Prunkvolle Kulisse: Jamil Sarr, Patrick Kravina, Andrea Prillmann und Eva Klimek nach getaner Arbeit vor dem Schloss Belvedere (von links).

© KURIER/Gilbert Novy

Reportage
06/16/2015

Lasset uns jäten: Gärtnern in den Bundesgärten

Tausche Schrebergarten gegen Schlosspark: Bei dem Projekt "Gartenschätze" helfen Freiwillige, die schönsten historischen Gartenanlagen des Landes zu pflegen – von Schönbrunn bis Belvedere. IMMO begleitete eine Gruppe bei ihrem ersten Einsatz.

von Mario Kopf

Kraut oder Unkraut, das ist hier die Frage. Zwischen Glockenheide und Alpenrose schlängeln sich gelbe Potentilla und Wicken – schöne Pflanzen, die allerdings an dieser Stelle nicht erwünscht sind. "Mit der ganzen Wurzel erwischt", ruft Andrea Prillmann in die Runde und hält die ausgerupfte Trophäe in die Höhe, "das ist unsere größte Freude." Freitagmittag, 30 Grad, Schatten sucht man im Alpengarten beim Schloss Belvedere in Wien vergeblich. Nur wenige Meter entfernt vom Gürtel, wo sich Autos ins Wochenende stauen, offenbart sich ein verstecktes Kleinod der Stadt. Über 4000 verschiedene Alpenpflanzen aus aller Welt finden hier Platz, die Besucher Ruhe und Kontemplation. Und eine Menge Unkraut, wie Prillmann es entfernt hat. Die 54-jährige Wienerin ist eine von vielen ehrenamtlichen Freiwilligen, die die Bundesgärten zu verschönern helfen. Heute ist ihr erster Einsatz. "Gärtnern bedeutet für mich, mit den Gedanken herunterzukommen und den ganzen Stress zu vergessen. Es ist ein toller Ausgleich zum 40-Stunden-Job, vor allem in dieser Umgebung", erzählt Prillmann. Beruflich leitet sie die Wiener Zweigstelle des Architekturbüros Friedreich und wurde über ein Zeitungsinserat auf "Gartenschätze" aufmerksam. "Natürlich könnte ich ins Schwimmbad gehen, aber hier kann ich aktiv sein und helfen. Auch wenn Hände und Füße wehtun, schaut man am Ende auf sein Werk und denkt: "Das habe ich jetzt geschafft."

Der Verein Schatzhaus Österreich unterstützt die Wiener Bundesgärten.

Anfang Mai startete das Projekt, das von Brigitte Mang, Direktorin der Österreichischen Bundesgärten, und Eva Klimek, Präsidentin des Vereins Schatzhaus Österreich, initiiert wurde. Gesucht werden Freiwillige, die beim Gärtnern mithelfen. Rund fünfzig haben sich bereits gemeldet und arbeiten in Kleingruppen zwischen zwei und fünf Personen. Der Lohn ist Fachwissen von qualifizierten Gärtnern und die Gelegenheit, die ehemaligen habsburgischen, denkmalgeschützten Gärten mitzugestalten. Auch Eva Klimek packt heute mit an. "Mich überrascht, wie viel man hier lernt, auch wenn man nicht unerfahren ist." Als ORF-Redakteurin berichtete sie über historische Gartenanlagen und Denkmalschutz, nun trägt sie selbst zur Erhaltung dieser bei. "Für mich sind diese Gärten Kunstwerke und ein unglaubliches kulturelles Erbe." Rund 290 Hektar umfasst die Fläche der österreichischen Bundesgärten, circa 160.000 Pflanzen befinden sich in den Sammlungen. Neben dem Belvederegarten sind Augarten, Burggarten, Volksgarten und der Schlosspark Schönbrunn (Wien) sowie der Hofgarten und Schlosspark Ambras (Innsbruck) potenzielle Arbeitsplätze für freiwillige Helfer. Bei den zig Millionen Besuchern jährlich ist es nicht unwahrscheinlich, dass das Ergebnis der Gartenarbeit zum Fotomotiv von Touristen wird.

Mitmachen kann jeder: Mindestens zwölf Stunden Arbeitszeit müssen im Monat investiert werden.

