Wohnen
08.11.2017

"Nimm dein Vergnügen ernst"

Charles und Ray Eames sind das bedeutendste Designerpaar des20. Jahrhunderts. Gemeinsam schufen sie über 100 Möbelentwürfe, ebenso viele Filme, sie schrieben Bücher, gestalteten Medieninstallationen. Das Vitra Design Museum Weil am Rheinstellt das Werk des legendären Duos nun in vier parallel laufenden Ausstellungen vor.

Billy Wilder lümmelte gerne in seinem "Lounge Chair" und studierte, die obligate Zigarre in der Mundecke, Drehbücher. Der legendäre Regisseur ("Manche mögen’s heiß", "Irma la Douce") war der Erste, der 1956 in den Genuss des bequemen Stuhls kam. Charles und Ray Eames hatten Wilder, mit dem sie eng befreundet waren, ihren allerersten Entwurf des "Eames Lounge Chair & Ottoman" geschenkt. Später designten sie für ihn auch noch die "Soft Pad Chaise" – eine Liege ganz nach seinen Bedürfnissen, auf der er nachmittags und in Drehpausen ein Nickerchen machen konnte.

Zurück zum "Lounge Chair". Dieser ist wohl der bekannteste Klubsessel der Welt, obwohl er recht unkonventionell, sogar ein wenig wie ein weich geklopfter, übergroßer Baseballhandschuh aussieht – formschön und ergonomisch ist er trotzdem. Charles Eames hat den Stuhl selbst ähnlich beschrieben: "Warm und einladend wie ein alter, viel benutzter Baseballhandschuh." Durch den dunklen Lederbezug wirkt der Stuhl durchaus elegant und edel, hat aber auch etwas Urgemütliches an sich. Mit Möbeln wie diesen prägten Charles und Ray Eames nicht nur die amerikanischen Vorstellungen, wie moderne Büros und Wohnräume auszusehen hatten. Ihre Ideen waren ungewöhnlich und neu, dass sie damals wie heute wie Botschaften aus einer anderen Welt erscheinen – und Designer auch heute noch beeinflussen.

Neben dem "Lounge Chair" sind auch der "Plastic Armchair", der gedrechselte Hocker "Stools" oder "La Chaise", ein elegantes Möbel aus Fiberglas, Design-Ikonen. Sie alle entspringen der ungeheuren Lust des Ehepaares am Experimentieren und Perfektionieren. Charles und Ray tasteten sich gerne an die gestalterischen Möglichkeiten heran. Deshalb existiert kaum ein Entwurf, der nicht in einem langwierigen Trial-and-Error-Prozess entstanden wäre. „Nimm dein Vergnügen ernst“ lautete ihr Leitspruch.

Geglückte Prototypen gehörten da ebenso dazu wie der eine oder andere Fehlschlag. Diese fast kindliche Freude am Experimentieren war von Anfang an eine starke Triebfeder des Kreativ-Duos, das ursprünglich mit etwas ganz anderem als Möbel begonnen hatte. 1941 erhielten sie von der US-Navy den Auftrag, Arm- und Beinprothesen für die im Zweiten Weltkrieg verwundeten Soldaten zu entwickeln. Dazu verwendeten sie schichtverleimtes Holz, das sie mit einer selbst entwickelten Dampfpresse dreidimensional verbiegen konnten. Bald versuchten sie sich auch in Kleinmöbeln und Spielzeug. In dieser Zeit entstand auch der weltberühmte "Plywood Elephant" aus Holz.

Aber nicht nur Holzplatten gaben in den Händen der Eames ihren spröden Charakter auf, auch andere, solide Materialien wie Fiberglas, Kunststoff, schweres Drahtgitter verformten sie fantasievoll in alle Richtungen. So entstand Anfang der 50er-Jahre der "Wire Chair" – ein Stuhl komplett aus Metall. Ein typisches Beispiel für die Fähigkeit der Eames, Materialien für einen anderen als ihren ursprünglichen Zweck zu verwenden und so ihr ungenutztes Potenzial zu erkennen – bevor es andere taten.

