Die Leiden der jungen Egos

A youth jumps from a diving platform at Stadionbad
Foto: REUTERS Sind Jugendliche von heute Egoisten, weil sie gar nicht anders können? Die beiden Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier und Philipp Ikrath sagen: "Ja".

Zwei Jugendforscher gehen mit den Erwachsenen hart ins Gericht

Die beiden Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier und Philipp Ikrath haben mit ihrem Befund, dass jungen Menschen heute gar nichts anderes übrig bleibt als egoistisch zu sein, in den vergangenen Monaten in Deutschland und Österreich polarisiert. Es gab neben Zustimmung auch harsche Kritik bis hin zu einer Morddrohung. Jetzt ist ihr neues Buch „Generation Ego“ erschienen. Darin beschreiben sie sehr pointiert die Leiden der heute 14- bis Ende-20-Jährigen.

Der KURIER hat die beiden Wiener in Wien zum Interview getroffen. Ein echter Ausnahmezustand. Denn seit Jahren arbeiten sie viel mehr in ihrem Hamburger als ihrem Wiener Institut.

KURIER: Was genau verstehen Sie unter der Generation Ego?

Philipp Ikrath: Diese Generation zeichnet sich durch einen extrem stark ausgeprägten Egozentrismus aus. Man arbeitet an der Selbstoptimierung, man will dabei die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht verändern, strebt nicht nach Autonomie, sondern versucht viel mehr, es sich so gut wie möglich im bestehenden Rahmen einzurichten.

Das Aufbegehren der Jugend als alter Hut, nur mehr die Geschichte ihrer Eltern?

Bernhard Heinzlmaier: In der Tat ordnen sich die Jungen dem neoliberalen gesellschaftspolitischen Mainstream unter. Weil sie sich fürchten, dass sie sofort abserviert werden, wenn sie aufmucken. Das ist – anders als bei vorangegangenen Generationen – ein stark ausgeprägter amoralischer Pragmatismus. Da geht es nicht mehr um Gut oder Böse, sondern nur mehr um Gewinn oder Verlust. Aufbegehren zahlt sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht aus.

Als junger Mensch nicht aufbegehren – für die Eltern der Generation Ego unvorstellbar.

Philipp Ikrath: Was ich in zahlreichen Interviews feststellen konnte, ist eine latente Traurigkeit. Ist ja auch klar: Wer selbst nicht solidarisch lebt, empfängt das Gefühl von Liebe und Solidarität auch nicht von anderen. Und es gibt gar nicht so wenige junge Leute, die unter dieser sozialen Kälte leiden.

Bernhard Heinzlmaier: Wir beobachten eine anhaltende Desorientierung bei den Befragten. Viele versuchen, die offensichtliche Ausweglosigkeit mit Therapien und Antidepressiva in den Griff zu bekommen, aber damit werden natürlich nur die Symptome bekämpft.

Der Buchtitel suggeriert, dass die Egoisten selbst schuld sind. Aber sind die Egos nicht Getriebene, Kinder ihrer Zeit?

Philipp Ikrath: Schuld sind natürlich die Erwachsenen. Die Jungen können ja nichts für ihr Geburtsjahr.

Bernhard Heinzlmaier: Zweifelsohne haben sie es schwerer als die Generation ihrer Eltern. Es gibt keine Nischen mehr für die Jungen, in denen alternative Lebensentwürfe ausprobiert werden können. Die 68er konnten ihre Kritik auf universitärem Boden äußern. Aber selbst dort muss man heute funktionieren. Denn Bildung wurde längst degradiert zur Ausbildung. Die Absolventen sollen möglichst gut funktionieren. Kritische Reflexion ist nicht mehr erwünscht.

Sie kritisieren im Buch auch die Ökonomisierung des Sozialen. Was ist damit gemeint?

Philipp Ikrath:Damit meinen wir, dass die Logik der Marktwirtschaft alle Lebensbereiche erobert hat, sogar Liebesbeziehungen. Und so wird heute tatsächlich gefragt: Stimmt der romantische Return on Investment? Und wenn man dann in einer Beziehung nicht ausreichend retourbekommt, dann begibt man sich auf eine der Partnerbörsen. Es ist erstaunlich, wie selbst die Sprache der Liebe infiziert ist durch den neoliberalen Diskurs.

Wo sehen Sie diese Durchdringung noch?

Philipp Ikrath:Zum Beispiel in den Casting-Shows. Da sind praktisch alle Probleme der Jungen angelegt. Für mich ist es das zynischste Format, das es gibt. Man erklärt den Kandidaten auf der einen Seite, dass sie möglichst authentisch sein sollen, und auf der anderen Seite haben sie nur dann eine Chance, wenn sie brav eine ihnen zugedachte Rolle spielen. In Wahrheit lässt man ihnen gar keine andere Wahl. Gewinnen können immer nur die Stromlinienförmigen. So wie im realen Leben.

(kurier) Erstellt am
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