© Emre Dörter

Architektur
10/19/2016

Lesezeichen: Moderne Bibliotheken

Wie sehen die Bibliotheken der Zukunft aus? Und welche Funktionen haben Büchereien noch, wenn alle Schriften ohnehin digitalisiert werden? Eine mögliche Antwort liefern aktuelle Beispiele aus aller Welt.

von Mario Kopf

Mit heutigem Tag startet die Frankfurter Buchmesse, wohl nicht zu Unrecht oftmals als Höhepunkt der Branche bezeichnet. Eine Branche, die die technologischen Entwicklungen stark zu spüren bekommt. E-Books scheinen für viele kein Fremdwort mehr zu sein, eine beachtliche Zahl an Literatur (vor allem wissenschaftlicher Natur) ist online verfügbar. Und dennoch bleiben Bibliotheken gut besucht – einige werden sogar stärker denn je frequentiert (siehe Interview mit ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger unten). Auch international sind in den letzten Jahren Projekte entstanden, die einerseits mit ihrer Architektur überzeugen. Und andererseits oftmals auch den Ort neu denken. Eine Auswahl.

Dokk1 (Dänemark)

Vor einem Jahr wurde in der Hafenstadt Aarhus die größte öffentliche Bücherei Skandinaviens eröffnet. Der von Schmidt Hammer Lassen Architects entworfene vieleckige Bau aus Beton und Glas ist Teil eines Stadtentwicklungsplans – und gleichzeitig Vertreter einer neuen Generation an Bibliotheken. „Dokk1“ soll laut den Gestaltern ein multikultureller Treffpunkt sein. Und dementsprechend ist das Gebäude strukturiert: In dem futuristischen Objekt findet sich zwar auch ein Medienverleih, aber ebenso eine Bürgerservicestelle, moderne Kinderspielbereiche, 3-D-Drucker oder Tonstudios.

Biblioteca de Vila Franca de Xira (Portugal)

Wo einst Reis gemahlen wurde, errichtete Miguel Arruda Arquitectos eine „Fabrik der Worte“, wie die öffentliche Einrichtung auch genannt wird. In Vila Franca de Xira, nördlich von Lissabon gelegen, schuf das Büro einen Koloss, der mit der Geometrie spielt. Dreieckige und trapezförmige Glasflächen ermöglichen neuartige Ausblicke, im zurückhaltend weißen Inneren wurden auf sechs Ebenen eine Aula, moderne Lesebereiche sowie ein Ausstellungsraum geschaffen.

Chinatown Branch Library (USA)

Wo finden Bewohner einen attraktiven Platz zum Austauschen, Lernen und für Gemeinschaftsaktivitäten? Diese öffentliche Bücherei in Chicago wurde vom Studio SOM als solcher konzipiert. Und zwar unter besonderer Berücksichtigung des Stadtviertels Chinatown: Mit fließenden Formen, Feng-Shui-Elementen und einem für chinesische Atriumhäuser traditionellen Grundriss, bei dem alle Bereiche im Zentrum münden.

Beyazıt State Library (Türkei)

Dass für ein zeitgemäßes Ambiente nicht erst die Bagger auffahren müssen, beweisen Tabanlıoglu Architects: Sie haben eine der berühmtesten Bibliotheken Istanbuls sensibel saniert und erweitert. Die Räumlichkeiten wurden um moderne Akzente ergänzt und nutzerfreundlich gestaltet, ohne die historische Basis zu übertrumpfen. So überspannt nun eine transparente Membranstruktur den Innenhof, schwarze, klimatisierte Glasboxen (siehe auch Titelfoto oben) machen heikle Bestände sichtbar.

Aizkibel Library (Spanien)

Eine der spektakulärsten Bücherstätten ist jene in Azkoitia: In einer ehemaligen Bahnstation untergebracht, wurde der Platz schließlich zu eng. Für die Erweiterung zeichnete das Estudio Beldarrain verantwortlich: Um diese Vorgeschichte in Erinnerung zu rufen, verwendeten die spanischen Architekten hölzerne Bahnschwellen und kreierten daraus einen kastenförmigen Zubau. Dies ermöglichte nicht nur den Gewinn an Raum, sondern fügte der gediegenen Stuckfassade einen rustikalen Kontrast hinzu.

Vaughan Civic Centre Ressource Library (Kanada)

Den Wandel vom Ort der Einsamkeit zu einem der Begegnung symbolisiert auch das Projekt von ZAS Architects in Vaughan. Die einer Achterbahn nachempfundene Fassade aus Spiegel- und Glasplatten sorgt für ein Spiel mit dem Licht, die Innenräume werden durch Farben strukturiert. Um flexibel zu bleiben, wurde beim Bau großteils auf Wände verzichtet – dank eines eigenen Akustikdesigns bleibt es dennoch ruhig.

Trotz Digitalisierung und eBooks scheint der Bau von Bibliotheken weltweit nicht abzureißen. Wie erklären Sie sich das?
In einer Zeit, in der sehr viel über den Bildschirm kommuniziert wird, gibt es eine Sehnsucht, sich auch mit realen Menschen auszutauschen. In einer Bibliothek kann man der Einsamkeit des Forschens entfliehen, in Ruhe arbeiten, ist aber doch unter Menschen. Sie hat da so etwas wie eine Dorfbrunnenfunktion. Obwohl wir immer mehr Inhalte ins Internet stellen, steigen die Besucherzahlen in unseren Lesesälen.

