Wohnen
31.07.2018

Porzellan: Auf der Jagd nach dem weißen Gold

Der 27-jährige Stefan Patzl sucht rund um den Globus nach „Wiener Porzellan“ und handelt auch damit.

Stefan Patzl war eines der wenigen Kinder, das sonntags stets freiwillig zur Messe ging. Damit nicht genug, begleitete er auch stets seine Großtante Resi, die sich um den Blumenschmuck kümmerte, ins Gotteshaus. „Meine Eltern fürchteten lange Zeit, dass aus mir einmal ein Pfarrer wird“, lacht der heute 27-Jährige. Die Sorge war unbegründet. Schließlich suchte der Sohn eines Landwirts und Destilleriebesitzers in der spätbarocken Pfarrkirche seines Heimatorts Tautendorf bei Gars am Kamp nicht die Nähe zum Herrn, sondern zur Kunst.

Den barocken Statuen, den Bildern und der Musik galt seine Anbetung. Über den Umweg eines abgeschlossenen Betriebswirtschaftsstudiums mit Schwerpunkt Tourismus fand der Liebhaber historischer Kleinode auf seinen Passionsweg und aus der Berufung wurde schließlich sein Beruf: Bei Sotheby’s in London studierte Patzl Decorative Arts & Design sowie Foundations of Western Art und kehrte nach eineinhalb Jahren mit einem dem Bachelor vergleichbaren Certificate zurück in die Heimat.

Die Initialzündung zu seiner Leidenschaft für’s weiße Gold, wie das Wiener Porzellan, das heuer 300. Geburtstag feiert, genannt wird, erfolgte durch ein Fundstück auf einem Flohmarkt in der Themse-Metropole. „Das war eine kleine Sauciere mit Weinranken“, erinnert sich Patzl, dessen Schatzsuche heute quer über den Erdball zu den bedeutendsten Antiquitätenmessen, zu Händlern und Sammlern, sowie zu Notaren, die interessante Verlassenschaften abwickeln, führt. „Im Handgepäck bringe ich dann die Teller, Tassen, Figuren, Terrinen und Tafelaufsätze zurück an ihren Geburtsort“, erzählt der Vielreisende augenzwinkernd.

Franz Pichorner, Vizedirektor des Kunsthistorischen Museums in Wien, erkannte, dass der wissbegierige Sotheby’s-Absolvent in den Kunsthandel, nicht ins Museum muss. „Ich brauche das Haptische, muss die Kunstwerke angreifen können“, erläutert Patzl, der kurz darauf beim bekannten Wiener Innenstadt-Antiquitätenhändler Reinhold Hofstätter anheuerte. Die Porzellan-Expertinnen Claudia Lehner-Jobst (unter anderem Kuratorin des Augarten-Museums) und Ursula Rohringer (Dorotheum) nahmen den empathischen Jüngling unter ihre Fittiche und zeigten ihm, wie man die Spreu vom Weizen trennt, also Originale von Fälschungen unterscheidet.

Heute gilt Patzl als einer der bedeutendsten Kenner des „Wiener Porzellans“. Es stammt aus der im Mai 1718 von Claudius Innocentius Du Paquier gegründeten Manufaktur, der nach Meissen zweitältesten Europas. Mit einem von Kaiser Karl VI. für 25 Jahre verliehenen Privilegium zur Porzellanerzeugung setzte die Wiener Manufaktur in den folgenden Jahrzehnten ästhetische Maßstäbe. 1744 kaufte Maria Theresia Du Paquier die Fabrik ab, die in der Folge zur kaiserlichen Manufaktur avancierte. Ab da kennzeichnete der blaue Bindenschild aus den Wappen der Babenberger jedes Stück. Ihre Hochzeit hatte die Manufaktur im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Conrad von Sorgenthal (1733-1805) gilt als der erfolgreichste Direktor der kaiserlichen Porzellanmanufaktur in Wien, vielleicht weil er als Pionier des Customizing agierte: Er sandte schon im 18. Jahrhundert seine Mitarbeiter als „Lifestyle scouts“ aus, um die Gewohnheiten, Moden, Vorlieben und Meinungen der Käufer auszuloten und in den Gestaltungsprozess einfließen zu lassen.

