Wohnen
18.03.2016

Stoff-Geschichten

Ingrid Hackl und Beate Luger-Goyer von der Kunstuniversität LinZ (Abteilung textil.design.kunst) im Interview über die Beschaffenheit von Materialien und wie man den guten Stoff vom schlechten unterscheidet.

Baumwolle ist nicht gleich Baumwolle: Sind qualitative Unterschiede für Konsumenten überhaupt sicht- oder erkennbar?

Anbaugebiete, Sorten und der Einsatz von Pestiziden können die Qualität der Rohfaser beeinflussen. Ebenso die Sorgfalt bei der Sortierung und Reinigung. Grundsätzlich werden die natürlichen Fasern nach der Länge der Einzelfasern (Stapellänge) sortiert, langes Fasergut ergibt die höchste Qualitätsstufe – Kammgarn – einen glatten, glänzenden auch sehr feinen Faden. Die daraus erzeugten Produkte haben einen feinen, glatten Griff und einen gleichmäßig glänzenden Oberflächenbefund sowie eine hohe Reißfestigkeit. Je kürzer das versponnene Fasergut ist, desto rauer wird der Faden durch die abstehenden Faserenden, Glanz und die Feinheit nehmen ab. Die Zwirne werden auch Streichgarne genannt. Zudem wird die Reißfestigkeit ebenfalls geringer. Man muss aber auch darauf hinweisen, dass verschiedene Verwendungszwecke unterschiedliche Fadenqualitäten erfordern. Aufgeraute Baumwolle und Flanell etwa erfordern kurzes, moosiges Garn. Feine Stoffarten wie Batist, Damast, Twist oder Tropical benötigen für die Fertigung eine glatte Fadenqualität.

Können Sie dazu ein konkretes Beispiel nennen?

Schön zu verfolgen ist diese Abstufung bei der Seide. Die höchste Stufe ist die Haspelseide. Der Faden wird direkt vom Kokon gewickelt. Die nächste Stufe ist die Schappseide, hierbei handelt es sich um Fadenstücke, vergleichbar mit der Stapellänge von anderen Naturfasern. Bei der Bouretteseide werden die kurzen Abfallfasern von den vorhergehenden Produktionsabläufen noch versponnen und ergeben eben einen unregelmäßigen Faden.

Woran erkennt man die Qualität von chemisch hergestellten Stoffen wie Viskose oder Mikrofaser?

Bei der Viskose etwa können Qualitätsunterschiede vom Verbraucher kaum wahrgenommen werden. Bei den aus natürlichen Polymeren erzeugten Fasern wird die Zellulose als Ausgangsprodukt verwendet, z. B. Viskose, Modal, Cello, Acetat u. a. Bei dieser Faser werden die Molekülketten der Zellulose neu angeordnet und in unterschiedlichen Spinnlösungen, je nach Fasertyp, ausgesponnen. Ähnliches geschieht bei den Synthetics, auch hier werden unterschiedliche Rohstoffe (wie Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff u. a. ) zu neuen Makromolekülketten zusammengefügt und zu neuen Fasertypen komponiert.

Kann man mithilfe von Brennproben tatsächlich erkennen, ob ein Material gut ist oder nicht?

Ja, damit lassen sich textile Faserstoffe in ihrer Grundsubstanz erkennen. Es wird dafür ein Faden- oder Stoffstück mit einer offenen Flamme angebrannt. Bei unbehandelten Fasern wird nach Verbrennung, Geruch und Rückstand beurteilt. Zum Beispiel Baumwolle/Leine/Viskose/Modal verbrennen rasch und nachglühend, riechen nach verbranntem Papier und haben eine hellgraue Flugasche. Wolle/Seide verbrennt langsam brodelnd, riecht nach Horn und hat eine zerreibbare Schlacke. Polyester schmilzt, schrumpft, tropft, rußt und ist eine Faden ziehende Schmelze. Der Rückstand ist hart und nicht zerreibbar.

Welche Fehler werden in puncto Pflege am häufigsten gemacht?

Die meisten passieren bei nicht sortierter Wäsche nach Farbe und bei Nichteinhaltung der angegebenen Temperatur. Textilien können überschüssige Farbpigmente enthalten, die beim Waschvorgang oder durch die chemische Reaktion mit dem Waschpulver freigesetzt werden. Im Zweifelsfall oder bei Erstwäsche ist eine Handwäsche mit handwarmem Wasser immer der sichere Weg.