu dürfen , kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Es wäre die ideale Location für große Konzerte. Das gehört hinterfragt." Auch der Überbesetzung durch Gastronomie erteilen die Manager eine Absage: "Wir sind der Wurstelprater und keine Gourmet-Meile. In diesem Punkt etwa müssen wir unsere Tradition schützen." Schweizerhaus, Kolarik, Prater Foto: KURIER/Franz Gruber

Womit der Platzhirsch, Karl Kolarik alias "der Schweizerhaus-Chef" ins Spiel kommt. Seine stets charmant formulierte Meinung zählt viel: "Tradition und Innovation sind zwei Pole, die im Prater zusammengehören. Wir müssen stetig investieren und trotzdem behutsam mit unserer Geschichte umgehen. Und es muss immer so bleiben, dass sich jeder Gast den Prater leisten kann."

Seit 1920 führte sein Vater den Biergarten. Einer Ganzjahresöffnung kann Kolarik nichts abgewinnen: "Unser Herzstück ist der Garten. Und der ist im Winter nicht zu führen." Dafür lobt der Gastronom seine Schausteller-Kollegen: "Im Prater wurde oft gestritten, es gab immer wieder Umbrüche und Neuanfänge. Aber seit einigen Jahren ist Ruhe eingekehrt. Für ein 250-Jahr-Jubiläum ist das enorm wichtig."

1000 Arbeitsplätze

Die 80 Hutschenschleuderer mit ihren 120 Fahrgeschäften schaffen knapp 1000 Arbeitsplätze. Das bringt die Familien gegenüber dem Grundbesitzer, der Stadt Wien, in eine starke Position. Michael Prohaska, Geschäftsführer der zuständigen Prater Wien GmbH schätzt den aktuellen Frieden und ist voll auf das Jubiläumsjahr fokussiert: "Es gibt ein wöchentliches Meeting. Wir werden den 250. Geburtstag zum Erlebnis für unsere Gäste machen." Auch die Prater GmbH arbeitet an der Zukunft. In Kürze wird eine Werbekampagne im Speckgürtel Wiens starten. Prohaska erklärt: "In der Region schlummert viel Besucher-Potenzial für den Prater."

Die Jungen

Praterkinder entwickeln Familienbetriebe weiter

Matthias Grumbir und Tina Heindl-Jamina sind im Vergnügungspark aufgewachsen.

Herr Kronbier, Autodrom, Prater Foto: KURIER/Franz Gruber Der Vorteil, wenn die Oma ein Autodrom im Prater besitzt: Man kann drei, vier Stunden am Stück fahren. Die blauen Flecken und blutigen Knie hat Matthias Grumbir als junger Bursch dafür gerne in Kauf genommen.

Seit drei Jahren ist er selbst Chef des Familienbetriebs "Grand Autodrom" hinter dem Riesenrad. Zum Fahren kommt er zwar nicht mehr so häufig. Trotzdem könnte er sich keinen besseren Beruf vorstellen.

Auch wenn das Vergnügungsareal heuer sein 250-Jahr-Jubiläum feiert und Tradition im Prater hochgehalten wird, ist für Grumbir klar: "Man muss mit der Zeit gehen." Deshalb tauschte er bei der Übernahme vor drei Jahren auch gleich die Licht- und Tonanlage aus und ersetzte den alten Computer durch Tablets. Nun kann er die Musik an die jeweiligen Kunden und die Beleuchtung an die Stimmung anpassen.

Tina Heindl, Prater Foto: KURIER/Franz Gruber Ob die Arbeit im Prater schwieriger wird? "Ganz im Gegenteil", findet Grumbir. "Vor 20 Jahren hatte der Prater nicht den besten Ruf. Das hat sich geändert." Zu verdanken sei das unter anderem dem engagierten Praterverband und Veranstaltungen, wie dem Halloweenfest oder dem Faschingsumzug (der heuer das erste Mal stattfand und auf Anhieb der größte Umzug Österreichs wurde).

Auch Tina Heindl-Jamina findet, dass die Zeiten besser werden: "Die Menschen entdecken uns wieder."

Ebenso wie Grumbir ist Tina Heindl-Jamina ein Praterkind. Ihre Urgroßmutter hatte hier schon einen Betrieb, ihren Eltern gehören die Lokale "Praterschwemme" und "Stormy Sunday". Dort lernte sie auch ihren Mann kennen. Er war Kellner im Schweizerhaus und kam in der Mittagspause bei ihnen vorbei. Mittlerweile führt sie mit ihm vier eigene Betriebe.

Der Wunsch für die Zukunft: Dass der Prater, auch wenn er sich stetig weiterentwickelt, im Wesentlichen so bleibt, wie er ist.

(kurier) Erstellt am
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