Was denken Architekten über das Passivhaus?

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Foto: Krischner & Oberhofer Pionier-Wohnhausanlage in Graz von Nussmüller Architekten

IMMO hat bei heimischen Büros nachgefragt: Welchen Einfluss, welchen Stellenwert oder welche Erfahrungen haben sie in ihrem Arbeitsalltag mit dem Passivhaus gemacht? Die Antworten und Positionen der handelnden Akteure könnten nicht unterschiedlicher sein.

„Leichtfüßig auf zukünftige Entwicklungen reagieren“

Sue Architekten

… Foto: Mirjam Reither/Sue Architekten Michael Anhammer, Harald Höller, Christian Ambos (v. li.)

„Ja, für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, effiziente Gebäude zu planen. Und ein intelligenter Umgang mit Ressourcen ist uns in jederlei Hinsicht ein Anliegen. Denn wir finden, dass weniger  oft wirklich besser ist. Dabei sollte unserer Überzeugung nach allerdings nicht die Frage nach noch 5 Zentimeter mehr Dämmung oder nach einer noch raffinierteren technischen Lüftung mit Superwärmerückgewinnungseinheit im Vordergrund stehen, sondern andere Fragen:  Was benötige ich heute und in den nächsten 30 Jahren meines Lebens? Brauche ich wirklich ein Gästezimmer und ein Kinderzimmer und das Klavierzimmer oder gibt es hier Synergien in der Nutzung? Reicht eine einfache Zusatzheizung im Ferienhaus oder braucht es dort auch alle möglichen technischen Finessen? Kann ich das Haus meiner Eltern intelligent weiternutzen oder muss noch ein Zubau dran? So können unserer Meinung nach in großem Maß Ressourcen
eingespart werden.

Der Verdienst der Pioniere beim Bau von Passivhäusern in den letzten Jahrzehnten ist dabei unbestritten, denn heutzutage ist das Thema Energieeffizienz in der breiten Bevölkerung angekommen. Oft ist das Thema allerdings zum Fetisch geworden, weil entsprechende Standards wunderbar messbar und scheinbar auf einer rein technischen Ebene abhandelbar sind. Denn die Auseinandersetzung mit den Fragen ,Wer bin ich?‘, ,Wie will ich leben?‘ und ,Wie kann ich so leben, dass mich das von mir Erschaffene nicht mehr belastet, als dass es mich stützt?‘, geht heute in der Diskussion über raffinierte technische Details oft verloren. Und dazu braucht es eine aktive Auseinandersetzung mit mir selbst. Und die Antwort ist nicht in einer Zahl ≤ 10 W/m² ausdrückbar.

Wir brauchen daher viel mehr vorausschauende „Aktivhäuserbauer“. Denn wenn schon im Bau Unmengen an   Ressourcen verwendet werden – und Niedrigstenergiehäuser verbrauchen im Bau wirklich viel Energie –  dann sollen unsere Häuser leichtfüßig auf zukünftige Entwicklungen und Bedürfnisse reagieren können. Sie sollen kompakt sein, alte Substanz weiterverwenden, wertig gebaut und nicht modisch sein. Denn dann sind sie – davon sind wir überzeugt – nachhaltig.“

 

„Das ist kein Passivhaus“

gerner°gerner plus

… Foto: Gerner°Gerner Plus Matthias Raiger, Gerda Maria, Andreas Gerner (v. li.)

„Das von uns gestaltete aktive Wohn- und Betreuungshaus für Senioren und Kinder in Traiskirchen (Niederösterreich) ist kein Passivhaus, sondern aufgrund des gemeinschaftlichen Miteinanders von Alt und Jung vielmehr ein Aktivhaus. Energietechnisch wurde das Gebäude zumindest als Niedrigstenergiehaus geplant und ausgeführt, kann aber, abseits aller Normen und Zwänge, weit mehr. Als echte Hybridbauweise aus konstruktiven Betonscheiben und Holzsystembauwänden,  mit Steinwolle gedämmt, zum Teil mit Lehmputzen versehenen Innenwänden, nimmt dieses Gebäude eine Sonderstellung und Vorreiterrolle ein. Es ist  großteils durch LED beleuchtet, auf den Dächern befinden sich begrünte Höfe und Lavendel.

