© Alfred Reiter

Reportage
12/25/2016

Weihnachtskugeln: Mit glühender Hingabe

Traditionelle Methoden, frische Ideen: Wie die mundgeblasenen Schmuckstücke des Weltenbummlers Robert Comploj entstehen, hat er bei einem Atelierbesuch in Traun bei Linz verraten.

von Mario Kopf

"Es ist brutal kalt", sagt Robert Comploj und reibt sich die Oberarme. Die schwere Eisentür fällt ins Schloss. Im Inneren der Halle sind Vasen, Trinkbecher und Skulpturen auf den Tischen drapiert, aus den Öfen dringen warme Farbakzente zum fahlen Neonlicht. Glas klirrt, im Radio läuft FM4. Frierend marschiert der Tiroler Richtung Wärmequelle. "Es ist ja eine wunderschöne Halle – aber im Winter heizt sie sich erst nachmittags angenehm auf."

Atelier in der ehemaligen Färberei

Vor drei Jahren hat Comploj seine Glashütte auf dem Graumann-Areal, einer historischen Textilfabrik in Traun bei Linz, gegründet. Seither bespielt er die ehemalige Färberei mit seinen Ideen. Und auch wenn sich der Stoff verändert hat, bunt geht es immer noch zu. Aus den Plastikkisten funkeln kleine wie große Glaskugeln in verschiedensten Farben, "Ornament" hat der 34-Jährige sie genannt, so wie die Amerikaner ihren Christbaumschmuck bezeichnen. "Ich habe über viele Jahre in den USA, in England, in Dänemark gearbeitet – und jedes Jahr ist das Thema Weihnachtskugeln aufgekommen." Der Grat zwischen Kitsch und Kunst ist bekanntlich schmal. "Meine kann man sich aber auch die restlichen elf Monate ins Fenster hängen."

Um einiges kürzer ist der Zeitraum, bis eine Kugel produziert ist. "Das Glas gibt das Tempo vor. Man muss sehr schnell sein." Comploj greift zur Glaspfeife, einer hohlen Eisenstange, und hält sie in die Glut. Am Vortag wurde schaufelweise Kristallglas aus Schweden in den Ofen gefüllt, das in Säcken geliefert wird und zu siebzig Prozent aus Quarzsand besteht. Die bröselige Substanz schmilzt über Nacht zu Glas. "Wie Honig", sagt er und dreht die Stange. "Es glüht, es ist flüssig, man muss es kontrollieren." Was leicht aussieht, ist ein jahrelang erarbeiteter Lernprozess, für den es viel Geduld braucht. "Und Feinmotorik. Das trauen mir viele gar nicht zu."

Eine eigene Philosophie

Comploj zieht die Glaspfeife aus dem 1100 Grad heißen Ofen, dreht, adjustiert, formt und wälzt das feurige Objekt in violettem Farbgranulat. "Eine eigene Philosophie – nicht jeder Rohstoff passt mit jeder Farbe zusammen." Zurück in das Feuer ("Es darf nie kalt werden"), nun in die Messingform, die den Objekten das prägende Muster verleiht.

"Das ist eine uralte Technik, die man in Murano seit mehr als tausend Jahren verwendet. Auch Kronleuchter oder Weingläser werden mit dieser Ananasform produziert." Sagt er so nebenbei, als wäre es eine Lappalie, die Kunst der venezianischen Glasmacher, die wie ein streng gehütetes Geheimnis behandelt wird, zu beherrschen. Comploj hat sie in der Meisterklasse von Elio Quarisa in den USA gelehrt bekommen.

Mundgeblasene Kugeln

Im nächsten Schritt sind gute Lungenwerte gefragt: es geht ans Glasblasen. "Ähnlich wie bei einem Luftballon bläst man hinein, es bildet sich ein leichter Widerstand, man balanciert – es ist ein Spiel." Das Ei wächst sich zur Kugel aus. Einmal noch in die Hitze, dann geht es in den Endspurt. Comploj setzt sich auf die Werkbank.

