Modernist entwarf "Peek & Cloppenburg"-Filiale

Die Bauwerke von Sir David Chipperfield zeichneten sich bisher durch eine sachliche und zeitgenössische Formensprache aus. Auch sein neuester Entwurf knüpft daran an.

Die Referenzliste des britischen Architekten (und von der Queen geadelten) David Chipperfield wird von subtiler Akribie begleitet. Selten lassen seine Projekte ein wenn oder aber zu. 1953 in der britischen Grafschaft Devon geboren, gründete er sein Büro 1984 in London. Heute beschäftigt er mehr als 200 Mitarbeiter in London, Berlin, Mailand und Schanghai. Zu seinen wichtigsten Bauwerken zählt die Berliner Museumsinsel. Außerdem hat er Türklinken und Tassen sowie Möbel für renommierte Hersteller wie B&B Italia, Alessi oder Cassina entworfen.

Seit Kurzem gibt es auch einen Chipperfield in Wien: Das Peek & Cloppenburg Weltstadthaus in der Kärntner Straße. Im Interview mit IMMO spricht der Architekt über das Kaufhaus, Adolf Loos und Bezüge zur österreichischen Bautradition. 2007 hat Ihr Büro den Wettbewerb zum "Weltstadthaus" in Wien für die Firma Peek & Cloppenburg gewonnen. Was für ein Bild von einem Kaufhaus hatten Sie bei Ihrem Entwurf vor Augen?

David Chipperfield: Der Neubau befindet sich in einer der wichtigsten historischen Straßen der Stadt und ist von Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert, aber auch aus der Nachkriegszeit umgeben. Es gab Überlegungen zur architektonischen Präsenz, und wir stellten uns die Frage, wie ein Kaufhaus von außen überhaupt aussehen soll. Außerdem war es wichtig zu verstehen, wie ein Kaufhaus funktioniert und aus welcher Tradition es kommt. Heute gleichen viele moderne Exemplare einem großen Warenlager ohne Fenster, die ein Maximum an Flexibilität leisten. Die großformatigen Fenster mit ihren tiefen Laibungen waren von Anfang an ein wichtiger Bestandteil des Entwurfes, als Teil der Architektur im Kontext aber auch in Bezug auf die Wahrnehmung eines Gebäudes von innen. Der Ausgangspunkt war ein "Haus mit Fenstern" – mit Öffnungen, die dem Gebäude einen Maßstab geben und eine Beziehung zwischen innen und außen herstellen. Wie würden Sie den Dialog zwischen Innen- und Außenraum beschreiben?

David Chipperfield: Die Fenster dienen als Schaufenster, zugleich handelt es sich bei ihnen um eine architektonische Idee. Die benachbarte Architektur wird Teil der Szenografie. Wir sehen den Neubau heute ohne Möbel oder Kleidung im Inneren, aber wir gehen davon aus, dass diese kraftvolle Beziehung von den Menschen, die die Präsentation der Waren betreuen, verstanden wird. In gewisser Hinsicht haben wir für das Kaufhaus eine Herausforderung geschaffen, mit der es sich auseinandersetzen muss. Es war aber von Anfang an klar, dass die Freiheit, die fensterlose Räume bieten, verloren gehen könnte, wenn der Innenraum mit der Wahrnehmung des Außenraums ergänzt wird. Sie sprechen von Kontinuität und Lernen von der Geschichte bei gleichzeitiger Fortentwicklung. Sehen Sie den Bau als eine Brücke zwischen Tradition und Moderne?

David Chipperfield: Bei jedem Entwurf fragen wir uns zunächst, welche Faktoren Einfluss auf das Gebäude, seine Form und seinen Charakter haben. Uns interessieren Typologien und architektonische Elemente, die auf ihre Art wahrnehmbar und wieder erkennbar sind. Beim Peek & Cloppenburg Weltstadthaus in Wien geht es um Größenverhältnisse und eine reduzierte Formensprache. Der große innerstädtische Maßstab und der Verzicht auf angewandte Dekoration spielen eine wesentliche Rolle. Kontinuität funktioniert auch mit einer Fassade, die reduziert und minimalistisch ist. Sie vermittelt zwischen einer zeitgenössischen Architektursprache, Tradition und historischer Bausubstanz. ... Die reich verzierten Fassaden der Gebäude in der Kärntner Straße sind vom Spiel der Schatten geprägt. Dieses Thema haben wir in unserer Fassade aufgegriffen. In den oberen Geschoßen sind die Fenster zurückversetzt. Dadurch bekommt die Fassade eine Tiefe, die ein besonderes Schattenspiel entstehen lässt. Auf diese Art haben wir eine Verbindung mit den historischen Gebäuden hergestellt. Ich bin mir sicher, dass sich der Neubau in die Stadt integriert und als ein wertvoller Beitrag akzeptiert wird. Der Entwurf ist kein Versuch, die Stadt zu verändern, oder etwas zu radikalisieren. Wenn es erst einmal eröffnet und die Straße nach den Bauarbeiten wieder normal zugänglich ist, wird das Haus weniger im Mittelpunkt stehen. Es ist ein großes modernes Gebäude, das sich in die traditionsreiche Kärntner Straße einbindet. Was mussten Sie insbesondere bei der Eingliederung in diese Umgebung beachten?