Die Technologisierung führt demnach zu einem neuen Boom?
Ich denke, dass Bibliotheken noch wichtiger werden. Einerseits als Ort der Ruhe und als Dienstleister. Wir leben in einer Informationsgesellschaft, es gibt so viele Inhalte wie nie zuvor. Hier braucht es Lotsen, die durch diesen Dschungel führen – und das können Bibliothekare sein. Andererseits gibt es das virtuelle Angebot: Mit einem Internetanschluss lässt sich weltweit auf die Inhalte der Nationalbibliothek zugreifen. Das ist eine Demokratisierung des Wissens.

Wird die Bibliothek von morgen ohne Bücher auskommen?
Meine Einschätzung ist, dass das gedruckte Werk nie verschwinden wird. Aber in fünfzehn, zwanzig Jahren wird es nicht mehr das Leitmedium sein, eher eine Form des eBooks. Dennoch: So wie die Fotografie die Malerei und das Fernsehen das Kino nicht verdrängt hat, wird auch das physische Buch überleben.

Welche Auswirkungen wird dieser Wandel auf die Gestaltung der Räumlichkeiten haben?
Ich kann mich erinnern, dass es vor zehn Jahren noch Beschwerden gab, weil sich manche Besucher vom Tastaturtippen gestört gefühlt haben. Heute arbeiten hier neunzig Prozent mit dem Laptop. Alleine in den letzten Jahren haben wir zwei zusätzliche Lesesäle gebaut, weil der Bedarf gestiegen ist. Ich denke, dass eine anspruchsvolle Gestaltung wesentlich für den Erfolg ist. Das ist für mich auch eine Frage des Respekts gegenüber den Menschen. Sie müssen sich wohlfühlen. Bibliotheken sind heute dienstleistungsorientierte Einrichtungen. Dazu gehört auch die dementsprechende Ästhetik.

Gibt es internationale Projekte, die Sie diesbezüglich beeindrucken?
Ich habe die neue Bibliothek im ägyptischen Alexandria besucht, das war imponierend. Auch Bauten in Kopenhagen oder Riga haben etwas Zukunftsweisendes. Am wichtigsten ist aber, dass die Menschen gerne hingehen. Das ist elementar, weil ich glaube, dass Bibliotheken dazu beitragen, die Menschen zum Lesen zu verführen.

Sie haben früh damit begonnen, Bestände zu digitalisieren. Wie wirkt sich dies im täglichen Betrieb aus?
Das ist für uns mittlerweile ein normaler Arbeitsprozess. In unserem Public-Private-Partnership mit Google digitalisieren wir den gesamten urheberrechtsfreien Bestand, das sind insgesamt rund 600.000 Bücher. Das wird 2018 abgeschlossen sein. Und natürlich sammeln wir nach wie vor alles, was in Österreich gedruckt wird – das ist ein Zuwachs von über 30.000 Bänden pro Jahr. Die Auflagen gehen zurück, die Menge an Titeln allerdings nicht.

Haben Sie einen Lieblingsort in der Nationalbibliothek?
Den Prunksaal. Wenn man diesen betritt, wird man ganz ruhig und ist gleichzeitig beeindruckt, weil man von so vielen Büchern umgeben ist. Obwohl ich schon so lange hier arbeite, empfinde ich hierbei noch immer ein Glücksgefühl.

Das imposante „Library & Learning Center“ von Zaha Hadid Architects auf dem Campus der Wiener Wirtschaftsuniversität ist natürlich eine Ansage. Der riesige Komplex, der 2013 eröffnet wurde, war das letzte Großprojekt seiner Art. Einer schöneren „Buchhaltung“ verschreiben sich nun weitere Bauvorhaben. So dürfen sich zum Beispiel Studenten der Grazer Karl-Franzens-Universität auf eine zeitgemäße Adaptierung ihrer Bibliothek freuen.

Der Entwurf des Architekturbüros Atelier Thomas Pucher sieht eine Aufstockung des historischen Gebäudes mittels Glasquader vor, der Platz für 200 Personen bietet. Während der denkmalgeschützte Hauptlesesaal erhalten bleibt, muss der schmucklose Vorbau weichen. Mit einer Fertigstellung wird 2019 gerechnet.


Zu einem Lese-, Lern- und Schulungsort soll sich die Bücherei der Stadtgemeinde Dornbirn bis 2018 entwickeln. Nachdem sich die Zahl der Entlehnungen in den letzten zwanzig Jahren vervierfacht hat, wurde ein Neubau beschlossen – im Wettbewerb konnten sichDietrich Untertrifaller Architektenmit einem zweigeschoßigen Pavillon durchsetzen. Im Zentrum ihrer Idee steht ein von oben belichteter Raum, um den sich die anderen Bereiche gruppieren. Einen schönen Akzent setzt die der Glasfassade vorgelagerte Struktur, die an die Ziegelgitter der bäuerlichen Wirtschaftsgebäude der Umgebung erinnert.
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