Diamantenräu­ber waren als Polizisten getarnt

SWITZERLAND BELGIUM CRIME AIRPORT ROBBERY
Foto: APA/EDDY RISCH Maschine der betroffenen Helvetic Airways (Archivbild)

Acht schwer bewaffnete Männer erbeuteten 120 Päckchen mit Edelsteinen, die in ein Flugzeug nach Zürich verladen wurden.

Dieser Coup war eines Films würdig: Zwei schwarze Limousinen mit Polizeistreifen und Blaulicht durchbrechen die Absperrungen am Brüsseler Flughafen und rasen auf das Rollfeld zu einer Maschine der Helvetic Airlines, die Montagabend um 19.47 Uhr gerade mit wertvollen Diamanten beladen wird. Die abflugbereiten Passagiere bekommen in der Kabine nichts mit. Die Wachleute der Sicherheitsfirma Brink’s werden von den acht vermummten und schwer bewaffneten Männern in Polizeiuniformen überrumpelt. Diese nehmen 120 Päckchen mit Rohdiamanten an sich und verschwinden in der Nacht. Es fällt kein einziger Schuss. Der Coup dauert nur wenige Minuten.

Am Dienstag wurde eines der Fluchtfahrzeuge in der Nähe des Flughafens ausgebrannt gefunden. Verwertbare Spuren: Keine.

Die Edelsteine stammen aus der flämischen Hafenstadt Antwerpen, dem Zentrum des weltweiten Diamantenhandels. Laut einer Sprecherin des Antwerpener World Diamond Centre (AWDC) sind die erbeuteten Steine 37,4 Millionen Euro wert. Andere Experten schätzen, dass die unbekannten Täter Steine im Wert von 350 Millionen Euro erbeuteten. Die Staatsanwaltschaft wollte am Dienstag keine der genannten Summen bestätigen. Sie sagte nur, dass die ungeschliffenen Rohdiamanten nach Zürich gebracht hätten werden sollen. Wer die Lieferanten und wer die Käufer sind, wurde nicht mitgeteilt.

Diamantenstadt

Antwerpen war ein halbes Jahrtausend lang das Zentrum des weltweiten Diamantenhandels. Bis vor kurzem wurden 80 Prozent aller Rohdiamanten in der flämischen Hafenstadt gehandelt, traditionell von jüdischen Händlern. Heute sind es nur noch 60 Prozent. Denn das Steuerparadies Dubai holt rasant auf. Dort handeln vor allem jainistische Inder, eine von Hinduismus abgeleitete Religion. Sie machen mittlerweile bereits 55 Prozent des weltweiten Umsatzes.

Aus diesem Grund will die belgische Regierung eine Steueramnestie durchbringen, um die Arbeitsplätze von 27.000 Menschen, die direkt oder indirekt im Diamantengeschäft beschäftigt sind, zu sichern. Das sogenannte Antwerpener Diamantenviertel mit vier Börsen und 4500 Firmen ist mit Überwachungskameras und ausfahrbaren Straßenbarrieren gesichert.

Die Diamantenräuber waren laut Staatsanwaltschaft Vollprofis mit Insiderinformationen. Sie wussten, wann der Sicherheitstransporter auf dem Flughafen Zaventem ankommen würde. Und sie wussten auch, welche Ware sie haben wollten. Denn neben den Rohdiamanten befanden sich auch Goldbarren bei der Ladung. Der Diamantencoup gilt schon jetzt als „einer der größten in der Geschichte“. Eine Spezialeinheit ermittelt.