Durch die Industrialisierung und die rasch anwachsende Konkurrenz, vor allem böhmischer Fabriken mit Massenproduktion, hatte die Wiener Porzellanmanufaktur mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen, die mit der offiziellen Schließung der Manufaktur im Jahre 1864 endeten. Mehrere hundert Stücke der fragilen Kleinode hat Patzl im Laufe der Jahre gefunden und erworben. Darunter so bedeutende wie den 60 Zentimeter hohen Tafelaufsatz nach einem Entwurf des österreichischen Bildhauers und Porzellanmodellierers Anton Mathias Grassi für den Wiener Kongress. Oder die seltenen Prunkstücke von Glacièren in antikisierender Vasenform aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts, in denen an aristokratischen Tafeln Speiseeis gereicht wurde.

Patzl nimmt einen Teller mit Chiné-Dekor und einen mit Imari-Dekor mit Fo-Löwen in Goldfedern, datiert um 1750, zur Hand: „Im 18. Jahrhundert hat man sich sehr am chinesischen und japanischen Markt orientiert.“ König August der Starke (1670 – 1733) etwa, ein leidenschaftlicher Sammler, habe gar 600 Soldaten gegen 151 Porzellanerzeugnisse eingetauscht. „Idente Vergleichsstücke wie die Teller stehen in der Silberkammer der Wiener Hofburg“, so Patzl, der auch manche Stücke an Museen verkauft oder für Ausstellungen verleiht. „Dieses 1740 erzeugte Porzellanfläschchen mit feuervergoldeter Bronzemontur und Achatschälchen stammt aus dem Reiseproviantkästchen Maria Theresias“, erzählt er und zieht einen weiteren Gebrauchsgegenstand der großen Herrscherin hervor: „Das ist ein Bettleuchter in Blattform aus dem Jahr 1750.“

Wovon er sich nie trennen würde? „Von dieser Anbieteschale in Blattform“, sagt Patzl und greift zu einem reichdekorierten, kunterbunten Meisterwerk. Um nach einer kurzen Pause zu relativieren: „Man soll eigentlich nie ,Nie‘ sagen, denn man kann sich auch an Lieblingsstücken ,abfreuen‘. Dann entsteht Platz für Neues.“ Apropos Freude: Die potenziere sich, wenn man die Prunkstücke ihrer eigentlichen Bestimmung gemäß einsetze, statt sie in einer Vitrine wegzusperren. „Es sind schließlich Gebrauchsgegenstände“, konstatiert der leidenschaftliche Gastgeber, der den Tisch auch im Alltag mit antiken, natürlich nicht Geschirrspüler-tauglichen Schätzen deckt. Ob der Twen eher Sammler oder Händler ist? „Zwei Herzen schlagen in meiner Brust“, so Patzl, der schon als 12-Jähriger auf dem Garser Christkindlmarkt selbst gebastelte Adventkränze und Krippen verkaufte.

2016 kam der damals 25-Jährige als Kunde in den kleinen, feinen Innenstadt-Laden des Architekten, Kunst- und Antiquitätenhändlers Michael Schwab und blieb als Partner. Gemeinsam bieten die beiden seither in der Krugerstraße ausgesuchte Schmuckstücke, kleine Möbel, Lampen, Silber, Gläser, Keramik und Bilder an. Schönes, aber auch originell Skurriles. Auf Wunsch kommt das stilsichere Duo sogar ins Haus und richtet Villen, Ferienhäuser und Yachten ihrer betuchten Klientel ein. Worauf er beim Einkauf das Hauptaugenmerk legt? Michael Schwab: „Einzigartig müssen die Stücke sein und höchsten optischen Qualitätsansprüchen gerecht werden. Und sie müssen in unser Geschäft passen, in dem wir eine eklektische Auswahl an Juwelen für 120.000 Euro ebenso wie Designstücke aus den 1950er-Jahren ab 80 Euro anbieten.“