Durch den hohen sozialen Aspekt trifft es den schmerzenden Zahn der Zeit und generiert neue Wohn- und Lebensformen, die in unserer Gesellschaft zunehmend wichtiger werden: durch Toleranz und Akzeptanz lernen Generationen voneinander und erleben eine anzustrebende, wertvolle Gemeinsamkeit.  Mithilfe von eigens entwickelten Raumkonzepten erfüllt das angesprochene Projekt die Bedürfnisse sowohl zeitgemäßer Wohnformen für ältere Menschen als auch die Möglichkeit generationenübergreifender Lebensformen. Das sind für uns Faktoren, die gewichtiger sind als energietechnische Zwänge und Normen. Der vernünftige Einsatz von Ressourcen, gut anwendbare Technologien und hohe soziale Themen: Vor diesem Hintergrund entwickeln wir unsere Architekturen.“

 

„Der Begriff  in seiner ursprünglichen Form hat sich überholt“ 

HEIN Architekten, Matthias Hein  

… Foto: Caroline Begle Matthias Hein

„Das Passivhaus in seiner ursprünglichen Form ist ein Gebäude das durch seine Kompaktheit, Luftdichtheit und eine effiziente Wärmerückgewinnung mittels Wohnraumlüftung einen Heizwärmebedarf von unter 15 kWh pro m² und Jahr aufweist. Bis zu diesem Grenzwert sollte die Beheizung eines Hauses ausschließlich über erwärmt eingebrachte Luft und ohne Weiteres Heizverteilsystem ausreichenden Komfort für die Nutzer bieten. Letztlich ging es darum, das System technisch einfach und in puncto Kosten konkurrenzfähig zu halten, indem die Aufwände von der Heizverteilung zur Lüftung verschoben wurden. Die steigenden Ansprüche an das Wohnen in unseren Breitengraden haben jedoch gezeigt, dass ein Heizverteilsystem nicht verzichtbar ist.  Es entwickelte sich in der Folge eine zunehmende ,Technisierung‘ und Automatisierung von Gebäuden, die aufgrund der zunehmenden Komplexität in Bau, Erhaltung und vor allem Bedienung letztlich zurück zum Wunsch nach Lowtech-Gebäuden führte.

Der Begriff des Passivhauses in seiner ursprünglichen Form hat sich überholt, obwohl seine Grundidee geblieben ist. Die Entscheidung für oder gegen eine Lüftung ist im Wohnbau sehr individuell begründbar, während in öffentlichen Gebäuden (vor allem Bildungseinrichtungen) der Einbau einer Lüftungsanlage aus lufthygienischen Gründen unverzichtbar geworden ist. Sich in der Diskussion über das Label Passivhaus oder Lüftungsanlagen zu verlieren, halte ich für nicht zweckdienlich. Sie lenkt davon ab, dass uns Architekten zunehmend vielseitige Strategien zur Verfügung stehen, um durch intelligente Planung – und in Reaktion auf alle anderen Entwurfsparameter einer Bauaufgabe – ein Maximum an Energie- und Ressourceneffizienz zu erzielen.

Ich halte es daher für wichtig, undogmatisch ans Werk zu gehen, die Anforderungen und Möglichkeiten der jeweiligen Aufgabe individuell zu betrachten und die jeweils passende bzw. optimale Strategie zu entwickeln.“

 

„Es war uns wichtig, dass das Passivhaus nicht a priori nach Birkenstock und Lammfell riechen muss“

AllesWirdGut

… Foto: Hertha Hurnaus/AWG A. Marth, H. Spiegl, F. Passler und C. Waldner (v. li.)

„Vor 25 Jahren haben wir gerade mit dem Architekturstudium begonnen. Die ersten Passivhäuser, allesamt im Einfamilienhaussektor, waren biedere Zeitgenossen und haben uns ehrlich gesagt überhaupt nicht interessiert. Die weitere Entwicklung des Passivhauses wurde von uns skeptischen Blickes, aber doch mit größer werdendem Interesse verfolgt. Irgendwie war doch schnell klar, dass das Passivhaus einen ,guten‘, ja vielleicht zukunftsweisenden Weg für das Bauen vorgab.  Als dann vor ca. 15 Jahren die erste Bauanfrage für ein Einfamilienhaus in Passivhausbauweise bei uns einging, waren wir schnell willig, die vielen neuen Themen, Techniken und Sichtweisen zu lernen. Vor allem war uns aber  wichtig zu zeigen, dass das Passivhaus ja nicht a priori nach Birkenstock und Lammfell riechen muss, sondern eben auch einen modernen und zeitgemäßen Touch erhalten kann. Mit unserem Passivhaus „SUSI“ haben wir einen neuen, aus unserer Sicht „cooleren“  Weg eingeschlagen, der damit sicherlich dazu beigetragen hat, das Passivhaus noch salonfähiger und breitenwirksamer zu machen.

Da aus nachhaltigen Gründen das Einfamilienhaus per se immer auch in Kritik stand, war es wichtig, dass sich das Passivhaus zu dieser Zeit aus der Einfamilienhausfalle befreit hatte. Es wurde immer klarer, dass die Bauweise in Zukunft auch Mehrfamilienwohnhäuser, den Geschosswohnungsbau und Bürohäuser erreichen wird. Bei einem Bauvorhaben für ein öffentliches Bürogebäude hatten wir wieder das Glück, einen sehr nachhaltig denkenden Bauherren anzutreffen. Dadurch entstand 2011 beim Niederösterreichhaus Krems das mit ca. 18.000 m² Geschoßfläche größte Passivbürohaus Österreichs. Mit diesem Projekt  erreichte das Passivhaus endgültig eine neue Dimension. So ist es nicht wirklich überraschend, dass die aktuell größte Passivhaussiedlung Europas – das Eurogate im dritten Bezirk mit ca. 700 Wohnungen im Passivhausstandard – in Wien entsteht. Wie auch überhaupt gut die Hälfte der weltweit entstandenen Passivhäuser in Österreich stehen.