Mit der linken Hand dreht er die Stange, die rechte formt mittels Zange das Objekt. Anschließend wird sie auf feuerfeste Glaswolle gelegt, mittels Schere von der Glaspfeife getrennt. Zum Schluss taucht der Künstler noch mal in den "Honigtopf" und formt eine Öse. "Ornament" darf nun bis morgen im Auskühlofen bei 500 Grad rasten. Mittlerweile ist dem Künstler warm geworden.

"Was die anderen sagen, war mir wurscht"
Große Finale: Comploj kreiert eine Schlaufe, damit sich die Kugeln aufhängen lassen
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Alfred Reiter
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Die Kugeln, die er gemeinsam mit einem Mitarbeiter produziert, seien heuer besonders beliebt: "Wir haben unzählige gemacht." Dass die Nachfrage groß ist, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Luft ist draußen, den Satz hat Comploj oft gehört. Die Branche sei am Niedergang, als Glaskünstler könne man heute nicht mehr überleben. "Das war mir wurscht. Ich wollte das Handwerk lernen." Nach der Lehre zum Tischler überzeugte ihn sein Vater, die Matura zu machen. Infrage kam nur die HTL im Tiroler Kramsach – eine Glasfachschule. "Der Produktionsprozess hat mich von Beginn weg fasziniert."

Es folgten Kurse und Jobs in Übersee wie in Skandinavien. "Jeder hat seine eigene Arbeitsweise. Oft sind es auch nur Details, die den Unterschied ausmachen. Aber man wächst hinein, versteht es irgendwann unterbewusst." Deswegen könne er heute gar nicht mehr sagen, welche Technik er verfolge. "Es ist ein Mix, ich achte gar nicht darauf. Mir war auch nie wichtig, einen Stil zu haben, sondern die Materie zu verstehen." Und daraus etwas Neues machen. "Auch ein Handwerk muss mit der Zeit gehen. Wenn man es kurz durchschüttelt, dann funktioniert es wieder." Comploj hat nicht nur gemixt, sondern gut durchgerührt: Die Kombination aus perfektionierter Technik und unbekümmerter Attitüde erzeugt reduzierte Designs, deren Coolnessfaktor herkömmlichem Setzkastenfüllwerk schnell den Rang abläuft.

International stark nachgefragt

Achtzig Prozent seiner Ware exportiert Comploj mittlerweile, zum Beispiel in Nachbarländer wie Deutschland, Schweiz, aber auch nach USA oder China. Auf Messen, etwa der Maison & Objet in Paris, ist sein Atelier ebenso vertreten – inmitten großer internationaler Mitstreiter. In Österreich steigt seine Bekanntheit naturgemäß langsamer. "Lasst’s euch Zeit, nur kein Stress." Er möchte ohnehin reduziert wachsen, denn alles wird von Hand hergestellt, jedes Objekt ist ein Unikat. Die Masche mit dem Geheimtipp wird sich jedoch nicht lange halten: Im Frühjahr übersiedelt die Produktion mitsamt Galerie in die Wiener Westbahnstraße. Dort möchte er auch die kitschigen Murano-Weingläser seines Lehrmeisters Quarisa modern interpretieren. "Immer Neues ausprobieren, egal, ob es funktioniert. Nur ja keinen Stillstand.

"Außer ein paar Tage im Jahr: An Weihnachten ist dieser nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich gewünscht. "Mit dem 24. Dezember ist hier für heuer alles erledigt. Die Feiertage verpflichten dich, drei Tage nichts zu tun und einmal richtig runterzukommen." Wenn er sich etwas wünschen dürfte? "Dass die Menschen damit zufrieden sind, was sie haben. Das kann heute leider niemand mehr gebührend schätzen."

www.glashuettecomploj.at