David Chipperfield: Das Gebäude orientiert sich an den Warenhäusern des 19. Jahrhunderts. Die wichtigste Aufgabe war die Auseinandersetzung mit dem Charakter des Hauses und der Frage, was dieser im Kontext des historischen Zentrums bedeutet. Man muss sich das wie einen Dialog vorstellen zwischen dem Interesse für die Geschichte und dem Verlangen, modern zu sein.

Die äußere Erscheinung des Gebäudes hat Anlass zu vielen interessanten Diskussionen mit einer Stadt voller Denkmäler gegeben: Ist es zu modern oder nicht modern genug? Oder auch: Was ist überhaupt modern? Ich denke, dass wir hier sowohl architektonisch als auch kommerziell für neue Energie in der Kärntner Straße sorgen werden. Sie benutzen für die Außenfassade Naturstein. Inwiefern trägt dieser in seiner Materialität dem historischen Kontext Rechnung?

David Chipperfield: Zunächst haben wir überlegt, Travertin zu nutzen, sind aber draufgekommen, dass er zu italienisch wirkt. Nun haben wir einen für Wien typischen hellen, fein gestockten Donaukalk gewählt, was eine gute Entscheidung war. Sein Farbton steht in Verbindung mit den Farben der benachbarten Gebäude. Wichtig war die ungewöhnliche Bauweise. Die Fassade ist nicht vorgehängt, sondern eine massiv aufgemauerte Natursteinfassade.

Es gibt weitaus preiswertere Möglichkeiten, ein Gebäude so aussehen zu lassen, als sei es aus massivem Stein errichtet, aber unsere Fassade wurde wirklich Stein auf Stein gebaut. Sie hat eine sehr traditionelle Beschaffenheit, die man nicht auf eine andere günstige und zeitgenössische Weise erhalten kann. Gibt es andere Details, die besonders wichtig für das Gebäude sind? Was ist zum Beispiel mit der Lichtkrone?

David Chipperfield: Diese ist ein wichtiges Thema. Sie bildet den oberen Abschluss des Atriums, filtert das Tageslicht und verbirgt die Technik, welche sich auf dem Dach befindet. Die Lichtkrone ist ein traditionelles Gestaltungselement, das mit einem auf Kreisbögen aufbauenden Ornament aus Aluminiumguss neu interpretiert wird. Es ist ein geometrisches Muster, das aus sich überschneidenden Kreisen besteht. Dieses Ornament findet sich am Nachtgitter am Haupteingang wieder. Was verbinden Sie mit einer Firma wie Peek & Cloppenburg?

David Chipperfield: Viele gute Architekten haben bereits für das Unternehmen gebaut. Ich kannte das Gebäude mit der Glasfassade in Berlin, hatte vom Renzo-Piano-Gebäude in Köln gehört und Richard Meiers Haus gesehen. Ich finde es interessant, dass ein Kaufhaus in Verbindung mit qualitativ hochwertiger Architektur gebracht wird. Vor vier Jahren haben Sie den Wettbewerb gewonnen. Was haben Sie während der Zusammenarbeit über die "DNA" des Unternehmens gelernt?

David Chipperfield: Häufig ist das Interesse an Architektur im Falle eines Verkaufshauses nicht besonders groß, sofern sie nicht zur Philosophie eines Unternehmens gehört, wie im Fall von Peek & Cloppenburg. Ein normales Unternehmen legt nur dann Wert auf Architektur, wenn es meint, dass es ihm auf irgendeine Weise nützlich ist. Es ist oft nur an dem Aspekt von Design interessiert, der mit dem Image und Branding zu tun hat.

Hier hatten wir es mit einem Bauherrn zu tun, für den Architektur echte Leidenschaft ist. Und der verstanden hat, dass es nicht allein darum geht, was kurzfristig gut in einem Magazin aussieht – sondern, dass es auf Beständigkeit ankommt. Was verbinden Sie mit Wien? Was ist für Sie typisch für diese Stadt?

David Chipperfield: Abgesehen vom normalen Klischee der Sachertorte? Mit Wien assoziiere ich gute Architektur. In unserem Beruf haben wir eine seltsame Sichtweise auf die Welt. Wir verbinden mit ihr sehr spezielle Gebäude. Für uns ist Adolf Loos eine wichtige Figur in der Geschichte, gerade durch sein Wirken in Wien. Auch das hiesige Wittgenstein-Haus von Ludwig Wittgenstein und Paul Engelmann ist eine großartige Enzyklopädie stilbildender Architektur des frühen 20. Jahrhunderts.
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