Wohnen
17.04.2018

Otto Wagner: Visionär und Vorbild

Er galt als kompromisslos: Otto Wagner, dessen Todestag sich heuer zum 100. Mal jährt, war ein großer Visionär seiner Zeit.

Am 14. April 1918 war es in der Wiener Zeitung Schwarz auf Weiß zu lesen: Otto Wagner ist tot. Auch wenn es nicht die Hauptschlagzeile dieser Ausgabe war, so würdigte man das Leben und Werk des prägenden Baukünstlers seiner Zeit ausführlich.

Österreich hat seinen größten Baukünstler verloren. Otto Wagner, Hofrat und Professor der Architektur an der Akademie der bildenden Künste i. R., ist hochbetagt verstorben, reich an Ruhm und Ehren“, war da zu lesen. „Viele trauern um ihn, ungezählte Bewunderer und Verehrer, Schüler und Enkelschüler, und auch die kritischen Gegner und Bekämpfer seiner Richtung werden dem streitbaren Manne den Zoll ihrer Ehrfurcht nicht versagen.“ Der Nachruf zeichnet ein Bild von einer Person, die unbestritten Großes hervorgebracht hat, jedoch auch selbstverliebt war – in seine persönliche Meinung und in das, was er hervorbrachte.

Am 13. Juli 1841 in Wien-Penzing in eine großbürgerliche Familie hineingeboren, verlebte Otto Koloman Wagner seine Jugendjahre in einem von Hansen erbauten Haus in der Göttweiger Straße in der Inneren Stadt. Sein Vater Rudolf starb, als Otto erst fünf war. Doch seine Mutter, die er innig liebte, sorgte dafür, dass er trotz finanzieller Sorgen die beste Ausbildung bekam. Nach der Matura studierte er 1860/61 an der Königlichen Bauakademie in Berlin. 1861/62 setzte er seine Studien an der Akademie der Bildenden Künste in Wien fort, wo Van der Nüll, der gerade gemeinsam mit August Sicard von Sicardsburg den Auftrag für das k. & k. Hofopernhauses erhalten hatte und ein von ihm verehrter Lehrer war. Um noch näher an der Architektur zu sein, absolvierte er parallel dazu bei Heinrich von Förster eine Maurerlehre.

Wagner war ein Glückspilz, denn er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ende der 1850er-Jahre wurde die Wiener Stadtmauer geschliffen, die Wiener Ringstraße reifte zum Großprojekt heran und wurde 1865 feierlich eröffnet.

Bereits 1863 konnte er beim Wettbewerb für den Kursalon im Stadtpark mit dem ersten Platz reüssieren. Leider wurde jedoch ein anderes Projekt umgesetzt. In den Siebzigerjahren errichtete er einige Zinshäuser auf dem Schottenring, deren geschmeidige Eleganz von der bis dahin geübten „Schablone“ erfreulich abhob. Sein Stil, der bis heute das klassische Wiener Wohnhaus prägt, erregte schon damals positiv die öffentliche Aufmerksamkeit. Er definierte das moderne Mietshaus über einfache Fassaden ohne Dekor und maximale Beleuchtung, innovative Grundrisse blieben aber aus.

Bald schon versuchte er, vielleicht noch unbewusst, sich von Traditionen und Stilarten zu verabschieden. Es folgten die drei Wohn- und Geschäftshäuser an der Wienzeile sowie die Nussdorfer Wehr, die bereits jenen neuen Otto Wagner vermuten lassen, der sich beim k. & k. Postsparkassenamt und auch bei der Kirche Am Steinhof samt Anlage architektonisch ausleben und verwirklichen konnte.

Bald schon wartete eine neue und wohl auch die wichtigste Herausforderung seines Lebens: Der Architektenklub der Künstlergenossenschaft bestellte ihn als künstlerischen Beirat in die Wiener Verkehrsanlagenkommission – ein erneuter Glücksfall, denn die Planungen waren schon recht weit fortgeschritten. Otto Wagner entwarf die Hochbauten der Wiener Stadtbahn, die 1898 eröffnet wurde. Die Distanz, die man nun zwischen zwei weit voneinander entfernten Punkten in wenigen Minuten zurücklegen konnte, wurde zugleich zum ästhetischen Ereignis, das die Wiener mit neuen Perspektiven über die Stadt und den modernen Viadukten, Brücken und Stationsgebäuden in ein neues Zeitalter beförderte.