Es gibt aber auch die kritischen Stimmen die sich mehren, vor allem der hohe Einsatz an Technik und Material wird dem Passivhaus vorgeworfen.
Noch ist die Entscheidung nicht gefallen, ob die Erfolgsgeschichte des Passivhauses so weitergehen wird.“

 

„Im sozial geförderten Wohnbau ist ein Passivhaus aus wirtschaftlicher Sicht schwierig“

GEISWINKLER & GEISWINKLER Architekten

… Foto: Dieter Brasch Kinayeh Geiswinkler-Aziz und Markus Geiswinkler

„Die Planung eines Passivhauses ist vor allem dann sinnvoll, wenn der spätere Nutzer bekannt ist und dieser die „Gebrauchsanweisung“ des Passivhauses versteht und umsetzt – etwa bei einem Einfamilienhaus oder einem Baugruppenprojekt, bei dem der Bauherr gemeinsam mit den Planern ein Projekt entwickeln. In einer großen Wohnhausanlage hingegen sind die Nutzer in der Planungsphase noch nicht bekannt. Hier muss der Bauträger Zeit in die Auswahl und die Schulung der späteren Nutzer investieren, ansonsten besteht die Gefahr der unsachgemäßen Nutzung des Passivhauses.


Zur aktuellen Situation: Im sozialen, geförderten Wohnbau ist ein Passivhaus aus wirtschaftlicher Sicht schwierig zu realisieren. Die höheren Errichtungskosten – etwa durch Erhöhung der Dämmstärken, einer kontrollierten Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung usw. – können mit den vergleichsweise geringen Förderungszuschlägen nur schwer – oft gar nicht – kompensiert werden. Hier haben die Förderungsgeber – bewusst oder unbewusst – das Passivhaus in den letzten Jahren wieder zunehmend unattraktiver werden lassen, zumindest bei größeren Wohnhausanlagen mit  unterschiedlichen Nutzergruppen.

Das „besonders energieeffiziente Gebäude“, das als Weiterentwicklung des traditionellen Niedrigenergiehauses nahezu die gleichen Vorteile wie ein Passivhaus bietet, im Vergleich dazu aber geringere Errichtungskosten erfordert und dadurch mit den entsprechenden Förderungszuschlägen finanzierbar ist, ist aus heutiger Perspektive für den sozialen Wohnbau weitaus wirtschaftlicher.“

 

"Es entsteht immer mehr Druck, bei neuen Bauten die Glasflächen gering zu halten“

querkraft

… Foto: Nina Goldnagl-Crop Jakob Dunkl, Peter Sapp und Gerd Erhartt (v. li.)

„Die Errichtung von Passivhäusern ist mit unterschiedlichen Herausforderungen und  Problemen verbunden:
Bautechnisch aufgrund sehr dicker Wärmedämmung und der notwendigen, absoluten Dichtigkeit der Gebäudehülle, damit es zu keinem Wärmeverlust kommt. Architektonisch und baukulturell, da die dicke Styropordämmung, meist die einzig erschwingliche Variante, hässlich ist. Und weil die tauglichen, hochwärmedämmenden Verglasungen und Fensterrahmen ebenfalls nicht sehr elegant sind.  
Dazu kommen Probleme in der Anwendung, da die die Nutzung nicht so funktioniert wie gewohnt. Einfach Fenster aufreißen und  lüften ist falsch. Und dann natürlich aus budgetärer Sicht: Diese Art zu bauen ist teurer.

Grundsätzlich ist Energieeffizienz natürlich wichtig, jedoch muss man darauf achten, dass man vor lauter Angst vor ein bisschen mehr Energieverbrauch nicht an Lebensqualität verliert. Frei nach dem Motto: „Wer große Fenster hat, ist böse.“ Tatsächlich entsteht immer mehr Druck, bei neuen Bauten die Glasflächen gering zu halten. Das mag die Energiekennzahlen optimieren, aber: „Sonne, Licht und Luft sind Lebensqualität!“

Eine Revolution im Bereich nachhaltiger Energieerzeugung könnte das Energieproblem beim Wohnen außerdem in ein, zwei Jahrzehnten – also innerhalb des Lebenszyklus jetzt errichteter Gebäude – wesentlich entschärfen.  Begonnen hat diese Entwicklung schon, etwa durch starke Effizienzsteigerung im Bereich der Solarenergie sowie beim Technologiewandel in der Geothermie.“

(Kurier) Erstellt am
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