Ein ähnlich unkonventionelles Designstück ist "La Chaise" aus 1948. Für den skulpturalen Stuhl mit einer Öffnung nach hinten ließen sich die Eames von einer Arbeit des Bildhauers Gaston Lachaise inspirieren. Die organische Form verlieh "La Chaise" einen Sonderstatus, denn er zielte in erster Linie darauf ab, sich der menschlichen Silhouette anzupassen. Dennoch blieb er zunächst ein Prototyp.

Erst 1990 produzierte die Firma Vitra den sonderbaren Stuhl mit weißer Sitzschale aus Polyurethan, der heute begehrtes Sammelobjekt ist. Überhaupt werden Eames-Originalstücke heute zu horrenden Preisen verkauft und versteigert. Ausgerechnet das war aber nie Ziel der Eames, die ihr Leben lang den Anspruch verfolgten: "Wir wollen für so viele Menschen wie möglich und so kostengünstig wie möglich das Beste schaffen."

Design ist Evolution

IMMO: Ihre Großeltern gelten als bedeutende Vertreter des Industrie-Designs. Wie sind Ihre Erinnerungen?Eames Demetrios: Als meine Geschwister und ich klein war, wussten wir nicht, dass unsere Großeltern bedeutende Designer sind. Wir haben es geliebt, sie zu besuchen. Es hat einfach Spaß gemacht, sie als Großeltern zu haben. Uns gegenüber waren sie stets aufmerksam, rücksichtsvoll und fröhlich, immer sehr engagiert. Natürlich zeigten sie uns die tollen Sachen, an denen sie gerade tüftelten, aber sie wollten auch unbedingt erfahren, was wir Kinder taten, was wir dachten. Das war typisch für sie. Sie waren immer neugierig. Das spiegelt auch ihre Arbeit wider.

Wie war ihre Herangehensweise? Design war für meine Großeltern gelebte Lebensphilosophie. Ihre Möbel entstanden in langen Trial-and-Error-Prozessen. Jeder Schritt war für sie eine Gelegenheit, um Neues zu lernen, Herausforderungen, genauso Fehlschläge anzunehmen. Grundsätzlich war ihre Arbeitsweise immer ähnlich. Bei der Auseinandersetzung mit einem neuen Medium gab es immer einen Punkt, an dem nur die beiden ganz für sich arbeiteten. Sie wollten etwas lernen. Spielerisches Erkunden zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeit.

Design war also nichts Starres oder gar ewig Gültiges für sie? Keinesfalls. Mein Großvater hat immer gesagt: „Design hat im Gegensatz zur Kunst immer ein aktives Element, den Anspruch, am Puls der Zeit zu sein.“ Das spiegelt sich auch sehr schön in einem der berühmtesten Designstücke meiner Großeltern wider, im „Lounge Chair“. Der hat im Laufe der Jahre immer wieder bis heute Änderungen erfahren.Inwiefern hat sich der „Lounge Chair“ verändert? Heute werden in der Produktion umweltfreundlichere, auch neue Materialien und Kleber verwendet. Außerdem ist der Sessel größer geworden und ist nun auch als XL-Version auf den Markt gekommen. Das ist dem Umstand geschuldet, dass die Menschen immer größer werden. Solche Adaptionen wären ganz im Sinn von Ray und Charles, die bis zu ihrem Tod auch selbst immer wieder mit neuen Materialien experimentiert haben. Charles sagte immer: „Wir ändern Dinge nicht einfach so zum Spaß, sondern nur, wenn es einen guten Grund dafür gibt. Design ist eine natürliche Evolution.“

Mehr über Leben und Werk der Eames erfährt man in der vierteiligen Großausstellung „An Eames Celebration“ im Vitra Design Museum. Bis 25. Februar 2018. www.design-museum.de