Bis heute prägt das markante Design den Alltag Wiens, wie kein anderes Bauwerk. Schon damals wurde er von seinen Schülern unterstützt. Wagner hat nach dem Tod Hasenauers dessen Stelle an der Akademie der Bildenden Künste übernommen. Viele hatten den Wunsch, von ihm unterrichtet zu werden. „Seine Schüler hingen ihm mit größter Begeisterung an. Seine zwingende Persönlichkeit schlug sie völlig in Bann“, so die Wiener Zeitung.

Sie waren auf sein Wort und Werk eingeschworen, folgten ohne die geringste Einschränkung seiner strengen Weisung und Führung. Er hätte auch keinerlei Einspruch gelitten“, schreibt die Wiener Zeitung nicht unkritisch. Zeit seines Lebens blieb Otto Wagner seinen Prinzipien treu, die er nicht nur in der Praxis verfolgte und an seine Schüler weitergab, sondern auch in seinem Buch „Moderne Architektur“ niederschrieb. „Artis sola domina necessistas“ – weg mit der Üppigkeit eines Makarts, her mit Glas und Eisen, den Materialien der neuen Zeit, die ihn so sehr faszinierten. Er verwarf angeklebten Schmuck, lästigen Zierrat, der konstruktiv unmotiviert war.

Die Schönheit suchte er in der Einfachheit. Die moderne Kunst, den künstlerischen Ausdruck seiner Zeit, erachtete er für wertvoller als bis dahin alles Gewesene, und seine Respektlosigkeit ging bis zum Äußersten, sie scheute vor keiner noch so radikalen Konsequenz zurück.

Am besten vielleicht lässt sich der radikale Wandel seines Denkens anhand seiner eigenen Häuser nachvollziehen: Die Villa Wagner in der Hüttelbergstraße (heute als Fuchs-Villa bekannt) wurde 1886 bis 1888 als üppiges, mit Säulen dekoriertes Wohngebäude errichtet, erhaben auf einem Rasenhügel wie für einen römischen Kaiser. Als diese 1911 verkauft wurde, entwarf er für das Nachbargrundstück eine neue Villa im spätsezessionistischen Stil, die formal eine ganz andere Sprache spricht: Ein klarer weißer Würfel mit dunkelblauen Linien, als wäre er bekachelt. Hier trifft das Notwendige auf das Überflüssige – aus der Feder eines einzigen Mannes.

Doch Wagner hatte auch eine sehr sensible Seite – in seinem Privatleben. Nicht nur die bedingungslose Zuneigung zu seiner Mutter, die ihn sogar zu einer Eheschließung mit Josefine Domhart, die er nicht wollte, überreden konnte, sondern auch die ehelose Liebe zu Sophia Paupie, Mutter seiner beiden ältesten Söhne Otto und Robert, die er adoptierte, und jene zu seiner 18 Jahre jüngeren, zweiten Frau Louise Stiffel, auf die er seine fast kultische Verehrung seiner Mutter übertrug. Hier war er äußerst verletzbar und kehrte den wahren „Otto“ heraus: Er sorgte für all seine Familienmitglieder genauso gewissenhaft wie er seine berufliche Überzeugung verteidigte.

Seine persönliche Geschichte mit dem Wien Museum blieb unglücklicherweise unerfüllt: Otto Wagner hatte der Wiener Stadtverwaltung gleich mehrere Entwürfe für das „Kaiser-Franz-Josef-Museum“ neben der Karlskirche vorgelegt. Auch die Errichtung eines Monumentalbrunnes war vorgesehen. Doch diese verhielt sich zögerlich und Wagners Entwürfe blieben in der Schublade liegen.

Bekanntlich wurde das Museum erst in den 1950er Jahren nach den Plänen von Oswald Haerdtl erbaut. Und auch das wird in den kommenden Jahren ein neues Gesicht bekommen. Aber auch wenn vieles von Otto Wagner nur auf dem Papier verewigt ist und nicht gebaut wurde: Er hat der Stadt Wien ein Gesicht gegeben.

Zur Ausstellung

Zum 100. Todestag Wagners präsentiert das Wien Museum das Gesamtwerk des berühmten  „Weltstadtarchitekten“ in einer großen Ausstellung, der ersten seit mehr als fünfzig Jahren.
Otto Wagner“ bis 7. Oktober 2018 im Wien Museum Karlsplatz, 1010 Wien. Dienstag bis Sonntag  und  Feiertag, 10 bis 18 Uhr.
www.wienmuseum.at