Menschhorn ist in den Bereichen Grafik, Produkt und Interieur tätig

© Kramar/Kollektiv Fischka

Interview
12/30/2016

Sebastian Menschhorn: "Es geht um die Lust"

Der Designer kreiert Möbel aus Baumstämmen, erfindet Superblumen und das Besteck neu. Was ihn antreibt, warum ihn das 18. Jahrhundert begeistert und er sogar Staubsauger gestalten würde.

von Mario Kopf

"Diese Gabel", sagt Sebastian Menschhorn und nimmt das Besteck in die Hand, "ist eine flache Sache". Es reicht, um ein Stück Torte zu essen, aber glücklich macht es ihn augenscheinlich nicht. Das mag daran liegen, dass er sein eigenes Werkzeug entworfen hat – eines, das fließende Formen aufweist und sensationell in der Hand liegt. "Eigentlich ist es naheliegend, dass man von der Griff- bzw. Greifform ausgeht. Mich wundert, dass das noch niemand zuvor gemacht hat." Sehr lange habe der 44-jährige Designer mit Plastilin experimentiert, um für die passende Leichtigkeit zu sorgen. Und schließlich die Kollektion "193, jean" für die Wiener Silbermanufaktur Jarosinski & Vaugoin entwickelt.

"Da kann Bauhaus einpacken"

Das Spiel mit den Dimensionen und der Bezug zur Kunst- und Kulturgeschichte sind charakteristisch für das Werk des Wieners. Er erzählt von den amorphen Skulpturen von Hans Arp, den unregelmäßigen Rokoko-Formen des Jean Duplessis für Sèvres, die als Quelle der Inspiration dienten. "Das war die perfekte Synthese von Form und Funktion. Da kann Bauhaus einpacken." Wenn Menschhorn einmal in den Kosmos der Historie eingetaucht ist, muss er sich manchmal selbst bremsen. Fasziniert sei er davon, wie ein Gegenstand vor dreihundert Jahren ausgesehen habe und wie er verwendet wurde. "Das gibt mir einen guten Abstand. Dann kann ich überlegen, wie er zum jetzigen Zeitgeist und den gesellschaftlichen Bedürfnissen passt."

Neben Produktdesign ist der Gestalter auch in den Bereichen Grafik und Interieur tätig. Egal, was er entwerfe, bei allem gehe es ihm darum, das Wesentliche zu ergründen. Womöglich arbeite er auch deshalb gerne mit Traditionsunternehmen zusammen – hier lässt sich vortrefflich die Vergangenheit erforschen und nach der Essenz suchen, die ein gutes Produkt verkörpert. Ob für Augarten Porzellan, J. & L. Lobmeyr oder Fürstenberg. Aber auch junge Labels wie feinedinge*, für das er "Superversum" erfunden hat, erfreuen sich seiner Entwürfe.

Florale Inspiration

Aus der Natur erhält er zahlreiche Ideen und Motive. "Besonders Blumen sind stark aufgeladene Symbole im orientalischen Raum: Sie stehen für nichts weniger als das Paradies." Für "Superversum" schnappte sich Menschhorn verschiedene Blütenteile, schnitt sie auseinander und baute sie neu zusammen. "So sind daraus Superblumen geworden: Noch bunter, noch stärker als reale Blüten. Sie entsprechen den Superhelden bei uns Menschen."

Ein weiteres Beispiel mit Wurzeln in der Flora stellt die Möbelkollektion "Eden" für die Galerie Rauminhalt dar: Aus dem rauen Stamm einer Eiche wachsen runde Tischplatten, die mit farbigem Glas oder schimmernden Seidenpölstern versehen sind. "Alles kommt aus der Natur: Auch das allerfeinste Material fängt irgendwann rau an, wie dieser Baumstamm. Die Erde schenkt uns etwas und wir können etwas daraus machen." Nicht nur Beistelltische, sondern im Rahmen der Kollektion auch eine Bank, ein Sofa oder ein Bett.

"Ich mag spielen und etwas entdecken"

"Ich bin kein Designer, der eine Formensprache hat und diese auf jeden Auftraggeber herunterkonjungiert", erzählt Menschhorn. "Wenn ich ein Projekt angehe, will ich mich möglichst wenig einschränken. Ich mag spielen und etwas entdecken. Es geht immer um die Lust und das Lebensbejahende. Dann fließt es auch." Projektthemen schließt er gar keine aus, sogar einen Staubsauger würde er möglicherweise entwerfen. "Mit der Tiefe wird jedes Thema spannend, da will ich weiterforschen. Ich fände es dann wahrscheinlich wahnsinnig interessant, wo z. B. die Luft rauskommen muss."

Die Welt zu verschönern, diese Idee verfolgt Menschhorn von Kindesbeinen an. Bereits als Jugendlicher dachte er darüber nach, wie Räume am besten zu gestalten sind: Durchlässig, zentriert oder länglich? "Ich habe schnell gemerkt, was ein Ort braucht und wie man ihn verbessern kann." Wie es sich gut lebt, ist der Ausgangspunkt der Überlegungen. Und auch diesbezüglich hilft ein Blick in die Vergangenheit, der Vergleiche mit der Gegenwart erlaubt.

Komfort und Anwendung

Da könne man sich durchaus glücklich schätzen, auch wenn das 18. Jahrhundert seinesgleichen sucht. "Dieses war in der europäischen Geschichte der angewandten Kunst der absolute Höhepunkt. Was da an Feinheit und Raffinesse geschehen ist, ist unfassbar. Es ging nicht mehr nur um Repräsentation, sondern auch um den Komfort und die Anwendung. Beides macht gutes Design für mich aus." Daraus zieht Menschhorn seine Schlüsse – und gestaltet Produkte, die dieses Wissen beinhalten, aber auf der Höhe der Zeit stehen. Und diese auch überdauert. "Trendig ist mein absolutes Hasswort", bekennt er. Da wird Vorsicht gewaltet, dass dieses Attribut nicht einmal ansatzweise für seine Arbeit infrage kommt.

Wer einen kreativen Job hat, der muss kämpfen, meint Menschhorn. Vielleicht sei Wien aus wirtschaftlicher Sicht nicht der optimale Standort. "Aber ich lebe gerne hier, und das hat Priorität." Eine andere Tätigkeit kann man sich für den Designer kaum vorstellen, so enthusiastisch wie er über seine Projekte spricht. Gibt es einen Alternativjob? "Vielleicht würde ich als Gärtner tätig sein. Wobei es ohnehin eine Parallele gibt: Man setzt etwas und wartet, dass Positives daraus wächst." Etwa ein Paradies, ein kleines Stück Eden.

Sebastian Menschhorn wurde 1971 in Wien geboren, absolvierte die HTL in Wiener Neustadt und kam zurück in die Bundeshauptstadt, um an der Universität für angewandte Kunst Industrial Design zu studieren. Bereits währenddessen entwarf er erste Arbeiten für Lobmeyr. Heute ist er als Designer in den Bereichen Grafik, Produkt und Interieur tätig. www.sebastianmenschhorn.com