Besonders freut sich Klimek darüber, dass sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter gut untereinander verstehen und aus den verschiedensten Ländern der Welt – von Japan bis Tschechien – kommen. "Das ist ein internationales Statement, das mein Herz wärmt. Keinesfalls wollten wir eine Pensionistinnenpartie sein, die die ,Heimat verschönert‘ und womöglich Dirndl trägt."

Jamil Sarr lächelt, wenn sie dies hört. Sie arbeitet ebenfalls zum ersten Mal für die Bundesgärten und ist davon begeistert. "Es fühlt sich toll an, helfen zu können." Bei einem Spaziergang mit ihrem Ehemann im Belvederegarten entdeckte sie den Hinweis auf das Projekt und meldete sich gleich an. Die 26-Jährige zog vor einem Jahr von Gambia nach Wien, absolviert momentan einen Deutschkurs und möchte in Zukunft ihr begonnenes Studium der Informationstechnologie in Wien aufnehmen. Am meisten imponieren ihr die zahlreichen Blumen des Alpengartens und die netten Kolleginnen. "Mein Vater hat einen riesigen Garten in Gambia, dort wachsen Bananen, Guaven und Mangos. Jetzt habe ich endlich auch wieder einen, auch wenn er etwas anders aussieht."Vorkenntnisse, wie sie Prillmann und Sarr mitbringen, sind allerdings keine Voraussetzung für die Mitarbeit – die Anweisungen erteilt ein Profi. "Den Efeu bitte entfernen", sagt Patrick Kravina zu seinen neuen Kolleginnen. Seit der Lehre im Jahr 2001 gärtnert er für die Bundesgärten, der Alpengarten ist sein Revier. Anfang des 19. Jahrhunderts von Erzherzog Johann in Schönbrunn angelegt und 1865 in den Belvederegarten übersiedelt, umfasst die Sammlung heute europäische und internationale Alpenpflanzen. "Wir haben hier eine Pflanzenvielfalt von Bergen aus aller Welt, die man selten auf so einem kleinen Raum zu sehen bekommt", sagt Kravina.

Rund 290 Hektar umfasst die Fläche der österreichischen Bundesgärten.

Trotz des unterschiedlichen Klimas gedeihen sie auf über 2500 Quadratmetern prächtig. Das fasziniert auch die Direktorin: "Man hat tatsächlich den Eindruck, in den Alpen zu sein, und eine kleine Welt der Berge zu haben", sagt Mang. Neben der angenehmen Ruhe streicht sie den Wert der Sammlung hervor: "Wir haben hier Schätze, die teilweise vom Aussterben bedroht sind. Dies ist ein Refugium für Biodiversität, Artenschutz und -erhaltung."Während im Schlosspark Schönbrunn Beete im Ausmaß eines halben Fußballfeldes zurechtgezupft werden, konzentriert sich die Aufgabe hier auf engerem Raum. Die Freiwilligen füllen Kübel und Schubkarren mit Unkraut, trotz Sisyphusarbeit sind sie engagiert und fragen interessiert nach Pflanzenarten. Mindestens zwölf Stunden Arbeitszeit müssen im Monat investiert werden, das Projekt ist auf eine mehrjährige Zusammenarbeit ausgerichtet. "Wir möchten kontinuierliche Beziehungen schaffen. Das Engagement gelingt umso besser, je länger eine Gruppe zusammenbleibt und lernt, miteinander zu arbeiten", sagt Mang.

Circa 160.000 Pflanzen befinden sich in den Sammlungen der Bundesgärten.

Neben der Unterstützung der Bundesgärten handelt es sich auch um ein Projekt für die Gesellschaft und soll Menschen, die eine neue Aufgabe oder ein soziales Engagement suchen, ansprechen.Trends wie Urban Gardening oder die allgegenwärtige Rückbesinnung auf die Natur adressieren immer mehr Menschen aus allen Alters- und sozialen Schichten. So treffen beim Verein Schatzhaus Studenten auf Pensionisten, Führungskräfte auf Hausfrauen. "Gemeinsam gärtnern macht richtig Spaß. Laien arbeiten mit Profis, alle sind engagiert, es ist einfach lustig", meint Klimek. Während es in anderen Ländern selbstverständlich sei, Gemeinschaftsarbeiten zu leisten, entstehe in Österreich erst langsam ein Bewusstsein dafür. Nach zweieinhalb Stunden ist der erste Arbeitstag für Prillmann und Sarr vorbei. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. "Sie haben sich sehr gut eingebracht. Das war auch eine positive neue Erfahrung für mich", so Kravina. Vom Idyll des Arbeitsortes sind alle begeistert. "Wenn man in Barcelona ist, schaut man sich natürlich den Parc Güell an. Als Wiener ist es typisch, dass man so etwas hier nicht kennt", lacht Prillmann. Das hat sich seit heute geändert: Wöchentlich wird sie gemeinsam mit Jamil Sarr und Patrick Kravina in die Bergwelt mitten in der Stadt eintauchen. Und bei ihrer Tätigkeit genauso aufblühen wie die Alpenpflanzen.

