Landau: "Österreich hat Geschichte geschrieben"

Michael Landau
Foto: KURIER/Franz Gruber Landau: „Ich halte es für hochproblematisch, wenn Minderjährige in Großlagern  untergebracht sind.“

Caritas-Präsident Michael Landau über das vergangene Jahr und worauf es bei der Integration ankommt.

KURIER: 2015 war ein Jahr der Flüchtlinge und ein Jahr der Freiwilligen. Welcher Moment blieb Ihnen besonders in Erinnerung?

Michael Landau: Ich erinnere mich an die ersten Tage am Westbahnhof, wo Hunderte Menschen gekommen sind, die gesagt haben: Wir dürfen nicht wegsehen, wenn Menschen aus dramatischer Not nach Europa kommen. Hier hat Österreich Geschichte geschrieben. Wir mögen ein kleines Land sein, aber wir haben in diesem Jahr Größe gezeigt.

Damals war die Stimmung in der Bevölkerung deutlich positiver als jetzt. Spaltet die sogenannte Flüchtlingsfrage Österreich?

Hier wird entscheidend sein: Werden sich die Mitglieder der Bundesregierung, die Landeshauptleute und Bürgermeister am Mut der Menschen orientieren oder werden sie aus der Situation politisch Kapital schlagen, indem sie Ängste schüren? Ich habe gesagt, wir haben Geschichte geschrieben, aber wie die Geschichte ausgeht, ist noch offen. Ein positiver Ausgang hängt auch davon ab, ob es gelingt, auch andere Nöte in unserem Land nicht aus dem Blick zu verlieren. Wir müssen hinschauen, wenn es vor dem Erstaufnahmezentrum Traiskirchen Obdachlosigkeit gibt, aber wir müssen ebenso auf die Nöte der Österreicher achten.

Hilfe für Obdachlose wurde lange nicht mehr so vehement eingefordert, wie ab dem Zeitpunkt, als die Flüchtlinge kamen. Verwundert Sie das?

Wenn es ernst gemeint ist, dass wir Armut bekämpfen und uns die Frage nach den Prioritäten stellen wollen, dann freue ich mich über diese Diskussion. Oft habe ich aber auch das Gefühl, dass plötzlich jene, die zu Befürwortern der Frauenrechte werden und sagen, niemand in Österreich sollte einen Schleier tragen, zuvor mit Gender-Fragen nicht allzu viel am Hut gehabt haben.

2016 wird es in Österreich stark um Integration gehen. Wo liegen die Herausforderungen?

Deutschlernen ist wichtig, aber nicht alles. Hier können etwa die Sportvereine, Organisationen wie die Freiwillige Feuerwehr , einen wesentlichen Beitrag leisten. Klar ist auch, wir müssen vom Reden zum Tun gelangen. Es geht um eine doppelte Integration – zum einen jener Menschen, die zu uns kommen, zum anderen müssen wir auch die mitnehmen, die Sorge haben. Und es geht darum, Haltung zu zeigen, und daran zu erinnern, dass die Werte Österreichs und Europas nicht dadurch gefährdet sind, dass wir menschlich handeln. Sie wären gefährdet, würden wir das nicht tun.

Derzeit helfen viele Private bei der Integration der Flüchtlinge. Braucht es da mehr Ressourcen?

Bei all diesen Themen braucht es einen breiten Schulterschluss zwischen Bund, Ländern, Gemeinden, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Gut, dass es den Integrationsplan (von Minister Sebastian Kurz, Anm.) gibt, aber am Ende zählen die Taten, nicht das Papier. Wir brauchen mehr Tempo, mehr Mittel, wenn das Bekenntnis zum Gelingen des Miteinanders ernst gemeint ist.

Geben die Politiker bei Integrationsfragen zu viel Verantwortung an die Zivilbevölkerung ab?

Was nicht passieren darf ist, dass die Verantwortlichen der Republik den Freiwilligen zurufen: Macht ihr das! Da ist jeder und jede gefordert. Das fängt damit an, dass ich mir als Staatsbürger erhoffe, dass Mitglieder einer Bundesregierung zusammenarbeiten und nicht gegeneinander. Wir werden alles brauchen: Einrichtungen der Grundversorgung, private Initiativen, die Zivilgesellschaft, die Hilfsorganisationen. Gelingt die Integration, kann Österreich, kann Europa davon profitieren.

Was muss dafür getan werden?

Für mich ist völlig unnachvollziehbar, warum bei der Anerkennung von Bildungsabschlüssen, wo seit geraumer Zeit intensiv daran gearbeitet worden ist, nicht endlich Ergebnisse auf dem Tisch liegen. Es ist Unfug, dass Menschen, die wir etwa in der Pflege brauchen, als Taxifahrer arbeiten, weil es nicht gelingt, ihre Qualifikationen rasch zu nostrifizieren. Ich verstehe den Sozialminister, wenn er zu Behutsamkeit mahnt. Aber es ist niemandem gedient, wenn Menschen zum Teil jahrelang im Wartesaal des Lebens gefangen sind, weil sie nicht arbeiten dürfen und ihre Verfahren viel zu lang dauern.

Ab wann sollten Asylwerber arbeiten dürfen?

Zumindest nach sechs Monaten muss ein effektiver Zugang zum Erwerbsarbeitsmarkt möglich sein. Denn klar ist: Arbeit ist die beste Form der Integration.

Wie lange ist die Unterbringung von Flüchtlingen in Großquartieren noch akzeptabel?

Ich halte es für hochproblematisch, wenn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Großlagern untergebracht sind. Das ist ein Thema, das Top-Priorität haben muss. Ich glaube, dass Integration deutlich besser in kleineren, dezentralen Einrichtungen gelingt, wo Begegnung möglich wird. Klar ist, dass aufgrund der Größenordnungen die Situation auch für Österreich fordernd ist. Die Aufgabe darf man nicht kleinreden. Wir werden sie nur bewältigen, wenn alle zusammenstehen. Dass dies gelingen kann, davon bin ich überzeugt.

(kurier) Erstellt am
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