Weltweit wird die Nachfrage nach Diamanten laut Schätzungen jährlich um sechs Prozent steigen. Das Angebot soll dagegen nur um 2,8 Prozent zulegen. Als Folge sollen die Preise anziehen. Die Frage, ob sich Diamanten als Anlageform eignen, drängt sich auf. Der "Rosa Marsmensch" hat im Mai alle Erwartungen übertroffen. Der zwölf Karat schwere Diamant hat bei einer Auktion bei Christie`s das Doppelte seines Schätzwerts erzielt. Auf sieben Millionen Euro wurde der Klunker im Vorfeld geschätzt, für rund 14 Millionen Euro ging er an den neuen, anonymen Besitzer. Der "Pink Martian" ist der größte rosafarbene Diamant, der jemals versteigert wurde. Diamanten stehen laut Expertenmeinung generell vor einer rosigen Zukunft. Die Nachfrage soll sich bis zum Jahr 2020 verdoppeln, mangels Angebot sollen die Preise in die Höhe schnellen, so die Prognosen der Kanzlei Bain & Company für das Antwerpener Welt-Diamanten-Zentrum (AWDC). Vor allem die aufstrebende Mittelschicht in Indien und China giert demnach nach den Edelsteinen. Vorerst bleiben die USA mit einem Marktanteil von rund 30 Prozent der Absatzmarkt Nummer eins. Bis 2020 könnten China und Indien aber auf gleichziehen.(Bild: Der Perlenteppich von Baroda ist mit Diamanten, Saphiren, Rubinen und über 500.000 Perlen geschmückt.) Weltweit wird die Nachfrage nach Diamanten jährlich um sechs Prozent steigen, so die Schätzungen. Das Angebot dürfte der Studie zufolge dagegen nur um 2,8 Prozent zulegen.(Bild: Ungeschliffene Diamanten.) In der Folge erwarten Experten speziell für große Diamanten einen Preissprung. Heuer wird ein Preissprung – in US-Dollar – von sieben Prozent erwartet.(Bild: Mit Diamanten besetzte Waffen, beschlagnahmt in Mexiko.) Allerdings: Der Diamant-Preis ist kein freier Marktpreis, sondern zu einem Teil durch das Diamanten-Syndikat geregelt. Vor allem De Beers beherrscht den Markt. In Zeiten schwacher Nachfrage hält der weltgrößte Diamantenhändler das Angebot knapp und sorgt so für eine Preisstabilisierung. Steigt die Nachfrage, so werden die Lager zu erhöhten Preisen abgebaut. Der Verbraucher nimmt an diesen Preisentwicklungen nicht teil. Über 100 Jahre lang hielt das Unternehmen das Monopol für den Diamanthandel in seiner Hand. Mittlerweile hält der Konzern nur mehr rund ein Drittel der Weltproduktion von Rohdiamanten. De Beers hat seinen Sitz in Luxemburg, die Geschäfte leitet die Firma von London und Johannesburg aus, ab Ende 2013 dann in Botswanas Hauptstadt Gaborone.(Bild: Illegale Mine in Bolivar, Venezuela.) Wer sein Geld in Diamanten investieren will, sollte unbedingt zu einem Edelstein greifen, der von international anerkannten Gutachtern zertifiziert wurde. „Der Wert eines Diamanten ergibt sich aus den vier Cs“, erklärt Diamantenexpertin Susanne Forstinger, Eigentümerin der Juwelierkette Fabrini: "Carat, Cut, Colour und Clarity." Sprich: Gewicht, Schliff, Farbe und Reinheit. Wer einen Diamanten kauft, sollte diese vier Punkte in einem Zertifikat einer anerkannten Organisation – zum Beispiel GIA, HRD oder IGI – dokumentiert haben.(Bild: Golfball mit Diamanten besetzt.) "Dazu werden Diamanten in ein versiegeltes Safety Case eingeschweißt und sollten keinesfalls herausgenommen werden", erklärt Forstinger. Sie rät vor allem zum Kauf von 1- und 2-Karätern, die in guten Qualitäten rund 30.000 Euro kosten. "Ein 3- oder 4-Karäter mit guter Qualität kostet bis zu 200.000 Euro. Diesen wieder zu veräußern, ist nicht ganz einfach."(Bild: Diamantring mit fünf Karat.) Generell kann die Suche nach einem Käufer abseits eines Juweliers schwierig werden – vor allem in Krisenzeiten. Und selbst dann ist nicht garantiert, dass man den vollen tatsächlichen Marktpreis für seine Steine erhält. Als sichere Anlage, wie etwa Gold, kann man Diamanten also nicht werten.(Bild: Ein Juwelier arbeitet am FIFA 2010 World Cup Ring.) Prinzipiell gilt: Besser ein kleiner Stein in guter Qualität als ein großer Stein in schlechter Qualität. Hohe Renditen darf man bei Diamanten nicht erwarten – hierfür sind Sachwerte generell wenig geeignet. Wer in Diamanten investieren will, kann dies auch über einen Fonds tun – etwa den börsennotierten Diamond Circle Capital (ISIN: IM00B1Y64R53). Allerdings lief dessen Performance lange Zeit dürftig. Zwischen 2009 und 2012 konnte der Fonds keinen Kursgewinn erzielen. Erst in jüngster Zeit legte er zu.

Chronologie der spektakulärsten Fälle

Diamanten, Bargeld, Wertpapiere - wie beim aktuellen Coup auf dem Brüsseler Flughafen haben Kriminelle bei Raubüberfällen und Diebstählen schon mehrfach Millionen gebeutet. Einige spektakuläre Fälle:

Dezember 2008: Mehrere Männer - einige von ihnen als Frauen verkleidet - stürmen in Paris ein Geschäft der amerikanischen Luxusjuwelierkette Harry Winston. Die mit Pistolen und einer Handgranate bewaffneten Ganoven räumen zahlreiche Ringe, Ketten und Uhren im geschätzten Gesamtwert von 85 Millionen Euro ab. Das Geschäft war bereits 2007 überfallen worden. Die Beute betrug damals nach unterschiedlichen Quellen 20 bis 44 Millionen Euro.

März 2007: In einer Bank im Diamantenviertel von Antwerpen werden Edelsteine im Wert von rund 21 Millionen Euro gestohlen.

Februar 2006: Sechs Gangster erbeuten in Tonbridge in England knapp 78 Millionen Euro beim Überfall auf ein Depot für Wertgegenstände.

August 2005: Bei einem Banküberfall im brasilianischen Fortaleza werden umgerechnet rund 57 Millionen Euro erbeutet. Die Räuber hatten einen 80 Meter langen Tunnel bis in den Tresorraum gegraben.

Februar 2005: Bei einem Überfall auf dem schwer bewachten Frachtgelände des Amsterdamer Flughafens Schiphol werden Schmuck und Diamanten im Wert von 80 Millionen Euro geraubt.

Dezember 2004: Beim größten Bankraub in der Geschichte Nordirlands erbeutet eine Bande 38 Millionen Euro, nachdem sie zuvor die Familien zweier leitender Angestellter als Geiseln genommen haben.

Februar 2003: Einbrecher lassen sich am Wochenende im Diamond Center in Antwerpen einschließen. Sie brechen 120 Schließfächer auf und erbeuten Diamanten und Wertpapiere für rund 100 Millionen Euro.

Mai 1990: Dem Geldboten eines Brokerhauses werden in der Londoner City auf dem Markt kaum absetzbare Wertpapiere im Gegenwert von 413 Millionen Euro gestohlen. Der größte Teil der Beute taucht in den kommenden Monaten wieder auf.

(KURIER) Erstellt am
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