www.bundesgaerten.at

Verein Schatzhaus Österreich

Wer ebenfalls in den ehemaligen habsburgischen Anlagen mitgärtnern möchte, muss dem Verein Schatzhaus Österreich beitreten. Vorkenntnisse sind nicht notwendig, allerdings ein Mindestalter von 18 Jahren, eine aufrechte Sozialversicherung und die Bereitschaft, mindestens ein halbes Jahr zwölf Stunden pro Monat zu arbeiten. Zur Vorbereitung findet eine verpflichtende Infoveranstaltung statt. Der Mitgliedschaftsbeitrag (inklusive Versicherungsschutz) beträgt 20 Euro im Jahr.

www.schatzhaus-oesterreich.at

Wie kam es zu der Idee und dem Projekt „Gartenschätze“?
Die Österreichischen Bundesgärten haben vielfältige Anforderungen: Sie sind historische Gärten, Gartendenkmale, öffentliche Grünräume, Tourismus-Standorte und müssen erhalten und gepflegt werden. Sie stehen unter Denkmalschutz und so, wie wir sie im 20. Jahrhundert erhalten haben, müssen wir sie in die Zukunft führen. Dazu kommt eine fordernde Personalsituation, sodass ich mit Eva Klimek vom Verein Schatzhaus Österreich vor eineinhalb Jahren die Idee hatte, Freiwillige einzubinden. Seit Mai läuft die Aktion und ich bin sehr zufrieden. Die ersten Freiwilligen sind sehr engagiert und eine beeindruckende Unterstützung.

Welche Arbeiten können Freiwillige im Rahmen des Projekts übernehmen?
Da der Frühsommer schon weit fortgeschritten ist, ist momentan vor allem Unkrautjäten angesagt. Nächstes Jahr fallen dann Arbeiten wie das Setzen von Frühjahrs- und Sommerblumen an, insgesamt soll das Gärtnern abwechslungsreich sein und Spaß machen. Im Herbst wird Laub geputzt.
Gearbeitet wird bei uns ausschließlich mit den Händen und ohne Maschinen. Aber auch administrative Tätigkeiten sind durchaus denkbar.

Werden durch die freiwilligen Helfer nicht Arbeitsplätze ersetzt?
Nein, keinesfalls. Das wäre auch gar nicht möglich. Wir brauchen unsere Fachkräfte für unsere speziellen Arbeitsanforderungen. Diese sind hoch qualifiziert, haben eine gärtnerische Ausbildung und sind Spezialisten für historische Gärten. Wir sind sehr froh, wenn Freiwillige unterstützend zur Hand gehen und helfen, das nationale Kulturgut zu erhalten.

Aus welchen Gründen sollte man Ihrer Meinung nach mitarbeiten?
Wir haben sieben historische Gärten und Gartendenkmale, die zwischen vierhundert und zweihundert Jahre alt sind und aus der Monarchie stammen. Der Pflanzenbestand ist einzigartig und von unseren Fachkräften kann man besonders viel lernen. Die Vereinsmitglieder können hier unter Anleitung von Profis gärtnern, inmitten dieser wunderschönen Anlagen. Ich sehe einerseits einen Trend zum Garteln, aber andererseits auch einen Boom an gesellschaftlichem Engagement. Viele Menschen möchten mithelfen und beispielsweise öffentliche Grünräume pflegen. Wenn jemand sagt, er möchte sich einen Vormittag die Woche einbringen und etwas Gutes tun, ist das wunderbar.

Gärtnern Sie auch privat?
Mit Leidenschaft, wenn es die Zeit zulässt. Gärtnern macht einfach Spaß. Ich setze jede Menge Sommerblumen in Kübeln in meinem Vorgarten. Ich liebe das, es ist ein angenehmer Ausgleich.

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